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Interview

29.11.2018

Star-Autor von Stuckrad-Barre über Drogen, Allüren und Boris Becker

Benjamin von Stuckrad-Barre wurde mit seinem Roman "Soloalbum" bekannt.
Bild: Rolf Vennenbernd, dpa

Plus Benjamin von Stuckrad-Barre wurde vor 20 Jahren mit "Soloalbum" zum Star - und wäre fast am Ruhm zugrunde gegangen. Das hat er öffentlich gemacht. Warum?

Zu Beginn eine Floskel, die bei Ihnen gar keine ist. Denn nachdem Sie in Ihrem letzten Buch „Panikherz“ all Ihre existenziellen Probleme mit Drogen und Psyche, Geld und Gesundheit beschrieben haben: Wie geht es Ihnen?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Geht mir ganz gut gerade, danke. Ich bin auf Lesereise, jeden Tag in einer anderen Stadt, bin überall und nirgends – perfekt. Mein kompletter Biorhythmus ist darauf ausgerichtet, abends um Punkt acht Uhr in wacher und heiterer Verfassung zu sein, und mir tut es sehr gut, so verbindlich zu wissen, wo ich wann und wie zu sein habe: abends auf der Bühne, möglichst wohlauf. Alles andere wird dem unterstellt. Der ganze Tag läuft zu auf diese zwei bis drei Stunden abends, das ist wahnsinnig angenehm. Tagsüber wird gereist, an einem Autobahnrasthof zeitungslesend und rauchend Kaffee getrunken, später ins Hotel eingecheckt, ein neues Badezimmer erkundet, ein weiteres Bett probegelegen, ein neues Rauchverbot missachtet – und bei all dem der Abend gedanklich vorbereitet. Weniges nur ist ja schlimmer als der Begriff und überhaupt die Idee „Freizeit“. Da kann viel zu viel schiefgehen.

„Zum glorreichen Lebens eines Stars gehört der Exzess“

Sie haben die Geschichten Ihres lebensgefährlichen Getriebenseins ja selbst öffentlich gemacht. Warum eigentlich?

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Stuckrad-Barre: Warum denn eigentlich nicht bzw. was denn sonst? Kunst hat zu handeln von Existentiellem, sonst ist sie wurscht.

Zum glorreichen Leben von Star und Künstler gehören wesentlich auch der Exzess, das Balancieren am Abgrund?

Stuckrad-Barre: Es gibt ja gottlob auch noch andere Abgründe als die klassische Betäubungsmittelsucht.

Von Sex, Drugs & Rock’n’Roll ist in der heutigen Populärkultur ja auch kaum noch etwas übrig. Ist die Welt langweiliger geworden?

Stuckrad-Barre: Ich halte mich wirklich gern zurück, so generell und universell zu sprechen über Zeiten, Länder, Menschen. Und Ihre These sehe ich darüber hinaus in dem mir zur Verfügung stehenden Weltausschnitt auch überhaupt nicht bestätigt, im Gegenteil, es ist doch wirklich alles momentan so hysterisiert und interessant, egal, wohin man schaut. Aber natürlich geht es derzeit weltweit vielen nicht so gut, und es würde den allermeisten helfen, wenn sie sich mal hinlegen und beruhigen würden, klar, mein aktueller Buchtitel „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ ist nicht unpassend in der gegenwärtigen Situation.

„Was bitte ist denn der Vorwurf an Boris Becker?“

Dieser dritte Teil Ihrer Remix-Reihe eröffnet fulminant mit einem Porträt von Boris Becker. Er erscheint darin als Held. Diesen Status hat Becker für viele Menschen durch all die Allüren der vergangenen Jahre verloren – zumindest in Deutschland. Für Sie nicht?

Stuckrad-Barre: Im Gegenteil! Vorweg mal: Allüren zu haben ist unter anderem die unbedingte Pflicht eines Helden, dafür ist er da. Nie begriffen habe ich dieses einfältige Suchen und Loben jener, die auf dem sogenannten Teppich geblieben sind, das ist doch trist und hohl, Helden sind doch genau für das Gegenteil gedacht, das Durchdrehen ist deren Privileg und vornehmste Aufgabe – auf dem Teppich ist man doch selbst schon, hier unten auf dem Teppich herrscht kein Mangel. Wir wollen Helden doch nicht, um sie zu uns hinunterzuzerren, sondern um anhand ihrer staunend aufblicken zu können oder auch mal in die Hölle hinab – jedenfalls um von uns und unserer jeweiligen Überschaubarkeit absehen zu können. Außerdem, was ist denn bitte, neben dem kleingeistigen, gartenzaunigen „irgendwie peinlich“-Finden, der Vorwurf an Becker? Etwa, dass er möglicherweise Geldsorgen hat? Was bitte ist das denn für ein lachhafter Vorwurf? Ich hatte auch so allerlei Ideen und Vorurteile ihn betreffend und merkte bei der Begegnung dann rasch, dass es genau darum geht bei ihm: Ungefähr jeder zweite Deutsche maßt sich an und wird seit 1985 durch Massenmedien genötigt dazu, irgendwas Borisbeckerbezügliches zu meinen, zu denken und zu sagen. Und was daraus für ihn, für sein Leben folgt, das hat mich interessiert. Dieser Wucht der allgemeinen Beachtung, Verehrung und Verachtung bis heute – mal so, mal so – standgehalten zu haben, allein das schon macht ihn doch unstrittig zum Helden.

