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08.03.2009

Rüder Sex in Thalheimers "Reigen"-Inszenierung

Hamburg (dpa) ­ Die Leerstellen in Arthur Schnitzlers Theaterstück "Reigen", das der österreichische Erzähler und Dramatiker 1896/97 in Wien verfasste, sind berühmt.

Erst 1920 skandalumwittert in Berlin uraufgeführt und später bis 1982 von ihm selbst für die Bühne verbotenen, zeigte der Autor in zehn Dialogszenen rein auf Sex und Machtmissbrauch ausgerichtete Begegnungen einander fremd bleibender Menschen ­ und ließ doch mittels Gedankenstrichen im Text den jeweiligen Akt nur in der Fantasie des Zuschauers stattfinden. Wo Schnitzler so die Heuchelei der Gesellschaft seiner Zeit entlarvte, dreht Michael Thalheimer in seiner Hamburger Abschiedsinszenierung am Thalia-Theater voll auf: Er stellt wüste, mechanische Rammelei in den Mittelpunkt ­ um dem heutigen, cooleren Publikum weit drastischer den Spiegel vorzuhalten. Die Premierengäste am Samstagabend reagierten mit amüsiertem Gelächter und Applaus sowie wenigen Buhrufen.

Im Dunkeln kreist die Drehbühne mit sterilen Betten, weiß leuchtet darauf die Wäsche (Bühnenbild: Olaf Altmann). Während rhythmische Musik dröhnt, treten zehn Personen, deren Gesichter man nicht erkennt, an die Rampe, zünden sich Zigaretten an. Schließlich bleiben nur zwei dort stehen ­ ein Soldat in schlampig modernem Zivil (Markus Graf) und eine ihn lockende Dirne (Anna Steffens).

Kaum sehen sich die beiden an, wenn sie lautstark miteinander verhandeln. Ihre Stimmen wirken so viehisch-unpersönlich wie ihr schneller Geschlechtsverkehr. Als der Sex vorbei ist, sagt Leocadia wienerisch trocken "Auf der Bank wärs scho besser wesen" und verlangt im Nachhinein einen Sechser ­ den der Soldat ihr nicht gibt. Ähnlich setzt sich der Reigen der Paare fort, wobei jeweils ein Partner mit einem sozial Höherstehenden kopuliert und sich so der Bogen bis zum Grafen (Norman Hacker) spannt, der am Ende wieder ein Gspusi mit der Dirne hat.

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Niederschmetternd konform und seriell gerät vor allem immer wieder der stets kalt, hilflos und gierig vollzogene Verkehr, was bei den Zuschauern für heftiges Gekicher und Klatschen sorgt. Die Bühnenfiguren kriechen danach wie Verwundete ins Bett und ziehen sich die Decke über den Kopf.

Bei völligem Verzicht auf altösterreichisches Lokalkolorit, dafür abermals ganz gegenwärtig und alltäglich entwirft Thalheimer, der die Hamburger schon 2002 mit seiner Sicht auf Schnitzlers "Liebelei" begeisterte, seine auf für ihn typische 90 Minuten verknappte "Reigen"-Version.

Und auch die Schauspieler schonen sich nicht: In großer Hektik, automatenartig werbend, brüllend oder auch mal klug dozierend, lassen sie die Hosen runter und wälzen sich auf dem Boden. Der junge Herr (Andreas Döhler) in Knaben-Shorts, der eben noch seine Hand hinter dem Schlitz und dann das Stubenmädchen (Olivia Gräser) angefasst hatte, stößt sie anschließend brutal weg und verkündet: "Ich geh jetzt ins Kaffeehaus."

Derb und vordergründig unterhaltsam, trostlos und lächerlich zugleich erscheint dieses Treiben an der Rampe. Kinder ihrer unguten Zeit, Seelenkrüppel, die zu keiner Hingabe und Erfüllung mehr fähig sind, zeichnen sowohl der von Freuds Sozialanalysen beeinflusste Arzt Schnitzler als auch der 1965, am Vorabend der sexuellen Revolution, geborene Thalheimer.

Dabei prangern sie unterschiedliche Dinge an: Was beim Vertreter der Wiener Moderne ein Angriff auf bürgerliche Doppelmoral war, erscheint hier und heute als Abbild einer entgrenzten, geistig-seelisch desorientierten, bestenfalls selbstverliebten Wegwerf-Gesellschaft. Allerdings geht der Regisseur ­ bei allem Einsatz seiner intensiv agierenden Darsteller ­ auch nach der Methode "grober Keil auf groben Klotz" vor: Fraglich bleibt, ob die derart vorgeführten Brachialaffären tatsächlich einen neuen Erkenntniswert bergen, der die Welt- und Selbsteinsicht des Betrachters voranbringen könnte. Was jedenfalls nach der Vorstellung länger im Ohr klingt, ist das Resümee des übersättigten Grafen ganz zum Schluss: "Es wär doch schön gewesen, wenn ich sie nur auf die Augen geküsst hätte. Das wär doch beinahe ein Abenteuer gewesen."

Mit dieser, seiner zehnten, Klassikerinszenierung am Thalia verabschiedet sich Thalheimer bis auf Weiteres von Hamburg. Der Spielleiter hatte dort zuerst 2000, zu Beginn der Ära des Noch-Intendanten Ulrich Khuon, mit seinem raubeinigen Molnarschen "Liliom" Aufsehen erregt: Damals rief der frühere Erste Bürgermeister der Hansestadt, Klaus von Dohnányi, bei der Premiere aus den Zuschauerreihen, "Das ist doch ein anständiges Stück, das muss man doch nicht so spielen" ­ und mehrte damit erst recht Thalheimers Ruhm. Derzeit arbeitet der Regisseur viel am Deutschen Theater in Berlin, wo Khuon in der Saison 2009/10 Bühnenchef wird.

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