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Literatur

03.05.2020

Rassismus und Corona: "Das Virus ist farbenblind, wir sind es nicht"

In Amerika von der Wucht des Virus am stärksten betroffen: die afroamerikanische Bevölkerung.
Bild: Dieu Nalio Chery

Ta-Nehisi Coates, eine der wichtigsten Stimmen des schwarzen Amerika, befasst sich in seinem eben erschienenen Roman mit der Sklaverei. Deren Folgen zeigen sich auch in der Corona-Krise.

Das Coronavirus unterscheidet nicht zwischen den Menschen. Es sei farbenblind, sagte Ta-Nehisi Coates dieser Tage in einem Fernsehinterview und wollte an erster Stelle vor allem sein Mitgefühl für alle Betroffenen ausdrücken. Aber natürlich, was gerade passiere, sei ganz offensichtlich: Die Corona-Pandemie trifft diejenigen am härtesten, deren Leben ohnehin oftmals schon ein härteres ist: die afroamerikanische Bevölkerung der Vereinigen Staaten.

In den USA gilt noch immer: Gesundheit ist auch eine Frage der Hautfarbe. Und so spiegeln nun auch die Opferzahlen des Coronavirus die Ungleichheiten in den Lebensbedingungen zwischen Schwarzen und Weißen wider. „Diese Zahlen rauben einem buchstäblich den Atem“, sagte Chicagos schwarze Bürgermeisterin Lori Lightfoot Anfang April angesichts der ersten Statistiken: Fast 70 Prozent der Coronavirus-Toten waren Afroamerikaner, bei einem Bevölkerungsanteil von etwas mehr als 30 Prozent. In anderen Bundesstaaten ergab sich ein ähnliches Bild. Laut Washington Post ist in Gegenden, in denen mehrheitlich Afroamerikaner leben, die Infektionsrate dreimal und die Todesrate sechsmal so hoch im Vergleich zu Gegenden, in denen vor allem weiße Amerikaner leben. Es sei wie in jeder Krise, sagte Ta-Nehisi Coates: „Vergleichen Sie es mit einem Haus, das von einer Flutwelle getroffen wird.“ Unter den Opfern seien zuerst die Bewohner im Erdgeschoss und dem ersten Stock.

Die Schwarzen sind im Nachteil - auch in der Corona-Krise

Ta-Nehisi Coates ist kein Wissenschaftler. Sondern Schriftsteller. Einer der wichtigsten Stimmen des schwarzen Amerika. Er war Gast bei Barack Obama im Weißen Haus, vor dem Kongress plädierte er im vergangenen Jahr für das Gesetzesvorhaben, das Reparationszahlungen für die Sklaverei vorsah. Als 2015 in den USA sein Buch „Zwischen mir und der Welt“ erschien, sah die Nobelpreisträgerin Torri Morrison endlich die Lücke gefüllt, die mit dem Tod von James Baldwin entstanden sei. Was in der Corona-Krise so schrecklich offenbar wird, ist das Thema seiner Essays: Der in die Identität des Landes eingewebte Rassismus und was das für das Leben der afroamerikanischen Bevölkerung bedeutet. Nun also, von der tödlichen Wucht des Virus viel häufiger getroffen zu werden. Weil Schwarze beispielsweise häufiger als Weiße an Vorerkrankungen wie Diabetes, Herzkrankheiten, Asthma oder Bluthochdruck leiden, häufiger in Berufen arbeiten, in denen kein Homeoffice und damit auch kein social distancing möglich ist.

Ta-Nehisi Coates
Bild: www.imago-images.de

In „Zwischen mir und der Welt“ schrieb Ta-Nehisi Coates in Form eines Briefes an seinen Sohn ein wütendes Manifest, zugleich mit der flehenden Warnung an das Kind versehen, nicht zu verzweifeln an den Ungerechtigkeiten und auf seinen jungen Körper achtzugeben. Sein Buch stand monatelang auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerliste, so wie nun auch der eben auf Deutsch erschienene Roman „Der Wassertänzer“. Geschrieben aber schon lange zuvor, ehe Coates zum intellektuellen Star wurde. Auch da aber das Thema: Sklaverei als Ursprungsinfektion des Landes.

