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Festival

05.08.2020

Salzburger Testspiele: Die Kulturwelt schaut nach Österreich

Festspiele mit Abstand: Besucher sitzen bei der Eröffnung der Salzburger Jubiläumsfestspiele auf dem Kapitelplatz und schauen eine Übertragung. Das Event ist unter strengen Hygiene-Auflagen eröffnet worden.
Bild: Barbara Gindl, apa, dpa

Plus Die Salzburger Festspiele ziehen - trotz Corona - ihr Programm halbwegs durch. Verantwortungslos? Vorbildlich? Ein Augsburger Risikopatient gibt seine Antwort auf der Bühne.

Sechs Tage nun läuft dieser spezielle "Corona-Test" schon. Und alle im Publikum, erst recht die Orchestermusiker, Schauspieler und Sänger, dürfen sich ein wenig wie Versuchskaninchen fühlen. Um die 1000 Menschen im geschlossenen Raum, die mehrheitlich ihre Masken absetzen, wenn die Sitzplätze erreicht sind und der Vorhang sich hebt: Kann das wirklich gut gehen in Zeiten von Covid-19? Einen Monat lang bis Ende August? Oder legen die Salzburger Festspiele jetzt womöglich den Grundstein dafür, dass im Herbst noch andere Festivals, vielleicht auch der Sport, mit öffentlichen Veranstaltungen nachziehen? Weil ein Vorreiter – selbstredend unter Auflagen – zeigt, dass es geht? Das hätte was, das wär’ ein Ding. Andersherum aber gilt es auch, seinen Weltruf bei diesem Test zu behalten!

So oder so: alles offen. Dass die Die Salzburger Festspiele finden auch 2020 statt - auf dünnem Eis Festspiele Salzburg hat ja auch damit was zu tun, dass sie dieses Jahr ein Jubiläum feiern: 100 Jahre. Bei einem runden Geburtstag liegt die Schwelle zur Absage naturgemäß höher. Stell dir vor, du wirst geliebt und 100 und verrammelst die Tür.

Die Salzburger Festspiele werden heuer 100 Jahre alt

Feste soll man feiern, wie sie fallen: Eher hartnäckig als weich gestimmt wurde seitens des Salzburger Intendanten Markus Hinterhäuser dieses ehrgeizige Ziel seit April 2020 verfolgt. Obwohl er sich im Klaren darüber war, dass das ein Seiltanz ist. Das wird bis zur Stunde auch rund um Salzburg, ja weltweit weiter so gesehen und – eben als Test – scharf beobachtet. Wie formulierte es jüngst Florian Herrmann, Bayerns Staatskanzlei-Chef? Er sagte: "Ich halte es für durchaus sportlich, wenn in Salzburg Festspiele abgehalten werden."

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Der kritische Unterton war deutlich zu vernehmen. Und Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, ihrer großen Verantwortung bewusst, erklärte: "Wir tun alles, um eine Ausbreitung zu verhindern." Aber für die Gastronomie, "dafür kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen". Skepsis also gibt es sehr wohl. Das Ganze soll kein Ischgl auf Society-Niveau werden. Mancher Risikogruppenangehöriger dürfte eh weniger in festlicher Hochstimmung als mit leichtem Bauchweh anreisen.

Gleichwohl: Mögen In Bayreuth gibt es jetzt Bratwurst statt Rheingold Ausfall der Festspiele , Bregenz, München und sonstige bedeutende Bühnen-Sommerfestivals abgesagt sein, Europas größtes und bedeutendstes Musikfestival spielt– nahezu singulär. 110 statt 200 Vorstellungen, 80.000 Eintrittskarten statt 240.000, acht Spielstätten statt 16, ein Viertel der geplanten Einnahmen nur: 7,5 Millionen Euro.

Auch vor 100 Jahren war Krisenzeit

Wie’s praktisch ausschaut? Das zu erleben, bietet sich der unverwüstliche "Jedermann" an, dieses "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" von Festspiel-Mitbegründer Hugo von Hofmannsthal. Es war 1920 das erste und einzige Stück der frischgebackenen Festspiele. In den Folgejahren wuchs das Festival stetig, berühmte Förderer wie der gebürtige Salzburger Dirigent Herbert von Karajan trugen den Ruf der Kulturstadt in die Welt hinaus.

