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Interview

18.10.2020

Regisseur Oliver Stone: "Amerikaner leben in einer Fantasiewelt"

Hat in Filmen wie „Geboren am 4. Juli“ und „Platoon“, „JFK“ und „Nixon“, aber auch „Snowden“ immer auch schon amerikanische Geschichte verhandelt: der 74-jährige New Yorker Oliver Stone.
Bild: Imago Images

Regie-Legende Oliver Stone spricht über die Hölle auf Erden in den USA und das Versagen der Politik. Er erklärt, warum Hollywood für ihn tot ist, und erzählt, wie er schon früh zum Außenseiter wurde.

Ihre Autobiografie heißt „Chasing the Light“. Aber haben Sie auf dieser Jagd denn das Licht gefunden?

Oliver Stone: Das war mit 40 der Fall. Jedenfalls das Licht des Erfolgs. Und zwar als „Platoon“ zu einem absolut unglaublichen Erfolg wurde. Das war eine „Aschenputtel“-Geschichte von „Rocky“-Dimensionen. Hier hatten wir einen unbekannten B-Film, der mit wenig Geld auf den Philippinen gedreht wurde und sich dann zu einem Monsterhit entwickelte – auf der ganzen Welt. Vorher hatte mich die gesamte Hollywood-Gemeinde abgelehnt und auf einmal haben mich die Studios wieder mit offenen Armen aufgenommen.

Aber die Zeiten, in denen Sie mit Ihren Filmen die Welt bewegten, liegen lange zurück. Bedauern Sie das?

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Stone: Nein, denn ich bin glücklich und zufrieden. Ich habe genügend Filme gedreht, und das hat viel Energie gekostet. Es gibt aktuell kein Thema, das mir unter den Nägeln brennt. „Snowden“ habe ich vor vier Jahren auch nur gemacht, weil ich die Öffentlichkeit für das Thema des Überwachungsstaats sensibilisieren wollte. Ich dachte, das wäre meine Verantwortung. Aber der Film hat mich auch nicht so begeistert wie ein „Platoon“. Einen Film auf die Beine zu stellen, kostet ein, zwei Jahre deines Lebens. Ich habe keine Motivation, mit 74 irgendetwas ohne große Ambition zu drehen, nur um des Filmemachens willen. Abgesehen davon ist Hollywood sowieso nicht mehr an mir interessiert. Wobei ich mir die Frage stelle: Gibt es Hollywood überhaupt noch?

Warum sollte es das nicht mehr geben?

Stone: Wer macht denn heutzutage noch richtige Filme? Alle arbeiten doch fürs Fernsehen, wo der Durchschnitt regiert, weil sämtliche Projekte auf den kleinstmöglichen Nenner hin getrimmt werden. Es gibt mehr Bürokratie; die Entscheidungen über Projekte werden im Komitee gefällt. Die Drehbuchentwicklung ist das Schlimmste überhaupt – man nennt sie nicht umsonst die „Entwicklungshölle“. Das alles passt nicht zu den Filmen, wie ich sie gedreht habe. Die liegen außerhalb der Norm. Ich glaube nicht, dass ein Netflix sie verstehen würde. Ein „Snowden“ konnte nur deshalb gemacht werden, weil die Anschubfinanzierung aus Deutschland und Frankreich kam.

Oliver Stone: Trump ist ein Hochstapler und Narzisst

Gibt es wirklich keine Sujets, für die Sie sich erwärmen können?

Stone: Ich hätte gerne die juristische Aufarbeitung des My-Lai-Massakers in Vietnam verfilmt, das war eine großartige Geschichte. Aber das kam nicht zustande, weil die Verhandlungen in den Jahren nach dem 11. September liefen. Da kam eine Story über amerikanische Soldaten, die ein Blutbad unter Zivilisten anrichten, nicht so gut an. Und mein Martin-Luther-King-Projekt klappte nicht, weil ich auch seine Seitensprünge thematisieren wollte, und dagegen hatten seine Nachlassverwalter etwas einzuwenden.

Wie wäre es denn mit einem Donald Trump-Film?

Stone: Momentan macht das nicht so viel Sinn, weil sich seine Geschichte ja ständig weiterentwickelt. Abgesehen davon wurde über ihn so viel geschrieben, dass ich da nicht so viel Neues beizutragen hätte. Letztlich ist er einfach nur ein Hochstapler und Narzisst.

Aber angesichts der Verwerfungen, für die er sorgte, wäre er doch ein idealer Filmprotagonist.

