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Psychologie

06.06.2011

Probleme sind Entwicklungsschritte

Zum 50. Todestag von Carl Gustav Jung versammelt ein Band wichtige Aufsätze des Ahnherrn der Psychiatrie

Mensch werden, das war für den Schweizer Menschenkenner Carl Gustav Jung (1857–1961) kein einmaliger Vorgang. Vielmehr geschieht das in jeder Altersstufe, drei bis vier Mal im Leben. Diese Biografiearbeit muss geleistet werden. Als habe er den Jugendwahn unseres Zeitalters vorausgesehen, mokiert sich Jung, der heute vor 50 Jahren in Küsnacht starb, über Ältere, die sich weigern, ihr Altern anzunehmen, aber auch über Junge, die das Altern verdrängen. Jede Altersstufe gleicht einer Geburt, das gehört in die Lebensplanung. Bloß nicht zur „Erinnerungssalzsäule erstarren“.

An nichts wächst und reift der Mensch mehr als an seinen Altersprozessen. Wer sich gegen sie wehrt, wird neurotisch. C.G. Jung, neben Sigmund Freud der wichtigste Begründer der Psychiatrie, findet klare Worte. „Ein Junger, der nicht kämpft und siegt, hat das Beste seiner Jugend verpasst, und ein Alter, welcher auf das Geheimnis der Bäche, die von Gipfeln in Täler rauschen, nicht zu lauschen versteht, ist sinnlos, eine geistige Mumie, welche nichts ist als erstarrte Vergangenheit.“

Verena Kast und Ingrid Riedel haben die wichtigsten Themen von C.G. Jung in einem Band vereint. Ein schwieriges Unterfangen, denn der produktive Wissenschaftler hinterließ 20 Bände. In Übereinstimmung mit Kollegen des C.G. Jung-Instituts in Zürich wurden jene Texte berücksichtigt, die „gut erschließbar“ sind und zugleich „unabdingbar für das Verständnis der Jung’schen Psychologie“.

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Verdrängte Komplexe machen den Menschen krank

Der anfängliche Mitarbeiter Freuds hatte sich mit seinem Meister überworfen, als er 1912 dessen Libidotheorie kritisierte. Jung entwickelte seine eigene Lehre, die von Komplexen ausgeht, die ins Unbewusste abgedrängt werden, was zu Krankheiten führen kann. Wer zum Beispiel einen Mutterkomplex hat, denkt bei allem, was er tut, an seine Mutter – das kann eine fatale Gefangenschaft sein.

Dennoch: Probleme haben ihren Wert, sie sind nützlich. „Das seelische Leben des Kulturmenschen (...) ist voll Problematik, ja es lässt sich ohne Problematik gar nicht denken“, schreibt Jung. „Unsere seelischen Vorgänge sind zum großen Teil Überlegungen, Zweifel, Experimente (...) Die Existenz der Problematik verdanken wir dem Wachstum des Bewusstseins. So bedeutet jedes Problem die Möglichkeit zu einer Erweiterung des Bewusstseins, zugleich aber auch die Nötigung, von aller unbewussten Kindhaftigkeit und Naturhaftigkeit Abschied zu nehmen.“ C.G. Jung will den erwachsenen Menschen.

Kultur ist für ihn Problembewältigung. Wir wachsen an unseren Herausforderungen. „Die großen Lebensprobleme sind nie auf immer gelöst. Sind sie es einmal anscheinend, so ist es immer ein Verlust. Ihr Sinn und Zweck scheint nicht in ihrer Lösung zu liegen, sondern darin, dass wir unablässig an ihnen arbeiten. Das allein bewahrt uns vor Verdummung und Versteinerung.“

C.G. Jung: Ausgewählte Schriften, herausgegeben von Verena Kast und Ingrid Riedel. Patmos, Stuttgart 2011, 313 Seiten, 24,90 Euro

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