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Interview

27.09.2019

Rolf Kühn: „Das Zirkusleben hätte mir gefallen“

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Mit der Klarinette „wird es immer besser“: Rolf Kühn.
Bild: Gregor Fischer, dpa

Eigentlich sollte er wie sein Vater Akrobat werden. Dann aber wurde er Deutschlands bester Jazzklarinettist. Jetzt wird er 90 – und steckt voller Tatendrang.

2019, das Jahr, in dem Sie Ihren 90. Geburtstag feiern, birgt auch noch einige andere historische Daten: 30 Jahre Mauerfall, 70 Jahre Bundesrepublik Deutschland, vor 70 Jahren wurde auch die DDR gegründet. Bei all diesen Ereignissen waren Sie quasi als Zeitzeuge dabei.

Rolf Kühn: 1949 war ich 20 und lebte noch in Leipzig. Die Gründung der beiden deutschen Staaten habe ich gar nicht so mitbekommen, weil sich bei mir alles nur um die Musik drehte. Seit meinem 17. Lebensjahr spielte ich als Saxofonist und Klarinettist im Rundfunk-Tanzorchester Leipzig, der führenden Bigband der Sowjetzone, mit bekannten Kollegen wie dem Trompeter Horst „Hackl“ Fischer oder dem Schlagzeuger Fips Fleischer. Und 1950 bekam ich dann einen Job beim RIAS-Tanzorchester in Berlin als erster Saxofonist. Als ich von zu Hause wegging, fiel mir das alles andere als leicht. Ich musste an unsere Familie und meinen jüngeren Bruder Joachim denken, weil der völlig auf sich selbst gestellt war. Manchmal glaube ich: Er hätte mich vielleicht gerade in dieser Zeit gebraucht. Alles was er heute ist, hat er deswegen ganz allein geschafft. Eine Möglichkeit für mich, wieder nach Hause zu kommen, war die Leipziger Messe. Bei einem dieser Besuche hörte ich zum ersten Mal Joachim mit seinem Trio, was mich unglaublich beeindruckte. Wir gründeten sofort ein Quartett und spielten ein paar Gigs in Halle oder Ost-Berlin. Das ging damals noch. Für mich war das eine Art Homecoming.

Trotz aller Repressalien.

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Kühn: Irgendwann hat die Politik in der DDR begonnen, Einfluss auf die Musik zu nehmen. Es gab diese Anordnung, dass ein Konzertprogramm mindestens zu 60 Prozent mit Stücken von DDR-Komponisten bestritten werden musste. Die Quote erhöhte sich irgendwann auf 70 und dann auf 80 Prozent. Das war ganz scheußlich! Das hat mich weggetrieben.

Erinnern Sie sich an den Tag, als Walter Ulbricht 1961 die Mauer bauen ließ?

Kühn: Oh ja! Am 12. August 1961, einen Tag bevor die DDR die Mauer hochzog, hatte mich Joachim in West-Berlin besucht. Ich fuhr ihn kurz vor Mitternacht mit dem Auto in den Osten zum Anhalter Bahnhof. Wir verabschiedeten uns, er stieg in den Zug, ohne zu wissen, dass wir uns für einen längeren Zeitraum nicht mehr sehen würden. Nur ein paar Stunden später haben sie alle Übergänge geschlossen. Ich habe mir viele Vorwürfe gemacht. Es ging ja eigentlich nur um ein paar Stunden! Wenn ich gewusst hätte, was da passiert, hätte ich ihn unter Garantie nicht weggelassen! In meiner Wohnung wäre Platz für uns beide gewesen. Aber kein Mensch hat damals in Berlin gemerkt, was die vorhatten. 1966 ergab sich die Chance, Joachim über einen internationalen Wettbewerb für junge Pianisten nach Wien zu locken. Inständig bat ich Friedrich Gulda, der das Ganze organisierte, ihn einzuladen. Das muss ich dem Fritz wirklich hoch anrechnen: Obwohl er meinen Bruder nicht kannte, hielt er Wort. Joachim kam, gewann den Zweiten Preis und setzte sich gleich darauf in den Zug in die Bundesrepublik, genauer gesagt nach Hamburg.

"Ich ahnte, dass es nicht leicht werden würde"

Die DDR galt als unfrei, ganz im Gegensatz zur BRD. Wo liegt der Unterschied zwischen den beiden Jazz-Szenen?

Kühn: An der Hemmschwelle. Fast alle jungen Musiker in der DDR waren zu meiner Zeit unsicher. Sie wussten nie, ob das, was sie da vortrugen, nun gut, schlecht oder mittelmäßig war. Das genaue Gegenteil zu ihren Kollegen im Westen. Mittlerweile hat sich das enorm gewandelt. Der Gitarrist Ronny Graupe und der Schlagzeuger Christian Lillinger, mit denen ich zusammen mit dem Nürnberger Bassisten Johannes Fink in der Formation Unit zusammenspiele, kommen aus dem Osten. 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es da nichts Trennendes mehr. Wenn man denen sagt, dass sie morgen in der Carnegie Hall spielen dürfen, dann hätten die damit kein Problem. Sie würden sich nicht anders anziehen als sonst, sondern ihr Ding machen, wie bisher. Ohne Hemmungen. Die sind absolut überzeugt von sich.

