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Science Fiction
26.03.2019

Aktuell wie nie: Zukunftsszenarien aus der Vergangenheit

Harrison Ford als Rick Deckard in Ridley Scotts Film „Blade Runner“ nach Philip K. Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.
Foto: dpa (Archivfoto)

Während des Kalten Kriegs entwarfen sowjetische und amerikanische Autoren oft brisante Zukunftsszenarien. So entstand etwa die Vorlage zum Film Blade Runner.

Der Kalte Krieg ist mit Putin und Trump zurück. Begriffe wie „Wettrüsten“ und „Konsequenzen“ machen die Runde. Vor allem nachdem Russland den INF-Vertrag aufgekündigt hat. In solchen Zeiten kann es nicht schaden, einmal einen literarischen Blick zurück zu wagen.

Einst entwickelten die USA und die ehemalige Sowjetunion Rakete um Rakete. Höher, weiter, zerstörungskräftiger lautete die Devise. Doch die Ironie am Wettrüsten des ehemaligen Kalten Krieges nach 1947 liegt darin: Hätte eine der beide Großmächte beschlossen, bei dem Wahnsinn nicht mehr mitzumachen, dann hätte dies unweigerlich zum Ausbruch des Dritten Weltkrieges geführt. Und warum? Weil dann die andere Seite erstmals so etwas wie eine Chance gehabt hätte, wirklich zu gewinnen. Andersherum jedoch konnte sich keine Seite sicher sein – und einen Dritten Weltkrieg gewinnen schon gar nicht.

Ein Roboter spricht: „Für einen logischen Verstand ist der Krieg absurd.“

Das erkennen auch die Roboter der Kurzgeschichte „Die Verteidiger“ von Philip K. Dick († 1982). Statt im Namen ihrer amerikanischen Erbauer Krieg gegen die sowjetischen Pendants zu führen, schließen sie einfach Frieden mit diesen. Weil, wie ein Roboter schlicht erklärt: „Für einen logischen Verstand ist der Krieg absurd.“ Das Einzige, was die Menschheit von einem ständigen Frieden abhalte, sei die Tatsache, dass sie keine Einheit sei. Folglich plädieren die Roboter für eine Weltkultur. Was früher utopisch klingt, ist heute nicht mehr so unrealistisch. Roboter, künstliche Intelligenzen, alles in der Testphase. Einst als Science-Fiction verschrieen, ist der Traum vieler Forscher und Entwickler wahr geworden.

Die oben angesprochene Weltkultur ist auch ein zentraler Teil der Geschichten der Brüder Strugatzki. Boris und Arkadi schrieben Romane und Kurzgeschichten zur etwa selben Zeit des kalten Krieges wie ihr US-Kollege Dick. Nur eben hinter dem Eisernen Vorhang und unter sowjetischer Zensur. In ihrem „Welt des Mittags“-Zyklus vereinen sich mehrere teils lose, teils aufeinander aufbauende Geschichten aus einer utopischen Zukunftswelt, in der die Menschheit in einer Weltkultur lebt.

Eine Welt an der Schwelle zur Zerstörung

Die Menschen können tun und lassen was sie wollen, grundsätzlich ist aber jeder in gewisser Weise ein Forscher und Entdecker. Jede Arbeit scheinbar zum Wohle der gesamten Gesellschaft; der Begriff Kommunismus fällt aber nicht. Während in Dicks Geschichten die Menschheit oder einzelne Charaktere es mit einer postapokalyptischen Welt beziehungsweise einer Welt an der Schwelle zur Zerstörung haben, kämpfen die Charaktere in den Romanen der Strugatzkis gegen Systeme und Gesellschaften, die uns bekannt vorkommen.

Da wäre die Geschichte „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ aus dem Jahr 1964: Auf einem fernen Planeten leben Menschen in einer an das irdische Mittelalter erinnernden Gesellschaft. Die Erde entsendet Wissenschaftler, die sich unter die Einwohner mischen, um zu beobachten. Einer dieser sogenannten Progressoren namens Anton mag nicht dulden, dass eine religiöse Obrigkeit den Fortschritt und mögliche Aufklärung behindert, indem sie Intellektuelle verfolgt und tötet. Er mischt sich ein und nutzt seine Position als gespielter Graf, um Vordenker zu schützen. Doch seine Bemühungen enden in einem Massaker: Er ist den rückständigen Menschen einfach überlegen.

