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Kommentar

18.03.2015

Schärferes Rauchverbot: Auf dem Weg zur Gesundheitsdiktatur

Was wollen wir alles verbieten auf dem Weg zum optimalen Menschen?
Bild: dpa

Der neue Vorstoß für ein schärferes Rauchverbot ist ein weiteres Indiz: Hysterie regiert. Wer der Norm eines optimierten Lebens nicht folgen will – ist der vielleicht schon krank?

Also weg mit dem Rauchen, dieser asozialen und selbstzerstörerischen Sucht. Betroffene verkürzen ihr Leben im statistischen Durchschnitt um acht Jahre, belasten die Krankenkassen und damit auch Mitbürger durch ihre Folgeschäden. Das genügt doch locker, um sie mit ihrem Laster möglichst weltweit unter gesellschaftliche Ächtung zu stellen, oder? Zumindest aus der Öffentlichkeit gebannt gehören sie, und mehr in die Kassen einzahlen sollten sie auch, diese Raucher, Verpester von Luft wie Gemeinwesen.

Pflicht zum gesunden Leben: Freiheit nur für die, die es sich leisten können?

Und als Nächstes? Das ungesunde Fast-Food-Essen, der übermäßige Alkoholkonsum – deren Folgen kosten ja ebenso. Und dann wäre es auch endlich an der Zeit, dass Menschen mit risikoreichen Hobbys die Verantwortung selbst schultern und die Folgekosten bei den viel wahrscheinlicheren Unfällen nicht wieder auf die Allgemeinheit abwälzen. Fallschirmspringer und Kletterer, Motorradfahrer und Eishockeyspieler – die missbrauchen doch fürs eigene Vergnügen die Solidarität der anderen. Und ist nicht auch Fußball extrem verletzungsträchtig? Dafür müssten sich doch nach Statistiken Quoten errechnen lassen. Und wenn dann das Schädlichste verboten ist und jeder mit seinen Risiken genau gemäß seiner Lebensführung klassifiziert ist – dann herrschte endlich Gerechtigkeit.

Natürlich müsste man die Angaben der Mitglieder dann schon überprüfen können. Dafür wären doch diese ganzen technischen Neuerungen, die Messbänder ums Handgelenk und die Apps auf dem Smartphone, hervorragend geeignet. So könnten die Krankenkassen das gesunde Leben des Einzelnen, das doch auch der Gesellschaft nützt, dann ja auch noch mit niedrigeren Beitragssätzen belohnen – und denen, die sich gegen die eigene Gesundheit versündigen, notfalls mit kleinen Strafen oder drohenden Beitragserhöhungen auf die Sprünge helfen. Man weiß doch, dass der Mensch durch kaum etwas besser zu motivieren ist als durch Geld. Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, müsste man sich dann eben leisten können. Ist doch besser, als es auf Kosten anderer zu tun …

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Dank digitaler Hilfsmittel: Überwachung der Bürger-Gesundheit immer einfacher

Ist das der Weg, den wir beschreiten? Die Anzeichen zumindest mehren sich. Am einen Ende sind das Entwicklungen wie die jetzt groß verkündete Initiative zur stärkeren Ächtung des Rauchens. Am anderen Ende sind das die Erscheinungen des digitalisierten Lebens: Die Messung und Selbstnormierung des menschlichen Körpers durch technische Geräte nimmt ständig zu. Die ersten Krankenkassen gewähren auch in Deutschland bereits Nachlässe für Mitglieder, die diese Daten übermitteln. Und – wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten – so ist die Bestrafung desjenigen, der seine Daten nicht offenlegt, zwar noch nicht nah, aber auf dem Weg dorthin ist auch keine grundlegende Schwelle mehr zu nehmen. Es ist der Weg zur Gesundheitsdiktatur.

So hat es die Autorin Juli Zeh bereits vor gut fünf Jahren in ihrem Roman „Corpus Delicti“ beschrieben. Darin ist der Staat durch die „Methode“ bestimmt, die obligatorisch von den Bürgern Gesundheitskontrollen sowie Schlaf- und Essenberichte einfordert. Denn Ziel der Gemeinschaft ist das möglichst leistungsfähige und lange Leben jedes Einzelnen, und es ist zugleich die Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. So entsteht ein von der Mehrheit der Bürger doch aus Vernunftsgründen befürworteter Überwachungsstaat.

Mut zum Laster: Auch Lust am Rausch gehört zum Menschsein

Befinden wir uns argumentativ nicht bereits auf halbem Wege dorthin, wenn man sich stellvertretend für diverse Debatten der vergangenen Jahre die aktuelle Initiative gegen das Rauchen ansieht? Denn was wird hier gegen das Recht auf freie Lebensgestaltung des Einzelnen ins Feld geführt? Das nachweislich ungesündere Leben, das auch noch ein früheres Sterben in Kauf nimmt. Dem aber steht ein so verbreitetes Ideal gegenüber, dass es vermeintlich als Norm gelten kann: das möglichst lange, gesunde und aktive Leben. Wer dagegen verstößt, also abnorm handelt – ist der nicht bereits krank? Er muss jedenfalls mindestens zur Überwindung seines Lasters motiviert, ihm muss eigentlich geholfen werden. Es ist die Gestaltung des Lebens nach den vermengten Prinzipien des bürgerlichen Anstands und der wirtschaftlichen Optimierung. Das richtige Leben ist ein kontrolliertes.

Was daran auszusetzen ist? Man kann das anthropologisch begründen. Der Mensch erscheint doch stets als Wesen mit apollinischer wie mit dionysischer Seite, zu ihm gehören wesentlich die selbstvergewissernde Verstandeskraft und die selbstauflösende Rauscheslust. Krankhaft könnte man danach gerade das Wegfallen einer der beiden Seiten nennen. Und man könnte die Entscheidung zum kontrollierten Wesen auch als Angstsyndrom in Zeiten einer global und digital ausufernden Welt verstehen, als Gegenbewegung zu einer zunehmenden Unsicherheit. Rauschhaftes bliebe dabei höchstens im ausgezeichnet Nicht-Wirklichen, also im fiktiv Unterhaltenden möglich, in einem Schutzraum für das Nicht-Funktionieren. Dass dadurch aber den digitalen Rollenspielen eine immer größere Bedeutung zukommt, darf dann auch nicht mehr überraschen. Wie auch der steigende Befund an Persönlichkeitsstörungen. Wer nicht funktioniert, ist selber schuld und muss sich nur noch mehr anstrengen und kontrollieren.

Freie Entfaltung: Man muss sich auch ein bisschen selbst schaden dürfen

Man kann gegen die verordnete Optimierung des Lebens auch ideell angehen oder ganz konkret. Denn die freie Entfaltung der Person ist Teil ihrer Würde und damit ein höheres Gut als das reibungslose Funktionieren der Gesellschaft (in Abgrenzung zu anderen Kulturen werden wir doch auch nicht müde, das zu preisen). So soll sich auch jeder ein bisschen selbst schaden und auf ein hundertjähriges Leben keinen Wert legen dürfen.

Weil ihm vielleicht die selbst empfundene Qualität wichtiger ist als irgendeine objektiv messbare Quantität. Und mancher sollte frei nach Luther auch meinen dürfen, dass man sich auch ein glückliches irdisches Leben nicht allein durch Disziplin verdienen kann. Sicher jedenfalls wird auch die Gesellschaft froh sein, wenn nicht jeder zum quietschfidelen Methusalem wird. Das nämlich wäre von keinem Gesundheitssystem mehr zu finanzieren.

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