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Interview

28.02.2019

Sina Trinkwalder: "Weltretten muss Spaß machen"

Sina Trinkwalder, 41, in der Näherei ihrer vor zehn Jahren gegründeten, ökosozialen Textilfirma manomama in Augsburg, in der Taschen, Shirts und Jeans gefertigt werden.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die engagierte Unternehmerin ist auch eine vernehmliche Stimme in gesellschaftlichen Debatten. Im neuen Buch entwirft sie eine bessere Zukunft.

Es ist der Auftakt zu einer richtigen Trinkwalder-Offensive. Und es geht um alles. Denn zehn Jahre nach Gründung ihrer ökosozialen Textilfirma „manomama“ legt die ohnehin längst in Gesellschaftsdebatten sehr präsente und unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Sina Trinkwalder heute nicht einfach nur ihr neues und bereits viertes Buch vor. Die Augsburger Unternehmerin, die zudem am 11. März in der „Lebenslinien“-Reihe im Bayerischen Fernsehen porträtiert wird und eine Protagonistin des noch diesen Monat in den Kinos startenden Dokumentarfilms „Fair Traders“ ist: Sie skizziert in „Zukunft ist ein guter Ort“ als Essenz ihrer Erfahrungen den Entwurf zu einer anderen Gesellschaft. Zeit für ein Gespräch.

Warum brauchen wir heute, wie es im Untertitel Ihres Buches heißt, eine „Utopie für eine ungewisse Zukunft“?

Sina Trinkwalder: Weil unsere Gesellschaft zu kippen droht. Der Kapitalismus hat ja einige Zeit wie ein Aufzug für verbreiteten Wohlstand gesorgt – aber jetzt werden die Menschen, die antworten würden, dass er ihnen etwas bringt, immer weniger. Zugleich stellt sich sein Dogma des ewigen Wachstums als immer zerstörerischer heraus. Und der Wandel wird immer dringender. Denn durch die Digitalisierung wird der Druck in den nächsten Jahren drastisch zunehmen. Viele Arbeitsplätze werden wegfallen, von der bald schon automatisierten Supermarktkasse bis zum durch Algorithmen ersetzten Mittleren Management. Und während die Reichen immer reicher werden und sich trotz skandalöser Entwicklungen wie zuletzt mit den Cum-Ex-Geschäften keiner Verantwortung mehr stellen müssen, stehen die Gesellschaften vor der Frage: Wohin mit diesen Menschen? Denn eine Gemeinschaft, in der sie noch Solidarität und Sinn erleben könnten, gibt es ja praktisch auch nicht mehr.

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Warum nicht?

Trinkwalder: Weil wir uns im ja auch so schön konsumförderlichen Individualismus daran gewöhnt haben, uns nur noch um unsere eigenen Interessen zu kümmern. Das sichert der freien Dienstleistungswirtschaft nun mal die größten Erträge, während soziale Aufgaben wie die Pflege, die für die menschliche Gesellschaft eigentlich viel wichtiger sind, am Staat hängen bleiben, meist schlecht bezahlt sind und jedenfalls so gar kein gutes Image haben. Und darum wird auch hier der Notstand immer größer werden. Weil alle Motivation in der heutigen Gesellschaft in der Regel extrinsisch ist, also durch Äußeres wie Geld und Statussymbole geregelt wird. So bringen wir es ja bereits unseren Kindern in der Schule mit den Noten bei. Es muss also ein grundlegendes Umdenken her. Und vor allem müssen wir unsere gesellschaftlichen Belange wieder selbst in die Hand nehmen. Denn wir haben es uns ja bequem in der Haltung eingerichtet, dass der Staat sich zu kümmern hat. Und wenn es nicht so gut läuft, dann motzen wir auf „die da oben“, bekommen es mit der Angst und wollen beschützt werden …

"Menschen können doch etwas tun, was anderen hilft"

Auf die Politik aber, so schreiben Sie ja durchaus auch wütend, können und dürfen wir uns nicht verlassen.

Trinkwalder: Ich würde es eher frustriert nennen. Weil die Verflechtungen mit der Wirtschaft offenbar so groß sind, dass nicht mal die eindeutigsten Fälle klar geregelt werden. Ich sag nur Diesel-Manipulationen.

Wir müssen die Rettung der Welt also selbst in die Hand nehmen. Aber auf die Vernunft der Menschen können Sie dabei ja auch kaum setzen. Man muss ja nur mal das normale Konsumverhalten betrachten. Also Umerziehung?