Auch vor 100 Jahren war Krisenzeit. Der Erste Weltkrieg lag nicht lang zurück, die Spanische Grippe eben erst überwunden, aber Hunger herrschte allenthalben. So schlecht war die Versorgungslage, dass Festspielgäste nach stattgehabter Vorstellung per Sonderzug wieder aus der Stadt hinauskomplimentiert wurden. Die Salzburger Gastronomie, die zurzeit keine Maskenpflicht hat, sieht das heute ganz anders. Aber damals gab es einfach nicht genug zu knabbern – und doch sollte, so wie heute, ein Zeichen gesetzt werden: für den Frieden, für Europa, für die Kultur.

Bevor wir aber den "Jedermann" besuchen und im Corona-Jahr "a bisserl sterben gehn", machen wir noch einen Spaziergang durch die gerühmte, bühnenreife Pracht-Altstadt. Um es gleich herauszuposaunen: Man muss schon gute Augen und langjährige Vergleichsmöglichkeiten haben, um zu bemerken, dass Salzburg im August 2020 anders ist als sonst.

Gut möglich, dass weniger Straßenkünstler, weniger Andenken-Ramsch-Stände, weniger Fiaker ihr Angebot unterbreiten, aber die Stufen der Kollegienkirche sind voll wie immer mit essenden Tagestouristen, das legendäre Café Tomaselli überlaufen, das Restaurant Triangel, wo sich mitunter Anna Netrebko, unsere Gutste, auf den Bierbänken niederlässt, ordentlich besucht. Vor dem Haus der Natur wartet eine lange Schlange Besucher und in der Getreidegasse, speziell vor Mozarts Geburtshaus, wo ja mittlerweile im Erdgeschoss ein "Spar"-Markt eingezogen ist, bleibt es nicht leicht, den anempfohlenen Abstand zu wahren. Da sollte man sich schon schlangengleich bewegen können. Dass es wieder hinlänglich brummt, das findet übrigens auch die Lokalpresse bemerkenswert.

Der "Jedermann" als Test für die Sicherheitsvorkehrungen

Jetzt aber "Jedermann", der Festspiel-Blockbuster. Stattfinden soll er traditionell vor der mahnenden Domkulisse im Freien, doch wegen Unwetter fanden heuer die ersten beiden der 14 Vorstellungen im Großen Festspielhaus statt. Dort nun wird der Besucher mit den Corona-Festspiel-Sicherheitsvorkehrungen konfrontiert. Eine Maske, wie sie im althergebrachten Festspiel-Logo als Zeichen der Bühnenverwandlung zu sehen ist, hat der Zuschauer nun selbst über Mund und Nase zu tragen. So lange, bis alle still auf ihren vier Buchstaben hocken.

Wer jetzt husten muss, zieht schwer prüfende Blicke auf sich. Kein aufgekratztes Bienengesumm wie sonst im Saal. Stattdessen vorab: personalisierte Eintrittskarte mit Ausweispflicht, geregelte Einlasswege, allgemeiner Prosecco-Verzicht – gewiss keine leichte Übung für die Salzburger Bussi-Gesellschaft –, sogenanntes Schachbrettmuster bei der Sitzbelegung. Für jeden gilt das Prinzip: links, rechts, vorne, hinten ein Platz frei. Zwengs der sozialen Distanz. Bei der Premiere vergangenes Wochenende war diese Distanz im Gedränge vor dem Festspielhaus nicht immer gegeben, bei der zweiten Vorstellung klappte es weitgehend diszipliniert.

Und dann tritt er auf bei diesen besonderen Festspielen – der Tod. Soll gottbefohlen den Jedermann holen, unverzüglich – obwohl der doch gerade in Saft und Kraft und bester finanzieller Verfassung steht! Seiner Geliebten, die Hofmannsthal in seinem modernen Mysterienspiel eine "Buhlschaft" nennt, will er ein Lustschloss bauen – und dies gewiss nicht selbstlos. Zärtliche Stunden könnten darin auf einer elastischen Festspielwiese verbracht werden...

Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft.
Bild: Barbara Gindl/APA/dpa

Aber nun ist er da, der Tod, unangekündigt, mit hoppelnden Versen. Und wenn Sensenmann Peter Lohmeyer dann erklärtermaßen seinen Lieblingssatz spricht im Stück, nämlich "Nun ist Geselligkeit am End’", dann mag es schon, erst recht in Zeiten von Corona, in manchem Zuschauer-Hirnkasterl rattern: Was wäre, wenn ich...? Verbunden eventuell mit der starken Hoffnung, dass kein(e) Superspreader(in) schräg hinter einem dampft – während Tobias Moretti als Jedermann schnell noch seine letzten Dinge ordnet und Caroline Peters als Buhlschaft brüsk ablehnt, ihn begleiten zu wollen auf seiner letzten Reise. Der Tod im "Jedermann" ist jedenfalls kein Boandlkramer wie im "Brandner Kaspar", der lässt sich nicht hinters Licht führen.

Immerhin: In seinem letzten Stündlein fängt Jedermann an zu glauben, kurz vor knapp. Und damit geht der in Salzburg reichlich possenhafte Teufel leer aus zum guten Schluss. Da wäre Mozarts Oper vom Lustmolch "Don Giovanni", eines der vielen gestrichenen Werke 2020, von dramatischerem Kaliber gewesen. Der fängt nicht an zu glauben, der fährt zur Hölle. Eine andere Art von Warnung im erzkatholischen Salzburg.

Strenge Anweisungen auch für die Musiker der Salzburger Festspiele

Das mit den Sicherheitsvorkehrungen gegen ein Ableben vor der Zeit betrifft natürlich nicht nur das hochmögende Publikum. Es betrifft auch die vielen Musiker und Schauspieler auf und vor der Bühne. Sie haben nicht wenig peinlich zu beachten: morgendliches Fiebermessen, regelmäßige Corona-Tests, das Führen eines Kontakttagebuchs, kein feucht-fröhliches Ausklingenlassen des Tages nach den Vorstellungen.

Und für den Schutz der Orchestermusiker ist auch angeordnet: Fotografieren jeder abendlichen Sitzordnung. Verständlich. Dort unten im engen Orchestergraben, wo gut 100 Philharmoniker an der Rache-Oper "Elektra" von Richard Strauss zündeln, auch ein Festspielmitbegründer, dort unten geht’s quasi zu wie im Ferienflieger. Alle außer Rand und Band. Arbeit an vorderster Front. Festspiele heißt eben auch: Feste spielen!

Mittendrin ein Sänger von Weltrang

Und wenn man dann noch Mozarts Verwirrspiel-Oper "Così fan tutte" im Großen Festspielhaus erlebt, dann denkt man sich noch einmal: Hoffentlich geht das alles gut. Die zwei Bräute im Stück schmusen bei Nullabstand miteinander und die Männer des Stücks brüllen sich bei Nullabstand gegenseitig an, Stirn an Stirn. Deutlich löckt der Regisseur wider den Stachel.

Die Ärztin (Lea Desandre, links) ist eigentlich eine Kammerzofe. Und doch illustriert dieses Szenenbild aus der Oper „Così fan tutte“ die Salzburger Festspiele 2020 wie kaum ein anderes. Mittendrin steht ein Augsburger Sänger von Weltrang: Bariton Johannes Martin Kränzle (Zweiter von links) als Don Alfonso.
Bild: Monika Rittershaus, SF

Und mittendrin ein Sänger von Weltrang, der guten Grund hätte, hier nicht die Strippen zu ziehen. Weil sein Leben nämlich wirklich schon mal am seidenen Faden hing. Aber der aus Augsburg stammende Bariton Johannes Martin Kränzle, der vor wenigen Jahren eine böse Krankheit knapp überstand und dessen Immunsystem erst wieder aufgebaut wird, zieht als Don Alfonso doch die Strippen. Das ist risikoverachtend. Das ist wirklich ein Zeichen. Hut ab. Und toi, toi, toi.

Weniger Vorstellungen, weniger Karten bei diesen Festspielen mit den besten Bühnenkünstlern, die zu kriegen sind: Da verwundert doch, wie viele Billetts noch erhältlich sind kurz nach dem Start. Wenn Konzerte der Wiener und Berliner Philharmoniker unter erstklassigen Dirigenten wie Andris Nelsons, Christian Thielemann und Kirill Petrenko im mittleren Preissegment, also um die 100 Euro, noch gebucht werden können, dann wirft das wohl ein Licht auf die Risikoeinschätzung des eher gesetzteren Publikums. Ob dieses potenzielle Publikum, das jetzt zögert, dem genialen Tiraden-Literaten Thomas Bernhard Glauben schenkt? Er schreibt in seiner Autobiografie über Salzburg: "Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit."

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