Die unheimliche Fähigkeit der Großmutter

Coates, der im Übrigen für Marvel-Comics die Abenteuer des Superhelden „Black Panther“ schreibt, zuletzt auch eine Neufassung von „Captain America“, erzählt darin von einem jungen Superhelden: dem Jungen Hiram, der als Sohn einer Sklavin auf einer Tabakplantage in Virginia aufwächst. Und der, wie auch schon seine Großmutter, über die unheimliche Kraft verfügt, Menschen durch, wie er es nennt, Konduktion von einem Ort zum anderen zu transportieren. In dem Fall: aus der Sklaverei des Südens in die Freiheit des Nordens.

Das klingt schräger, als es sich liest. Wie ohnehin der gesamte Roman, bis auf dieses Element, sich eher konventionell liest. Verfasst von Coates in Black American English, „ein mit dem Blues unterlegter Sound“, so der Übersetzer Bernhard Robben, den er in der gelungenen deutschen Version durch mehr Nähe zur gesprochenen Sprache kenntlich zu machen versucht.

Der Wagemut des Romans aber steckt weniger im Stil denn in der Idee. Und wenn er nicht lange vor Colson Whiteheads „Underground Railroad“ verfasst worden wäre, hätte man den „Wassertänzer“ quasi als Zwillingsbruder lesen können. Whitehead verwandelte den Underground Railroad, das Netzwerk, das Sklaven zur Flucht in den Norden verhalf, in eine tatsächliche Eisenbahn. Bei Coates nun erfolgt die Flucht per Teleportation: „Durch das Beschwören einer Geschichte, Wasser sowie jener Gegenstand, der die Erinnerung greifbar machte, wie ein Ziegelstein – das war Konduktion.“

Auch der Superheld entkommt, aber kehrt dennoch wieder zurück – gekettet an Land und Leute. Hirams Vater ist der Plantagenbesitzer selbst. Und mit welcher Feinheit Coates dieses ambivalente Verhältnis beschreibt, ist großartig. Da ist der Junge, der sich nach der Anerkennung des Vaters sehnt. Als der den so klugen und vielseitig begabten Sohn ins Haupthaus holt, Unterricht angedeihen lässt, träumt er verwegen davon, sogar einst die ganze Plantage übernehmen zu können. Und wird vom nichtsnutzigen Halbbruder brutal in die Wirklichkeit zurückgeholt. Aus Langeweile wünscht sich der, dass Hiram die Sklaven zu einem Rennen zusammentrommelt. Und fordert ihn dann auf, gefälligst mitzulaufen …

"Der Wassertänzer": Das System im Niedergang

Coates beschreibt das Leben auf der Plantage kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1865. Die Felder sind ausgebeutet, das System befindet sich im Niedergang, um ihr dekadentes Leben weiterführen zu können, verkaufen die Plantagenbesitzer jene, die es ihnen ermöglichen. Coates beschreibt weniger die physischen Grausamkeiten, die den Sklaven angetan wurden, als die psychischen. Brutal werden Familien auseinandergerissen. Die Ziehmutter, bei der Hiram aufwächst, hat fünf Kinder verloren, nur mühsam kann sie ihr Herz nun für dieses zugelaufene sechste öffnen.

Coates ist als Erzähler weniger radikal denn als Essayist, er entwirft ein Gesellschaftsbild in Grautönen. „Ich glaube, zu einer anderen Zeit hätten unsere Rollen vertauscht sein können, und ich wäre ein Farbiger und du vielleicht der Weiße gewesen“, sagt der Vater, gesteht: „Ich bin kein guter Mensch.“ Da weiß der Sohn aber längst von der Grausamkeit des Vaters und will ihn nur noch wissen lassen: Vergebung ist unwichtig, Vergessen aber der Tod. Das ist es, wogegen der Schriftsteller Coates anschreibt. „Versklavung ist die Grundlage von Amerika. Punkt“, sagte er kurz vor Erscheinen im Spiegel-Gespräch: „Es wäre verrückt anzunehmen, dass die Sklaverei zwar stattgefunden, aber nichts damit zu tun hat, dass die betroffene Bevölkerungsgruppe sich heute am unteren Ende nahezu jeder sozioökonomischen Kategorie wiederfindet.“ In den Opferzahlen des Coronavirus spiegelt es sich wider.

Ta-Nehisi Coates: Der Wassertänzer. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Blessing, 544 S., 24 €

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