Trinkwalder: Nein. Es muss Spaß machen, die Welt zu retten, sonst macht es keiner. Aber dafür gibt es ja wunderbare Werkzeuge. Alles, was ich da in meinem Buch beschreibe, habe ich Lauf der Jahre ausprobiert, auch bei meinen Mitarbeiterinnen. Wir brauchen also Anreizsysteme, die man über Apps steuern kann, nach dem Prinzip der „Gamification“, also wie bei Computerspielen mit Belohnungen für Aktionen, die hier eben Beiträge zur Gemeinschaft sind. Oder auch über das, was ich Gemeinzeit nenne. Wenn durch die Digitalisierung die Arbeitszeit im Durchschnitt sinkt, dann können die Menschen doch in ihrer Freizeit etwas tun, das anderen hilft, das also Sinn hat und das sie am besten auch noch gerne tun. Und ich bin überzeugt, viele würden das gerne. Ich habe zum Beispiel mal in einem Fernseh-Interview gesagt, ich bräuchte für Hilfsrucksäcke für Obdachlose noch Strickmützen – und habe in einem Jahr über 24000 Mützen zugeschickt bekommen. Und zwar geschenkt! Wenn man sich jetzt vorstellt, dass es für Arbeiten zugunsten des Gemeinwohls je nach Relevanz auch noch eine Bezahlung gäbe, ein Sozialeinkommen …

Die Organisation des Gemeinwohls stellen Sie sich künftig quasi basisdemokratisch vor – in fachlichen Kompetenzkammern, für die sich jeder Qualifizierte melden kann, beginnend in der kleinen Kommune, aber letztlich bis nach Berlin wirkend.

Trinkwalder: Es muss ganz konkret vor Ort beginnen, in der unmittelbaren Begegnung. Und übrigens auch mit engagiertem, verlässlich informierendem Lokaljournalismus. Wir müssen uns wieder in einer Gemeinschaft begegnen, das wäre zum Wohle aller und würde die Menschen und das ganze Land verändern. Wir würden wieder lernen, dass Anerkennung nicht von Geld abhängt, und wieder mehr aus eigener, innerer, intrinsischer Motivation heraus tun. Und dann: Wer bereits in der Schule seine Berufung entdecken kann statt sich nur einen Beruf zu suchen, wird erleben, dass Freiheit wieder etwas mit Sinn und Gemeinschaft zu tun hat und nicht nur mit Einkaufen.

Aber zur Finanzierung verlangen Sie ja auch politische Schritte: die Finanztransaktionssteuer, eine Robotersteuer, die hundertprozentige Besteuerung von allem, was Bürger über einer Million jährlich verdienen …

Trinkwalder: Das halte ich auch für absolut notwendig und machbar. Die Million ist nur ein Beispiel. Aber welche Leistung sollte denn auch solche astronomischen Summen rechtfertigen?

"Die Digitalisierung bietet Möglichkeiten - immer mehr"

Sie sind jedenfalls begründet in den Kräften des freien Marktes. Aber Ihnen schweben ja ohnehin einige Regulierungen vor, auch was das Recht auf den Luxus des Autofahrens angeht …

Trinkwalder: Das sollen doch die Menschen selbst entscheiden. Aber beim Bürger setze ich anders als beim Konsumenten durchaus auf die Vernunft. Ich glaube nämlich, wir haben, was unsere Zukunft angeht, die Wahl zwischen drei Systemen: Wir können erstens nach dem amerikanischen Modell in die Kontrolle immer mächtigerer Konzerne fallen; wir können zweitens nach dem chinesischen Modell in die Kontrolle eines totalitären Staates geraten; oder wir können das drittens als Bürger selbst in die Hand nehmen. Zu all dem bietet die Digitalisierung Möglichkeiten. Jetzt schon. Und immer mehr. Darum müssen wir jetzt beginnen und uns wieder um die wirklich wichtigen Sachen kümmern, nicht endlos debattieren, wie viele Flüchtlinge jetzt reindürfen. Rechts oder links? Auch das wird dann bald keine Rolle mehr spielen.

Was lässt Sie zuversichtlich sein, dass Ihre Utopie Wirklichkeit werden kann?

Trinkwalder: Dass es uns Menschen immer noch gibt. Wir sind wandlungsfähige Wesen. Ich habe meine Vorschläge auch mit so vermeintlich unterschiedlichen Politikern wie dem Bundesentwicklungsminister Gerd Müller von der CSU und der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Claudia Roth von den Grünen diskutiert – und erfahre deren Unterstützung. Und nach meinen ersten Vorträgen zu dem Thema haben sich auch schon Leute bei mir gemeldet, um zu erfahren, wo sie sich für solche Kompetenzkammern anmelden können. Fehlt also nur noch ein Schritt. Denn es gibt natürlich keine Anmeldung. Die müssen das einfach selber machen.

Sina Trinkwalder: Zukunft ist ein guter Ort. Droemer, 208 S., 18 Euro.

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