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Kino

11.02.2018

Ridley Scott: „Mir war klar, wir würden untergehen“

Regisseur Ridley Scott (Mitte) beim Dreh von „Alles Geld der Welt“ mit Charlie Plummer, dem Darsteller des John Paul Getty III. 
Bild: Tobis Film

Lange vor seinem Start machte der Film „Alles Geld der Welt“ Furore, weil Schauspieler Kevin Spacey herausgeschnitten wurde. Im Interview erklärt der Regisseur seine Beweggründe

Mr. Scott, „Alles Geld der Welt“ war längst abgedreht, als im Herbst der Skandal um Ihren Darsteller Kevin Spacey losbrach. Wie war damals Ihre erste Reaktion?

Ridley Scott: Zunächst ging es ja los mit Harvey Weinstein. Da staunte ich erst einmal, denn ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass Harvey noch mal eingeholt wird von seinem Verhalten. Aber als es kurz darauf um Kevin ging, war mein erster Gedanke: Ach du Scheiße! Denn mir war klar, dass es da nicht um eine mal kurz aufflackernde Aufregung geht, sondern dass eine Art Säuberung bevorsteht. Dass diese Enthüllungen der Anfang einer großen Veränderung sind und all der Mist, der von vielen in dieser Branche über viele Jahre als normales Verhalten etabliert wurde, endlich aufhört.

Berechtigterweise?

Scott: Sicher gab es im Fall von Kevin auch einige Vorwürfe, die harmloser waren als andere, denn wenn ein junger Mann Mitte 20 angebaggert wird, dann wird der sich schon zu helfen wissen. Aber Teenager? Das ist vollkommen inakzeptabel. Genau wie so vieles bei Weinstein. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, aber man kann doch als Produzent Schauspielerinnen nicht in Bars oder Hotelzimmer zum Gespräch bitten. Das darf nicht Normalität sein. Ich jedenfalls habe Meetings in meinem Büro, nirgends sonst.

Welche Konsequenzen befürchteten Sie für Ihren Film?

Scott: Ich hatte keinen Zweifel daran, dass wir in diesem Strudel der Ereignisse untergehen würden. Dass niemand mehr Lust haben würde, Werbung für diesen Film zu machen. Wir waren erledigt. Doch ich war ziemlich schnell überzeugt davon, dass ich Kevin würde ersetzen können. Ich besprach mich mit dem Investor, der den Film zum Großteil finanziert hatte, und berichtete von meinem Plan. Er wollte nur wissen, ob ich mir sicher sei, dass ich das in der knappen Zeit tatsächlich hinbekomme, und fragte dann, wie viel Geld ich brauche. Alle Beteiligten waren bereit, noch einmal anzutreten, um unsere gemeinsame Arbeit zu retten. Am Ende schafften wir es innerhalb von neun Drehtagen.

Haben Sie lediglich Spaceys Szenen mit Christopher Plummer nachgedreht oder auch noch komplett Neues?

Scott: Das war nicht nötig, der Film war perfekt, wenn ich das mal so selbstbewusst sagen darf. Wir haben nur das Nötigste gedreht, mit den gleichen Kulissen und dem gleichen Skript. Wobei Plummers Präsenz den Film selbstverständlich auf interessante Weise veränderte.

Haben Sie ihm die ursprüngliche Fassung gezeigt?

Scott: Nein, das wollte ich auf keinen Fall. Und er auch nicht. Denn er wollte unvoreingenommen sein und sein eigenes Ding machen. Was er dann auch tat.

Ein Milliardär, der kein Lösegeld für seinen Enkel zahlen will

Was interessierte Sie überhaupt an der Geschichte der Getty-Entführung?

Scott: Ich fand Jean Paul Getty und die ganze Familie schon in den sechziger Jahren spannend. Ich war damals in jungen Jahren bereits recht erfolgreich und von Menschen mit viel Geld umgeben. Aber ein Milliardär wie Getty, das war etwas vollkommen Außergewöhnliches. Anders als heute hatte damals niemand Milliarden auf dem Konto. Die Öffentlichkeit kannte Getty eigentlich nur, weil er Geld hatte. Und dann, nach der Entführung, war er plötzlich nicht mehr nur berühmt, sondern auch berüchtigt. Weil er eben von dem Geld nichts für seinen Enkel zahlen wollte.

Ist er für Sie der Antagonist dieser Geschichte?

Scott: Auf keinen Fall. Mir war das immer viel zu simpel, ihn als kaltherzig abzutun. Sich vor die Presse zu stellen und zu sagen: Ich zahle nicht – das war natürlich eine Verhandlungstaktik. Denn natürlich war das eine Botschaft an die Entführer. Auch Regierungen lassen sich nicht auf Erpressungen und Forderungen von Terroristen ein. Da steckt für mich sehr nachvollziehbares Kalkül hinter.

Haben Sie Getty mal getroffen?

Scott: Nein, der alte Getty ist mir nie begegnet. Mit seinem Urenkel Balthazar habe ich vor vielen Jahren mal einen Film gedreht. Jahre später habe ich Balthazar in Los Angeles in einem Restaurant getroffen, da hatte er seinen Vater dabei, den er bis zu seinem Tod 2011 pflegte. John Paul Getty III wurde ja nur wenige Jahre nach der Entführung nach einer Überdosis zum Pflegefall. Seine Mutter Gail war zeitlebens an seiner Seite.

War sie irgendwie in die Arbeit an „Alles Geld der Welt“ eingebunden?

Scott: Das nicht, aber sie hat ihn gesehen. Sie ist mittlerweile 82 Jahre alt und ebenso blitzgescheit wie unberechenbar. Auch zweien ihrer Töchter habe ich den Film gezeigt. Er hat sie alle sehr bewegt und aufgewühlt.

Noch ein Blick zurück auf Ihren zweiten Film des Jahres 2017. „Alien: Covenant“ blieb an den Kassen hinter den Erwartungen zurück. Ist damit das endgültige Ende dieser Reihe besiegelt?

Scott: Wo denken Sie hin? Wenn eine grauenvolle Schnapsidee wie „Alien vs. Predator“ damals das Alien nicht umbringen konnte, dann kann es niemand. Natürlich habe ich keine Ahnung, was nun passieren wird, wo 20th Century Fox von Disney gekauft wurde, die eigentlich nur Filme für Kinder, Teenager und deren Eltern machen. Aber ich habe die Arbeit an der Fortsetzung an „Alien: Covenant“ längst begonnen. 

Ridley Scotts Film „Alles Geld der Welt“ beruht auf einer wahren Begebenheit. 1973 wurde John Paul Getty III entführt. Für ihn werden 17 Millionen Dollar Lösegeld gefordert, zahlen soll sie der Großvater des Opfers, US-Milliardär J. Paul Getty. Der weigert sich zunächst, worauf hin die Entführer dem Enkel ein Ohr abschneiden. Schließlich wird eine geringere Summe bezahlt und John Paul Getty III kommt frei. „Alles Geld der Welt“ läuft ab Donnerstag in deutschen Kinos.

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