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Interview

19.11.2019

Residenz-Intendant Beck: „Wir sind ein kultureller Nahversorger“

„Manchmal muss man den Dingen auch eine Dauer geben“: Andreas Beck, Intendant am Münchner Residenztheater. 
Bild: Luzia Hunziker

Exklusiv Andreas Beck ist der neue Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Im Interview erklärt er, weshalb seiner Überzeugung nach Theater lokal sein muss.

Herr Beck, Sie waren schon einmal in den 1990er Jahren als Dramaturg am Residenztheater in München. Jetzt sind Sie als Intendant zurückgekehrt. Wie hat sich die Stadt verändert?

Andreas Beck: Als ich das erste Mal hier war, lief mein Studentenleben gerade aus. Jetzt bin aus dieser Zeit doch deutlich herausgewachsen. Die Stadt, die ich verlassen habe, habe ich als jüngerer Mensch erlebt, es war eine jüngere Stadt. Jetzt erlebe ich sie als Wiederkehrer. Die Stadt ist deutlich mehr eine Großstadt des 21. Jahrhunderts, mit viel mehr Menschen und anderen Bedürfnissen, anderen Krisengebieten. Was sich nie geändert hat, ist, dass Wohnraum Mangelware und ein teures Gut ist.

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Beck: Ich musste Gott sei Dank nicht mehr als Student suchen. (lacht)

Ging das jetzt leichter?

Beck: Herausfordernd war es schon. Ich finde es ein großes gesellschaftliches Versäumnis, auch von den Parteien des linken Spektrums, dass der Wohnraum inzwischen so teuer ist, dass man ihn sich nicht mehr leisten kann.

Wirken solche Erfahrungen bei Ihnen auch in der Art nach, dass sich das auf der Bühne niederschlagen wird?

Beck: Wir versuchen immer, die Stadt zu reflektieren. Ein Credo von mir ist, dass Theater immer lokal ist. Natürlich müssen wir den Ort betrachten. Wir sind ein kultureller Nahversorger. Das Publikum muss hier seine Themen wiederfinden, nicht nur die Klassik, nicht immer nur die Welt. Bei uns wird nicht nur das große Ganze befragt, sondern auch das Lokale, sei es durch einen Dialekt oder die lokal verankerte Literatur oder eben auch über Themen. Jetzt bin ich aber noch nicht auf das Stück gestoßen, in dem Mietpreise dramatisch aufbereitet sind.

Andreas Beck: "Jedes Haus hat seine eigene DNA"

Das heißt, dass es für Sie einen Unterschied gibt, ob Sie nun in ihrer vorigen Station Basel arbeiten oder in München?

Beck: Absolut. Erst einmal gibt es einen Unterschied im Publikum. Jedes Haus hat eine eigene DNA und Entstehungsgeschichte, die sich auch auf das Publikum auswirkt. Es sucht ja nicht nur eine Vorstellung, sondern auch eine Institution auf.

Haben Sie sich vorab mit der Historie des Residenztheaters beschäftigt?

Beck: Das muss man. Theater ist Verabredung. Auf den Proben trifft man Verabredungen für ein gemeinsames Spiel. Die andere Verabredung, die man zusätzlich einzugehen hat, ist die mit dem Ort und dem Publikum.

München wird jetzt nicht das System Beck übergestülpt, sondern Sie passen es auf die Stadt und das Haus an?

Beck: Das hat mich immer irritiert, wenn ich von Kollegen lese, dass sie ein Konzept für ein Haus haben. Ein Konzept ist schön zu haben, aber gleichzeitig müssen Anspruch und Wirklichkeit zusammenfinden. Es ist gut, dass man plant, dass man Ideen hat und sammelt für einen Ort. Unser Spielplan besteht aus einem Teil, den wir aus Basel mitbringen, deshalb hat man uns geholt. Gleichzeitig ist er ein Versuch, auf sehr unterschiedliche Weise herauszukitzeln, worauf diese Stadt Lust hat. Wo beißt das Publikum an, woran hat es ein Interesse?

Wenn Sie über die Maximilianstraße an die Kammerspiele schauen: Hat Intendant Matthias Lilienthal damals seinem Publikum und der Stadt zu viel Veränderung auf einmal zugemutet?

