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Augsburger Presseball

07.11.2019

Sie entwarf das neue Presseball-Design: Zu Besuch bei Kera Till

Der Augsburger Presseball ist seit Jahrzehnten ein gesellschaftliches Ereignis. Dieses Jahr hat er sich ein frisches Design verordnet, gestaltet wurde es von Kera Till.
Bild: AZ

Kera Till ist eine der gefragtesten Illustratorinnen der Welt. Sogar Karl Lagerfeld war ein Fan von ihr. Wie arbeitet die Münchnerin?

Auf dem Sofa weiß-schwarze Verpackungsboxen von Chanel-Kosmetik, an der Wand darüber Schmetterlinge, gerahmt, und ein kleiner Regenbogen auf DIN-A4-Papier, auf dem Wohnzimmertisch türkisfarbene Tüten der französischen Nobel-Konditorkette Ladurée und ein großer Buntstiftkasten, am Boden ein knallbunter Baby-Spielebogen, dahinter ein deckenhohes Regal, vollgestopft mit Büchern und Bildbänden – auf den ersten Blick wirkt dieses Stillleben in der Münchner Altbauwohnung einfach wie das kreative Chaos einer Künstlerin, doch sie erzählt so viel mehr aus der wunderbaren Welt von Kera Till. Die 37-Jährige ist derzeit eine der gefragtesten Illustratorinnen und hat dem Presseball ein neues Gesicht gegeben.

„Kaffee?“, fragt die Münchnerin und Deutsch-Französin erst einmal und verschwindet kurz und lautlos in der Küche. Als sie wieder auftaucht, stellt sie eine Tasse auf den Tisch neben die Stifte, räumt dann die Chanel-Proben auf dem Sofa zur Seite – „die sind für ein neues Projekt“ – und setzt sich. Viel Zeit dafür hat sie sonst nicht. In ihrem Leben geht es gerade rund, so sehr sogar, dass Kera Till sich ab und zu wundert. Denn eigentlich hatte sie gar nicht vorgehabt, Illustratorin zu werden.

Bild: Andreas Sauerlacher

Und von diesem Erfolg hatte sie nicht zu träumen gewagt. Zeichnen gehörte einfach immer schon zu ihrem Leben. „Ich verstehe Dinge, wenn ich sie zeichne. Meine Schulhefte waren voll mit Illus, ich bekam dauernd Ärger deswegen“, erinnert sich Kera Till. Kunst wollte sie aber nie studieren. Grafikdesign auch nicht. Nach dem Abitur entschied sie sich für Politikwissenschaften. 2006 dann schickte sie Zeichnungen an die deutsche Vogue und bekam einen Auftrag – das war Kera Tills Durchbruch als Illustratorin.

Kera Till arbeitete bereits für Chanel und Lancôme

Die Anfragen mehrten sich, bald schon konnte die Autodidaktin von ihrer Kunst leben. Sogar Karl Lagerfeld wurde ein Fan ihres unbeschwerten, reduzierten Strichs, der in manchen Arbeiten stark an Mode-Illustrationen aus den 1950er/60er Jahren erinnert – oder an die Arbeiten des großen französischen Zeichners Jean-Jacques Sempé („Der kleine Nick“), ihrem Idol. Warum ihr Stil so gut ankommt? „Vielleicht sind meine Illustrationen so beliebt, weil sie mehr Identifikationsmöglichkeiten bieten als die Fotografie. Weil sich jede Frau darin wiederfinden kann.“

Vielleicht sehnen sich die Menschen auch einfach nach etwas Leichtigkeit und Unperfektem in optimierten Zeiten. Inzwischen stehen die großen Firmen jedenfalls Schlange, damit Kera Till ihre Produkte grafisch verschönert, Hermes, Lancôme, Chanel, Molton Brown, Ladurée... Und auch aus Japan und Korea bekommt sie Aufträge. Oder 2015 aus Österreich, als Kera Till gebeten wurde, das Plakat für den Wiener Opernball zu entwerfen, den Ball der Bälle also. „Das war ein Wahnsinnserfolg, auch pressemäßig“, erinnert sich die Frau, die immer einen Skizzenblock in Griffweite hat.

 

Plötzlich musste sie Fernseh- und Zeitungsinterviews geben. Auch die Zahl ihrer Instagram-Follower wuchs schier exponentiell. „Ich bin gierig nach Likes“, sagt Kera Till lachend. Fast 26.000 Menschen folgen ihr, wenn sie Skizzen hochlädt, die sie einfach mal zwischendurch, zur Entspannung, zu besonderen Anlässen gezeichnet hat. Zu Lagerfelds Tod etwa ein Porträt des großen Modeschöpfers, das sie mit ein paar Strichen hingetuscht hat.

Oder eine Dutt- Trägerinnen-Typologie, die ihr spontan eingefallen war – und die nun auf T-Shirts der amerikanischen Modekette Anthropology zu sehen sind. Eines davon liegt auch auf dem weißen Wohnzimmersofa. Schräg darüber hängt die kleine Regenbogenzeichnung. Den „L’Arc en ciel“ verkauft sie auch als Poster in ihrem Onlineshop.

Der Augsburger Presseball ist ein Herzensprojekt für Kera Till

Aus der Freiberuflerin ist auch eine Unternehmerin geworden, die viel um die Ohren hat und seit rund einem Jahr wesentlich weniger Zeit zum Zeichnen. Der Grund dafür schläft gerade im Nebenzimmer und ist Besitzer des bunten Spielebogens auf dem Wohnzimmerteppich. „Ich kann gerade nur Herzensprojekte annehmen“, sagt Kera Till. Der Presseball Augsburg war so eins. Weil sie Bälle mag. Weil der Augsburger Ball der Bälle für den guten Zweck ist. Weil die Anfrage so nett war. Also recherchierte sie los, ließ sich von ihren zahllosen Büchern inspirieren und plötzlich war da die Idee: eine mit ein paar Strichen angedeutete Frau im Ballkleid, dazu gelbe Punkte – das ist glamourös, schlicht, zeitlos und lässt doch Spielraum für Interpretationen, wie Kera Till es liebt. „Die Punkte können Konfetti, Goldregen, Sterne, Lichter sein“, sagt sie und freut sich über einen neuen Mosaikstein in ihrem Portfolio.

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