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Corona und die Kunst

23.12.2020

Sängerin Sabine Lutzenberger: "Die Panik konnte ich mittlerweile verarbeiten"

Was bleibt einer Sängerin gerade, als sich in die Noten zu vertiefen? Sabine Lutzenberger bei sich zuhause.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Wir begleiten die Sängerin Sabine Lutzenberger durch die Pandemie. Hier erzählt sie, wie es ihr im zweiten Lockdown geht.

Corona gebiert absurde Situationen. Etwa die, dass Künstler ihr Publikum davon abbringen müssen, in ihr Konzert zu kommen. Die Premiere ihres Liedprogramms „Der Mythos von Orpheus“ in der Katharinenkirche hatte Sabine Lutzenberger im März von einem Tag auf den anderen absagen müssen – die Musiker ihres Ensembles Per-Sonat waren bereits in Augsburg gewesen, als es hieß: keine Veranstaltungen mit Publikum mehr. „Wegen der Ungewissheit hatten wir das Konzert möglichst weit in den Herbst verschoben, damit es auf jeden Fall stattfinden kann, dann stand es Ende Oktober wieder auf der Kippe“, erzählt die Sängerin aus Augsburg, eine gefragte Expertin für die Musik des Mittelalters.

Erst am Tag zuvor stand fest, dass nur mehr 50 Zuhörer in der Moritzkirche zugelassen seien, verkauft waren jedoch 80 Karten. Normalerweise widmet sich Lutzenberger an den Vormittagen eines Auftritts dem Einsingen und dem Textstudium, aber an jenem Tag musste sie zum Telefon greifen und 30 Menschen sagen, dass sie am Abend nicht zum Konzert kommen könnten. „Nein, nicht mit mir, ich freue mich schon seit Monaten auf den Termin. Da müssen Sie jemand anderen rumkriegen“, habe ihr ein Mann gesagt, erzählt Lutzenberger und muss dabei ein wenig lachen.

Mit Sängerin Sabine Lutzenberg trifft man sich an der frischen Luft

Kein halbes Jahr ist es her, dass man Lutzenberger im Dachstübchen ihres Hauses in Stadtbergen gegenüber gesessen ist und gehört hat von der „tiefen Traurigkeit darüber, geknebelt zu sein, nicht arbeiten zu dürfen“. Jetzt wollen wir wissen, wie es der Sängerin seitdem in der Pandemie ergangen ist. Wie kommt eine solo-selbstständige Künstlerin durch die Corona-Krise? Sie sagt Sätze wie: „Die Panik, den Schock vom Anfang konnte ich mittlerweile verarbeiten.“ Statt in ihrem Arbeitszimmer unter dem Dach mit den Regalen voller Notenbücher und Werken über mittelalterliche Musik trifft man sich an der frischen Luft zum Spaziergang durch den Wald hinter ihrem Haus. Angst vor Covid-19 habe sie nicht, sagt Sabine Lutzenberger, „aber ich möchte es nicht kriegen“. Man habe mehr Sensibilität entwickelt für kleine Räume und viele Menschen um einen herum.

Sängerin Sabine Lutzenberger musste Konzertgäste ausladen.
Bild: Ulrich Wagner

Auch im Künstlerischen hat Lutzenberger an sich ein neues Gespür für den Moment entdeckt, eine größere Konzentration und Fokussierung bei den wenigen Auftritten, die im Sommer und im Frühherbst stattfinden konnten. „Die Corona-Pause hat die Sinne geschärft, man ist schnell wieder in seinem Element“, sagt die 56-Jährige. Der neuerliche Lockdown trifft sie diesmal nicht so hart, ist die Advents- und Weihnachtszeit für die Sängerin sowieso eine ruhigere Zeit. „Ich bin ja nicht im Oratoriengeschäft.“ Trotzdem gibt es Arbeit genug, Üben, Recherchen für ein neues Programm. Der Enthusiasmus darüber ist der Sängerin deutlich anzuhören, während sie sich einen Weg auf dem schlammigen Waldpfad sucht und von der Messe Leo Hasslers erzählt, die 1608 in Augsburg nur von Frauen aufgeführt wurde. „Das ist sehr spannend, weil Frauen damals nicht öffentlich Musik gemacht haben“. So transkribiert sie Noten, sucht in Online-Beständen der Bibliotheken nach Handschriften und liest nach, wie es Frauen damals möglich war, zu musizieren.

Über der Zukunft steht der Schatten der Ungewissheit

Alles Arbeit, die kein Geld bringt und sich erst lohnt, wenn wieder Konzerte möglich sind. Termine stehen schon einige im Kalender, schließlich wurden die meisten Konzerte dieses Jahres ins nächste verlegt, doch der Schatten der Ungewissheit, ob sie tatsächlich stattfinden können und vor wie vielen Zuschauern, steht über allen Plänen für die Zukunft. „Akquise betreibt derzeit niemand“, weiß sie.

Was Lutzenberger derzeit viel mehr beschäftigt: Wie die Kultur in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde. „Als Luxus-Branche, auf die man verzichtet, wenn es hart auf hart kommt.“ Fassungslos macht es Lutzenberger, dass Kultur nicht als Bildung angesehen wird, sondern „als Freizeitangebot für Leute, die viel Geld haben, als Dienstleistung“.

Sie vergräbt ihre Hände in den Taschen ihrer Jacke und nennt es ein Armutszeugnis für die Gesellschaft, die so wenig Verständnis für die Gesamtheit von Bildung habe. Es sei doch belegt, wie wesentlich Musik hören und Musik machen für die Entwicklung sei, sagt sie mit Vehemenz in der Stimme. „Aber wir haben keine Lobby, dabei ist Musik ein Allgemeingut, das wir als Gesellschaft gemeinsam tragen müssen.“

Keine Perspektive für Musikschaffende: Eine Kollegin verkauft ihre Konzertkleider

Mittlerweile überlegt die Sängerin, in eine Gewerkschaft einzutreten, „Wir müssen uns bündeln, um nicht mehr so verletzlich zu sein.“ Es macht sie betroffen, wenn eine Kollegin erzählt, dass sie ihre Konzertkleider verkauft hat und eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin macht. Oder junge Leute sich nicht mehr dazu entschließen, Musik zu studieren, weil sie keine Perspektiven sehen. „Aber ich will es noch nicht glauben, dass ich als Musikerin nicht weiterhin existieren kann“, sagt Sabine Lutzenberger und schiebt nach: „Mir ist das ein Bedürfnis.“

Lesen Sie, wie es Sabine Lutzenberger im ersten Lockdown ergangen ist: Was Corona für die Sängerin Sabine Lutzenberger bedeutet

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