Beck: Das ist immer eine Frage von Vermittlung und Kommunikation. Jeder Wechsel ist Veränderung. Veränderung muss aber stattfinden. Die Frage ist, wie ich das kommuniziere.

Wie gehen Sie mit der Rivalität der beiden Häuser um?

Beck: Die gab es ja immer. Die Kammerspiele sind eine bürgerliche Reaktion auf das Hoftheater. Von Anfang an ist das als eine Energiequelle für das Theater und diese Stadt gedacht. Es ist gut, dass es so ist.

In Basel waren Sie extrem erfolgreich, Sie sind dort 2018 als Theater des Jahres ausgezeichnet worden. Warum wechseln Sie?

Beck: Man hat immer einen Vertrag auf Zeit. Im dritten Jahr muss man entscheiden, ob man bleibt oder geht. Man kann das gut mit Bahnhöfen vergleichen: Es gibt Kopfbahnhöfe und Durchgangsbahnhöfe, an denen deutlich wird, dass der Zug weiterfährt. Basel hat keinen Kopfbahnhof, das Gleiche gilt auch für das Theater. Dort kann man schön mit einem sehr entflammbaren Publikum in der Ersten Liga spielen. Gleichzeitig ist es ein Ort, an dem wenige Wurzeln geschlagen haben. Als wir sehr schnell in Basel Erfolg hatten, hat sich die Frage gestellt, ob wir als Truppe gemeinsam weiterziehen, oder ob ich versuche, dem Basler Experiment eine Dauer zu geben. Dann hätte ich aber schauen müssen, wer mit mir in Basel bleibt. Mir war wichtiger, als Truppe zusammen zu bleiben. Außerdem wurde es schwer, unsere Erfolge zu toppen. Es ist einfach schöner, wenn man noch als Weltmeister ausscheidet.

Wäre das Ihr Tipp an Jogi Löw gewesen?

Beck: Nein, ich habe keine Tipps für Jogi Löw. Er macht das super. Und manchmal muss man den Dingen auch eine Dauer geben.

München hat einen Kopfbahnhof

Beck: Sie haben die Analogie durchaus entschlüsselt.

Sie kommen nicht an, um gleich wieder die Koffer zu packen.

Beck: München hat verschiedene Bahnhöfe. Und jetzt schauen wir, ob das hier ein Kopfbahnhof wird.

"Komplizenschaft mit Schauspielern ist mir wichtig"

Wie wichtig ist Ihnen als Intendant die Treue zum Ensemble?

Beck: Ich habe mich schon früh auf neue Texte, Stücke und Autorenentwicklung spezialisiert. Offen gestanden, bin ich dabei immer von Schauspielern und Schauspielerinnen unterstützt worden. Es gab oft Begegnungen mit neuen Texten, die ich zwar bemerkenswert, aber zu denen ich keinen Schlüssel fand. Das geschah erst durch die Arbeit mit Schauspielern. Die Kunst des Schauspielers verzaubert den Text. Als ich durch einen Zufall dazu gebracht wurde, ein Theater zu leiten, war mir die Komplizenschaft mit den Schauspielern ganz wichtig.

Wahrscheinlich arbeiten Sie schon an der nächsten Spielzeit. Wie viel Begegnung mit München fließt da ein?

Beck: Die erste Spielzeit ist in der Anreise entstanden, die zweite muss aus dem Ankommen entstehen. Natürlich brauchen wir viel mehr Zeit. Es wäre kokett zu behaupten, dass man nach vier, sechs Wochen weiß, was eine Stadt benötigt. Das bleibt natürlich ein Ausprobieren. Der Weg innerhalb eines Theaters ist ja immer ein Prozess, es ist ja kein Sprint, sondern ein Marathon, der sich im Verlauf einer Spielzeit aufblättert. Es ist sehr gut, dass wir einen erfolgreichen Start haben, dass wir den ersten Schritt auf der Tanzfläche nicht verstolpert haben. Aber natürlich ist es noch nicht der ganze Ball.

  • Andreas Beck wurde 1965 geboren. Unter anderem in München studierte er Kunstgeschichte, Soziologie und Theaterwissenschaft. Seine Theaterlaufbahn begann er an großen Häusern in München, Stuttgart, Hamburg und Wien. Von 2015 bis 2019 war er Intendant am Theater Basel. Seit dieser Spielzeit leitet er das Residenztheater.
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