Eine Diktatur wird eingeführt, gegen die sich keiner wirklich wehrt

Viele der Anspielungen der Strugatzkis sind doppeldeutig zu verstehen, wodurch einige ihrer Romane und Geschichten leichter durch die Zensur kamen. Im Buch „Das Experiment“ leben Menschen aus verschiedenen Zeiten und Ländern der Welt in einer namenlosen Stadt. Alle paar Monate tauschen sie ihre Berufe. Wer gestern ein Bäcker war, ist heute ein Polizist oder ein Müllwagenfahrer. Alle scheinen sich ohne Einschränkungen zu verstehen, gleichwohl der Russe glaubt, Russisch zu sprechen, und der Deutsche Deutsch. Nach und nach aber scheint das System zu bröckeln. Eine Revolution startet und eine Diktatur wird eingeführt, gegen die sich keiner wirklich wehrt. Kommt einem dies nicht bekannt vor – in Bezug auf so manchen Staat in unserer Zeit?

In vielen Romanen der Strugatzkis ist zu beobachten, dass eine schöne neue Welt mit den Jahren immer mehr vom Ideal abkommt und von Intrigen und Verirrungen durchzogen wird. Die beiden Autoren erlebten den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion mit. Man kann vermuten, dass sie als junge Männer noch überzeugt waren vom System der Sowjetunion und sich diese Überzeugung in der Erschaffung ihrer „Welt des Mittags“ niederschlug. Doch vergleichbar mit der Nichterfüllung der kommunistischen Ideale erlebten sie am eigenen Leib die Repressalien gegen kritisch denkende Autoren unter einem totalitären Regime. Einige Strugatzki- Werke erschienen als lose Sammlung von Blättern, die von einem Freund zum anderen gereicht wurden. Viele Geschichten erschienen auch erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Philip K. Dick schrieb auch die Vorlage zu „Blade Runner“

Diesen konte Philip K. Dick nicht mehr miterleben. Er hatte rund 120 Kurzgeschichten und mehr als 40 Romane geschrieben. Gegenüber den Strugatzkis ist sein Werk gezeichnet von einer deutlich pessimistischeren Grundhaltung. Und: In seinen Geschichten gibt es keine klassischen Helden mehr. Viele kämpfen mit eigenen Schwächen oder laufen in eine Katastrophe. Viele von Dicks Geschichten wurden auch verfilmt – zum Beispiel „Minority Report“ und die Vorlage zu „Blade Runner“.

Seine Texte beschäftigen sich mehr mit dem Sein, mit dem Sinn des Lebens und der Menschlichkeit, kritisieren dabei aber die Normen der einstigen US-Gesellschaft während des Kalten Krieges. Anders als die Strugatzki musste er sich vor keiner Zensur fürchten. So stand bei ihm auch der Kapitalismus unter deutlicher Kritik. In seiner Geschichte „Foster, du bist tot“ leben die USA in der ständigen Gefahr eines atomaren Krieges. Die Bevölkerung ist dazu übergangen, das gesamte Leben darauf auszurichten, sich gegen einen nuklearen Angriff zu schützen. In ihren Gärten bauen sie immer größere und luxuriösere Atomschutzbunker. Fosters Eltern können sich nur einen mittelmäßigen Bunker leisten, weswegen er von seinen Mitschülern gehänselt wird.

Hier Sieg des Verstands, dort die verlorene Menschheit

Schlussendlich waren sich die Strugatzkis und Dick in vielen Punkten einig. Mit ihren Zukunftsszenarien versuchten sie anzuprangern und unterschwellig zu kritisieren. Nur Herkunft und die damit verbundenen Ausgangssituationen unterschieden sich. Beide Seiten sahen die Zukunft unterschiedlich pointiert pessimistisch. Wo die sowjetischen Autoren aber auf einen Sieg des Verstandes hofften, resignierte Dick und stellte die Menschheit als verdorben und verloren dar.

Heute wiederholt sich Vieles, was sie beschrieben. Und manches davon ist Realität geworden. Einmal mehr lohnt es sich, einen Blick auf das Werk dieser drei Autoren zu werfen. Wenn es zwei Seiten mit mächtigen Waffen braucht, um einen Krieg zu führen, so reichen in der Regel auch zwei, um Waffenstillstand, womöglich Frieden zu schließen.

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