Stone: Offen gestanden hat er noch keine bleibenden Schäden angerichtet. Ja, er hat keine Moral. Aber hatte die ein George W. Bush? Der ist ein Nichtsnutz, und aus meiner Sicht war er der bei Weitem schlimmste Präsident, den wir je hatten. Er war ein mittelmäßiger Student, der sich vor Vietnam drückte und dem man trotzdem den roten Teppich ausrollte. Als Präsident war er ein Schwächling, der so tat, als wäre er stark, und uns dann in einen verheerenden Krieg in den Nahen Osten geführt hat, von dem wir uns bis heute nicht erholt haben. Wir haben uns auch noch nicht von der Antiterrorgesetzgebung des Patriot Act erholt.

Stone: Wir sind in einem System gefangen

Wie sehen Sie im Vergleich dazu Barack Obama?

Stone: Er verkündete hehre Absichten, aber während seiner Präsidentschaft wurden Whistleblower verfolgt, die Bomben- und Drohnenangriffe wurden ausgeweitet. Der Punkt ist, dass wir in einem System gefangen sind, aus dem wir nicht ausbrechen können.

Welche Art von System meinen Sie?

Stone: Einem, das von der konservativen Ideologie des militärischen Establishments geprägt ist. Als Kennedy dieses abschaffen und eine friedfertigere Politik etablieren wollte, hat man ihn aus dem Weg geräumt. Wir sind eine militaristische Gesellschaft, die einen Kult der Waffen und Armee betreibt. Die Trillionen, die wir für unseren Verteidigungshaushalt ausgeben, haben unser Land verdorben. Wir halten uns für die Stärksten auf der Welt, was meines Erachtens ein Trugschluss ist. Ich selbst habe die Machenschaften des Militärs immer wieder angeprangert, nicht zuletzt in meiner Autobiografie, in der ich auf die ganzen Lügen des Vietnamkriegs eingehe. Wir haben uns nie eingestanden, wie viele unserer Soldaten von unseren eigenen Truppen versehentlich getötet wurden. Wir erzählten die Lüge, dass wir keine Zivilisten umgebracht hätten, und wir logen uns in die Tasche, dass wir diesen Krieg gewinnen konnten. Das ganze Konzept des Siegens war abgefuckt – schon von Beginn des Krieges an. Leider gibt es in den USA viel zu wenige Leute, die es wagen, das Militär herauszufordern. Dafür braucht man eben Mumm.

Trotz Ihrer ganzen Antikriegsfilme und US-kritischen Dokumentationen hat sich ja offenbar nicht viel geändert. Sind Sie desillusioniert?

Stone: In der Tat, das bin ich. Ich würde gerne glauben, dass ich mit meiner Arbeit etwas Gutes tue. Ich weiß auch, dass sehr viele Menschen darauf positiv reagiert haben. Nur auf Regierungsebene ändert sich nichts. Womöglich liegt das an der tief verwurzelten Aggressivität der amerikanischen Gesellschaft. Wenn ich nach Japan gehe, sehe ich keine Waffen. Ich erlebe eine ganz andere Kultur, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Die schießen sich nicht auf der Straße über den Haufen. Ihr in Europa habt eure Lektion aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt, die sich leider nicht ins amerikanische Bewusstsein eingeprägt hat. Wir leben in einer Fantasiewelt aus Videos und Kriegsfilmen. Die Leute haben keine realistische Vorstellung von der Natur des Krieges. Deshalb haben wir auch keine Skrupel, die Menschen auf der ganzen Welt in Furcht und Schrecken zu versetzen, weil wir ihnen unseren Blickwinkel und Lebensstil aufzwingen wollen.

Stone: "Die Menschen in Europa und Asien sind viel gebildeter"

Das heißt, die Amerikaner sollten sich lieber nach dem Rest der Welt richten als anders herum?

Stone: Das würde ich schon so sagen. In den USA haben zu viele Menschen keine historische Perspektive. Sie leben in Disneyland oder auf einem Golfplatz. Sie kämpfen nur darum, wirtschaftlich voranzukommen. Das ist ihr einziger Gedanke. Doch wir brauchen eine Art Weltbewusstsein. Die Menschen in Europa und Asien sind viel gebildeter und lebensklüger. Denen geht es nicht nur ums Geldverdienen.

Und wie war es bei Ihnen? Sie sind ja auch Amerikaner. Und mit Filmen lässt sich gutes Geld machen.

Stone: Aus diesem Grund ging ich nie in die Filmbranche. Ich habe diesen Weg gewählt, weil ich Geschichten erzählen wollte. Ich hatte keine Ahnung, dass da so ein Milliarden-Dollar-Blockbuster-Business daraus entsteht. Das hat dem Kino sowieso nicht gut getan, weil Filme, die etwas über unsere Gesellschaft aussagen, ins Hintertreffen gerieten.

