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Kino

12.08.2019

So macht kein anderer Kino: Fünf Thesen zu Quentin Tarantino

Filmemacher mit besonderer Handschrift: Quentin Tarantino.
Bild: Jens Kalaene, dpa

Plus Diese Woche startet der neue Film von Quentin Tarantino, die Erwartungen sind hoch. Ein paar Beobachtungen, weshalb das Kino dieses Mannes so aus der Reihe fällt.

1. Niederknallen als Handschrift

Wo sonst wird so beiläufig und geradezu schnoddrig geschossen wie bei Quentin Tarantino? Ein genervter Robert De Niro mit Einkaufstüte auf dem Supermarktparkplatz – irgendwann wird ihm das Gequatsche der Blondine zu viel. Er zieht den Revolver, drückt ein paar Mal ab. Endlich Ruhe, verdammt noch mal („Jackie Brown“). Ein Niederknallen kann elegant beginnen, mit einem Schuss in die Nelke im Revers von Leonardo di Caprio – und dann mäht es durch die Südstaatenvilla, dass niemand im Kino mit dem Zählen mitkommt („Django Unchained“). Die Kunst des Kämpfens inszeniert Tarantino in „Kill Bill“ als west-östliches Gemetzel der Sonderklasse.

Aber dieser Regisseur, der mehr B-Movies in den Adern hat als Blut, kann es auch sophisticated. Wie Christoph Waltz in „Inglourious Basterds“ als dämonisch höflicher Nazi in der Bauernstube sitzt und sich an Milch ergötzt, während unter seinen Füßen die jüdische Familie versteckt ist, die er sucht: Großes Kino, in dem die Leinwand zittert. Wegschauen, und doch im Kopf Schlachtbilder: Die Keller-Folter zu netter Musik („Reservoir Dogs“) vergisst man nicht – obwohl Tarantino doch lange nur eine Lampe zeigt.

2. Reden wir mal über Quarter Pounder

Das war wie eine Offenbarung im Jahr 1994. „Pulp Fiction“, ein Muss, schon allein wegen dieser Dialoge. Zum Beispiel sitzen da, relativ früh im Film, die beiden Ganoven im Auto, quatschen miteinander, bevor es zur Sache geht. „Weißt Du, wie die einen Quarter Pounder mit Käse in Paris nennen?“ – „Die nennen ihn nicht einen Quarter Pounder mit Käse?“ – „Nein, die haben das metrische System, die wissen gar nicht, was ein Viertelpfünder ist.“ – „Wie nennen sie ihn?“ – „Die nennen ihn Royal mit Käse.“ Und man musste lachen, unweigerlich. Das war neu. Eigentlich geht es um nichts in diesen Zeilen, und gleichzeitig wird der Leinwand-Moment über den Allerweltsdialog der Gangster mit echtem Leben hochgradig aufgeladen.

So etwas wie die Mutter aller Tarantino-Filme: "Pulp Fiction" (hier mit Samuel L. Jackson, li., und John Travolta.)
Bild: dpa

Tarantino griff dabei und in seinen anderen Filmen nicht auf einen Drehbuchschreiber zurück, er schrieb das selbst und ist dadurch zu dem amerikanischen Autorenfilmer der 1990er und 2000er Jahre geworden. Seine Dialoge reichen von albern über aberwitzig bis zu abgründig. Der Slapstick ist oft nur immer zwei Sätze vom großen Drama entfernt. Was als Spaß beginnt, wird plötzlich blutiger Ernst – genial, wie er das macht.

3. Ein Hoch auf die Pulp Music

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Bei Tarantino möchte man den Flachspruch gerne um die Kategorie der Musik erweitern. Bei ihm sagt oft die Tonspur alles, Worte würden da bloß stören. Der Schwertkampf in „Kill Bill“ zum Disco-Flamenco „Please don’t let me be misunder-stood“ – klar, dass es hier wie beim Stierkampf um die Verschmelzung von tödlichem Fight und Ästhetik geht. Oder wenn, weniger blutig, Jackie Brown im gleichnamigen Streifen durch die Flughalle wandelt und sich dazu Bobby Womack „Across 110th Street“ aus der Kehle kratzt, dann weiß man, dass auf die Heldin gleich ein paar Unannehmlichkeiten zukommen werden.