Waren Sie das auch, als Sie den Sprung nach Amerika wagten?

Kühn: Ich ahnte, dass es für mich als absolutes Greenhorn dort nicht leicht würde. Aber ich hatte ein gesundes Selbstvertrauen. In den ersten sechs Monaten besaß ich noch keine Mitgliedskarte der Union, der Musiker-Gewerkschaft, mit der ich hätte auftreten dürfen. Also bin ich zunächst jede Nacht in New York von Club zu Club gezogen und habe nur zugehört. Irgendwann wurde ich dann vor ein zwölfköpfiges Komitee geladen, das mich mit strenger Miene befragte und darüber entscheiden musste, ob ich eine Mitgliedskarte bekomme. „You are coming from Germany?“ Ich antwortete: „Yes.“ „You are coming from East Germany?“ Wieder: „Yes.“ „You are a communist, right?“ Ich entgegnete: „No. I am a musician!“ Sie berieten fünf Minuten, dann habe ich die Mitgliedskarte bekommen. Es hätte auch anders laufen können.

Rolf Kühn mit seinem Bruder, dem Jazzpianisten Joachim Kühn (links).
Bild: Stephanie Pilick, dpa

Warum sind Sie nicht Akrobat geworden wie Ihr Vater?

Kühn: Ursprünglich sollte ich ja. Mein Vater, der mit meinem Onkel ein Akrobaten-Duo bildete, – Künstlername: „Die kühnen Brüder“ – hatte das anfangs im Sinn. Es gibt auch Bilder, die zeigen, wie ich als Achtjähriger einen Handstand auf dem Arm meines Vaters mache oder wie wir alle drei eine Pyramide üben. Irgendwann kam mein Vater auf die Idee, dass wir unsere Darbietungen mit Musik auflockern könnten. Also kaufte er mir ein Akkordeon, aber eigentlich wollte ich das gar nicht. Papa merkte das ziemlich schnell und ließ mir die Wahl: Entweder eine Karriere als Akrobat mit gelegentlicher Musikbegleitung oder Musiker mit Haut und Haaren. Das Zirkusleben hätte mir schon gefallen, dieser wuselige Betrieb mit all den Nationalitäten. Für ein Kind ein Paradies! Dennoch spürte ich, dass ich mein Leben besser mit Haut und Haaren der Musik verschreiben sollte. Meine Eltern haben mich in allem unterstützt, was ich gemacht habe. Ich bekam jedes Instrument, das ich haben wollte, eine Hawaii-gitarre, ein Saxofon. Nicht nur in dieser Beziehung konnten wir uns auf Papa und Mama verlassen. Sie waren total großzügig.

Ihre Mutter war Jüdin, eine geborene Moses, und besaß ein Tabakgeschäft in Leipzig, das in der Reichspogromnacht 1938 von den Nazis zerstört wurde. Sie haben das alles als kleiner Junge miterlebt. Was empfinden Sie, wenn heute wieder Neonazis durch die Straßen ziehen, wenn Ausländerfeindlichkeit und Judenhass erneut aufflammen?

Kühn: (lange Pause) Ich empfinde Angst. Das Schlimme daran ist, dass sich viele Jugendliche an diesen Umtrieben beteiligen. Die können doch gar nicht wissen, was damals wirklich geschah, die haben nie dieses Unrecht am eigenen Leib verspürt, diese Furcht, bei jeder unbedachten Äußerung ins Gefängnis zu kommen oder umgebracht werden zu können.

"Miles Davis erkennt man nach zwei Takten"

Wären Sie nicht mit all diesen Stolpersteinen konfrontiert worden, hätten Sie dann anders Klarinette gespielt?

Kühn: Nein. (lange Pause) Inzwischen gibt es Millionen von Saxofonisten, es gibt hunderttausende von Trompetern, jeder von ihnen ist gut ausgebildet. Die können nahezu alles. Aber was macht sie besonders? Wo liegt ihr Wiedererkennungswert? Miles Davis identifiziert jeder spätestens nach zwei Takten, auch der Klarinettist Artie Shaw klingt immer wie Artie Shaw. So etwas schafft man nur, indem man an sich glaubt. Sonst bleibt einem nur das Heer der Ausführenden: Gut, aber nicht gut genug.

Und warum klingt Rolf Kühn wie Rolf Kühn?

Kühn: Weil er bis heute experimentiert. Eigentlich ziemlich bescheuert.

Würden Sie merken, wenn Sie abbauen?

Kühn: Oh ja, na klar!

Und haben Sie schon etwas bemerkt?

Kühn: Nein, definitiv nicht. Es wird sogar immer interessanter und besser. Wenn es nicht so wäre, dann könnte ich das nicht verkraften. Deshalb tue ich eine Menge dafür.

Der Titel des letzten Songs Ihrer bislang letzten CD „Yellow + Blue“ könnte auch eine Frage sein: „What Are Doing The Rest Of Your Life“?

Kühn: An meine übernächste Platte denken!

  • Rolf Kühn wurde am 29. September 1929 in Köln geboren. Er ist der ältere Bruder des Jazzpianisten Joachim Kühn. Zum 90. Geburtstag das Klarinettisten ist die Vinyl-Jubiläumsbox „The Best Is Yet To Come“ mit neun LPs erschienen.
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