Haben Sie nie daran gedacht, mal auszuwandern? Ihre Mutter war Französin, Ihre Frau ist gebürtige Koreanerin. Ihr letzter Film wurde mit europäischen Geldern finanziert.

Stone: Natürlich habe ich das. Aber ich bin geprägt von Amerika, ich bin hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Und es ist hier auch nicht so katastrophal, wie das teilweise von den Medien dargestellt wird. Lieber versuche ich mich dafür einzusetzen, dass sich die Dinge ändern. Es gibt noch viele gute Menschen hier. Es lohnt sich, mit ihnen für ein besseres Amerika zu kämpfen. Und ich bin auch jemand, der an ein Happy End glaubt.

Regisseur Stone: "Ein Durchschnittsamerikaner lebt in einer Welt voller Schmerz"

Nehmen wir an, Sie hätten nie dieses kritische Bewusstsein entwickelt. Dann hätten Sie ein wesentlich leichteres Leben haben können. Wäre diese Vorstellung verlockend?

Stone: Absolut nicht. So ein Durchschnittsamerikaner lebt in einer Welt voller Schmerz, er begreift es nur nicht, denn er ist spirituell tot und nur am Materiellen interessiert. So eine Existenz ist die Hölle auf Erden. Natürlich war es hart, sich mit diesen ganzen Problemen auseinanderzusetzen. Deshalb steckt ja auch in meiner Autobiografie sehr viel Schmerz. Aber ohne das hätte ich ein nutzloses Leben geführt. So aber hat mein Dasein eine Bedeutung – spirituell, politisch, sozial.

Können Sie sich noch erinnern, als Sie sich zum ersten Mal für einen hehren Zweck engagierten?

Stone: Das war in der Schule. Da war ich so um die zehn. In meiner Klasse war ein Junge – körperlich ungelenk, auch sonst unbeholfen und auch nicht besonders gebildet. Und er wurde vom Rest der Klasse gemobbt. Er war ganz allein, und er tat mir leid. Also habe ich mich für ihn eingesetzt, was nicht gut ankam. Als Resultat wurde ich ebenfalls zum Außenseiter. Das hat mir einen ersten guten Einblick vermittelt, wie die menschliche Gesellschaft funktioniert.

Aber in der Filmbranche haben Sie dann schon die Ellenbogen ausgefahren?

Stone: Im Gegenteil. Als Vietnam-Veteran konnte ich mit der Gesellschaft lange Zeit nichts anfangen, ich fühlte mich wie ein Wilder. Deshalb habe ich bewusst versucht, besonders behutsam und zivilisiert mit Leuten umzugehen. Dabei hätte ich mit einigen lieber Tacheles reden sollen. In dieser Branche benimmt man sich ganz schön daneben. Und so wurde ich als Neueinsteiger von den Leuten, die keine solchen Hemmungen hatten, so richtig ausgenutzt.

Stone beschäftigt sich mit dem Buddhismus

Sie wirken immer noch relativ sanft und umsichtig. Wie haben Sie es geschafft, diese Haltung trotz der ganzen Negativität, die auf Sie einprasselte, zu bewahren?

Stone: Ich beschäftige mich seit fast 30 Jahren intensiv mit dem Buddhismus. Und das hilft mir, eine innere Harmonie zu finden. Ich bin kein Mensch, der sich selbst geißelt und mit einem härenen Gewand herumläuft. Und ich kann mich ja auch nicht beklagen. Ich hatte ein gutes Leben.

Sie werden auch nie hinwerfen, selbst wenn Sie keine große Leidenschaft fürs Filmemachen mehr haben?

Stone: Nein, es gibt noch so viele andere Dinge, die mich interessieren. Ich mache ja auch weiter meine Dokumentationen. Wir sollen unser Leben nutzen, um das Beste daraus zu machen, um bewusster zu werden. Das ist eine große Verantwortung. Und wir sollten uns nicht sagen: „Ist alles egal.“ Sonst würden wir in einem Zustand des Nihilismus leben, und der funktioniert nicht.

Oliver Stone, Jahrgang 1946, ist einer der großen Filmemacher Hollywoods, dreimal mit dem Oscar ausgezeichnet, berühmt für Filme wie „Platoon“, „Wall Street“, „JFK“, „Natural Born Killers“, „Scarface“ und „Geboren am 4. Juli“. Jetzt ist seine Autobiografie auf Deutsch erschienen: „Chasing the Light“ (FinanzBuch Verlag, 350 S., 24,99).

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