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Atomkraft

12.06.2019

Sollten Kernkraftwerke unter Denkmalschutz stehen?

Sollte das Kernkraftwerk in Gundremmingen komplett aus der Landschaft verschwinden, wenn es eines Tages nicht mehr in Betrieb ist - oder wäre es sinnvoll, das Gebäude als Denkmal zu erhalten?
Bild: Stefan Puchner, dpa

Plus Atomreaktoren haben die Gesellschaft belastet. Sie sind Teil der Geschichte. Wenn sie stillgelegt werden, können sie zurückgebaut werden – oder uns mahnen.

Viele haben sie schon gesehen – die Wasserdampf-Säulen, die kilometerweit sichtbar aus ihnen emporsteigen. Es geht um die Kühltürme des Kernkraftwerks Gundremmingen nahe der Autobahn 8, wenn man von Augsburg in Richtung Ulm fährt. Aus der Ferne betrachtet haben diese Bauten etwas markantes, auch etwas bedrohliches. Ein Block wurde jüngst abgeschaltet, in wenigen Jahren folgt der letzte aktive. Und dann? Dann folgt ein jahrelanger Rückbau zur „grünen Wiese.“ Wenn es aber nach der Kunsthistorikerin Sigrid Brandt von der Universität Salzburg geht, dann sollten Kernkraftwerke als Denkmäler erhalten werden.

Atomkraftwerke sind "Zeugnisse einer Epoche"

Jüngst hielt sie an der Universität Augsburg im Rahmen einer Ringvorlesung am Lehrstuhl für Kunstgeschichte den Vortrag „Denkmal oder Altlast?“ Sigrid Brandt sieht den Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland als eine auch in denkmalpflegerischer Hinsicht große Herausforderung. In ihrem Vortrag zeigte sie immer wieder eindrucksvolle Bilder vom Fotografen Bernhard Ludewig, der im Herbst ein Band mit seinen Bildern veröffentlicht. Die Fotografien werfen einen Blick in die Reaktorgebäude, tief in den Bauch der Kernkraftwerke.

„Würden diese Bauten einfach wieder zurückgebaut werden, dann wäre das auch ein Verlust wichtiger Zeugnisse einer Epoche“, erklärt Brandt klipp und klar. Bisher habe die friedliche Nutzung des Atoms kaum Aufmerksamkeit in der Geschichte bekommen. Dagegen sei das Bikini-Atoll, auf dem Atomwaffentests durchgeführt worden sind, seit 2010 ein eingetragenes UNESCO-Weltkulturerbe. Brandt ist auch Vizepräsidentin des deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, welches eine Berater-Organisation der UNESCO ist. Der Verein ICOMOS setzt sich auf überregionaler und internationaler Ebene für die Erhaltung von Denkmälern, Ensembles und Kulturlandschaften ein.

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In ihrem Vortrag zeigte Sigrid Brandt auch das Atom-Ei von Garching. Das Gebäude mit der ovalen Form war einst ein Forschungsreaktor. Heute steht es unter Denkmalschutz, und die Silhouette findet sich mittlerweile sogar im Stadtwappen von Garching wieder. „Es ist ein elegantes, futuristisches Gebäude der Nachkriegszeit“, so Brandt.

Technische Bauten werden indessen von der Fachwelt nur selten zur Architektur beziehungsweise zur Baukunst gezählt. Für Brandt jedoch sind die Reaktorgebäude „Landmarken“ mit einer eigenen Bauästhetik und Baugeschichte. Diese sei zwar nur kurz, rund 30 Jahre lang, dafür aber gesellschaftlich stark belastet gewesen.

1957 wurde in dem eiförmigen Gebäude in Garching Deutschlands erster Kernreaktor in Betrieb genommen. Heute gilt die Kuppel als Industriedenkmal – geforscht wird nur noch nebenan.
Bild: Stephan Jansen, dpa (Archiv)

Nicht jedes Kernkraftwerk kann als Denkmal erhalten bleiben

In einem großen Teil ihres Vortrags ging Brandt auch auf den Rückbau der verstrahlten Kernkraftwerke ein, im speziellen auf das stillgelegte Kraftwerk Lubnim bei Greifswald. In einem der Gebäudeteile gibt es eine Besucherroute für Interessierte. „Rund 10.000 Menschen schauen sich das jährlich an“, so Brandt. Und sie legt dar, in welchen Schritten der Rückbau vonstatten geht. So werden die verstrahlten Reaktorteile entfernt und in Zwischenlager gebracht, später das restliche Gebäude Stück für Stück konventionell abgerissen. In Greifswald sei ein Teil der Einrichtung als Maschinenhalle weitergenutzt worden.

Bei der anschließenden Diskussionsrunde kam in der Universität Augsburg die Frage auf, ob die Kernkraftwerke nicht eher als Mahn- statt als Denkmale dienen sollten. „Das würde ich unterstützen“, erklärt Brandt. Sie sehe die teilweise zurückgebauten Gebäude unter anderem auch als Skulpturen an, in die die Besucher gehen und die Räume auf sich wirken lassen können. „Natürlich mit Informationen über die Kernenergie“, so die Expertin für Denkmäler.

Und wie könnten Kernkraftwerke zu Denkmälern werden? „Das ist ein langer Prozess, der von denkmalpflegerischen Interessengruppen angestoßen werden muss“, sagt die promovierte Sigrid Brandt. Dann müsse es auch einen fachlichen Austausch und einen politischen Willen dafür geben.

Ihr sei natürlich klar, dass man nicht alle Kernkraftwerke erhalten könne. Dennoch sei „wichtig, dass darüber gesprochen wird“. Denn Kernkraftwerke gehörten zur Gruppe der unbequemen Denkmäler. Würde man Kraftwerke einfach nur zu einer „grünen Wiese“ zurückbauen, würde man auch Geschichte tilgen in einem unguten Sinn.

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