Tarantino setzt stark auf bestehendes Material, greift tief in die Kiste der Songs der 60er, 70er, 80er Jahre, und er hat eine Schwäche fürs Randständige. Mit der Folge, dass man ihm die Wiederentdeckung manch schräger Perle verdankt. Man nehme nur „Misirlou“, dieses abgefahrene E-Gitarren-Tremolo, die akustische Chiffre für „Pulp Fiction“, gespielt von Dick Dale and The Del Tones. Überhaupt, diese Band-Namen: Kannte einer vor „Kill Bill“ etwa The 5.6.7.8’s? Tarantino hat dem Kino nicht nur fiktional und visuell das Haarsträubende kunstvoll eingepflanzt. Seine Filme sind, zu unser aller Ergötzen, immer auch Pulp Music.

4. Differenz des Durcheinanders

Natürlich, „Pulp Fiction“. Um den Film kommt man nicht nur wegen der Goldenen Palme, des großartigen Casts, der irren Dialoge und des feinen Soundtracks kaum herum, sondern weil Tarantino damit das Prinzip nichtlinearen Erzählens ins Popcorn-Kino überführt hat. Was es schon früher gab, etwa bei Godard, besticht hier umso mehr durch die Differenz von ambitionierter Montage und banalem, groschenhefthaftem Plot, eben Pulp: typisches Killer- Gangster-Pärchen, Mafia-Material, das mittels eines Koffers zusammengehalten wird.

Die Methode? Man schreibe sich etwa das letzte Wochenende chronologisch auf, zerschneide das Blatt Papier und würfle die Absätze durcheinander – fertig ist die erst einmal verwirrende, rätselhafte, unser gewöhnliches Zeit- und Kausalitätsdenken infrage stellende Story. Okay, so spannend wird das dann auch nicht in jedem Fall, und selbst bei Tarantino ist das Verfahren noch relativ verhalten eingesetzt.

David Lynch etwa ließ in „Mullholland Drive“ ein paar Schnipsel weg, sodass der Plot nie eindeutig aufgehen kann und Raum für zig Interpretationen lässt, aber das ist dann fast schon wieder Kunst. „Pulp Fiction“ aber ist vor allem: ein kunstvoller, großer Spaß.

Trailer "Once Upon a Time in Hollywood

5. Zeigt her eure Füße

Uma Thurman liegt nach Jahren im Koma auf der Rückbank eines Autos. In Großaufnahme sind ihre Füße zu sehen. „Wackel mit dem großen Zeh!“ („Kill Bill“). Ja, Quentin Tarantino hat einen Fußfetisch. In seinen bisherigen acht Filmen kamen in 53 Szenen die Füße groß raus. Ob beim Barfußtanz im Jack Rabbit Slim’s Restaurant („Pulp Fiction“) oder bei der Aschenputtel-Hommage mit anschließendem Mord („Inglourious Basterds“), kein anderer Regisseur zelebriert im Kino sein Faible für Füße so wie Tarantino.

Man erinnert sich auch an eine legendäre Szene in „From Dusk Till Dawn“. Salma Hayek, leicht bekleidet mit einer Schlange um den Hals, tanzt und räkelt sich auf der Bühne, nur um dann ihren Fuß in den Mund von Richard Gecko (alias Tarantino) zu stecken und Whiskey in seinen Mund laufen zu lassen. Regisseur des Films war zwar Robert Rodriguez, das Drehbuch aber hat Tarantino geschrieben. Ob wohl im neuen Film „Once Upon a Time“ Margot Robbie als Sharon Tate ihre Füßchen zeigen wird? Die Chancen stehen gut. Denn schon in den Trailern gab es die Füße von Leonardo DiCaprio, Margaret Qualley und Dakota Fanning zu sehen. Also: Zeigt her eure Füße! (dwo, cim, sd, rim, mls)

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