„Verallgemeinerung dokumentiert immer Verblödung“

Haben die Deutschen ein Problem mit Helden und dem Anspruch an sie?

Stuckrad-Barre: Ach, was die Deutschen so haben, vermag ich gar nicht zu sagen – gibt es doch ungefähr 80 Millionen davon, und von denen hat ja wunderbarerweise jeder einzelne das Recht, die Dinge so zu sehen, wie er oder sie möchte. Das zu vereinheitlichen, mag der Wunsch stumpf nationalistischer Binnen-Aggressoren sein, aber solche Verallgemeinerung zeitigt bzw. dokumentiert immer Verblödung. Mit meinen Remix-Büchern und vor allem mit den Deutschland-Büchern wie „Deutsches Theater“ und „Auch Deutsche unter den Opfern“ nehme ich Probebohrungen vor, mehr nicht, ich erzähle und skizziere Ausschnitte und Beispiele. Und je spezifischer man eine Person, einen Zustand, ein Gefühl oder ein Gebiet schreibend ergründet und erkundet, desto mehr und auch desto Diverseres kann ein Publikum daraus ableiten. Man macht als Kunstschaffender immer nur Perspektiv-Angebote, erzählt Beispiele, erörtert eine Möglichkeit von vielen.

Aber dieses Schreiben vom Ich wie in „Panikherz“ passt ja sehr gut ins Zeitalter von Social Media, Selfie-Kultur und Konsum-Individualismus …

Stuckrad-Barre: Es geht beim Schreiben ja immer um Figuren, Biografien, Lebenswege. Bücher, Filme, Lieder, alle Kunstwerke verhandeln das zugrunde liegende Thema immer beispielhaft an einer bestimmten Geschichte eines oder mehrerer bestimmter Menschen. Auch die ganz großen und allzu großen Themen – ob nun Flüchtlinge, Europa, Pubertät, Liebe, Krankheit, Finanzbranche, Amerika, Liebe, Tod, egal was – sind immer nur anhand konkreter Beispielcharaktere erörterbar.

Ist es nicht beängstigend, wenn Sie wie jetzt auf Lesereise auf sehr viele Menschen treffen, von denen Sie nichts wissen, die aber sehr viel durchaus Intimes von Ihnen gelesen haben?

Stuckrad-Barre: Ich erzähle von mir als einem Beispiel von vielen. Und ich erzähle, schreibe, lese ja auch über andere das vor, was ich nicht selbst erlebt, sondern beobachtet habe. Wobei richtiges Beobachten ja auch immer ein Erleben ist. Bestenfalls passiert dabei was mit dem Erzählenden selbst und vor allem auch mit den eigenen Vorannahmen und Vorurteilen. Diese zu überprüfen und zu revidieren, das ist ein essenzieller Bestandteil des Autorenberufs. Und auf der Bühne dann ist tatsächlich alles Material, ich kann dort auch Dinge über mich oder andere formulieren, die ich in einem Gespräch gar nicht sagen könnte oder sagen wollen würde – auf der Bühne fühle ich mich vollkommen frei und so wohl wie sonst nirgends, seltsamerweise auch geborgen. Auf der Bühne ist alles ganz einfach, es ist, wenn es gelingt, der schönste Zustand, den ich kenne, die Improvisation erzeugt neuen Text, es herrscht ein Austausch mit dem Publikum, man begegnet den eigenen Texten jeweils anders, abhängig von äußeren Bedingungen und inneren, von der Stimmung, der eigenen wie der des Publikums. Am besten sind eigentlich vermeintliche Fehler, die dann etwas Neues ergeben.

„Nehmen wir doch voller Liebe an der Gegenwart teil“ 

Gibt es in Musik und Literatur denn noch Neues, das Sie umhaut?

Stuckrad-Barre: Natürlich! Sonst wäre ich ja tot. Überlassen wir doch das tumbe „Früher war alles besser“ den Deppen von der AfD oder anderen reaktionären Dummkopfvereinen – und nehmen wir stattdessen doch lieber heiter gestimmt, voller Liebe und Daseinsfreude an der Gegenwart teil. Hilfreich dafür ist es, Fan zu sein. Im Moment höre ich praktisch täglich das aktuelle Clueso-Album „Handgepäck“, für mich die Platte des Jahres und die deutsche Antwort auf Becks „Morning Phase“. An Büchern lese ich just begeistert den zweiten „1913“-Band von Florian Illies und das neue Buch von David Sedaris. Ich bin Fan beider Autoren, habe alles von ihnen gelesen und ersehne stets neue Werke, auch deshalb war meine Vorfreude auf diesen Herbst groß: Wieder haben zwei Helden ihrem Werk was hinzugefügt, also habe ich mich vorbestellend auf den Erscheinungstag gefreut. Das ist essenziell für mich, Fan zu sein, Künstlern bedingungslos zu folgen, auch auf Abwegen und in Sackgassen hinein, weiter und immer weiter. Solche persönlichen Säulenheiligen sind ja dann praktisch Freunde, Begleiter des eigenen Lebens. Wenn man zuweilen etwas Neues von denen nicht gleich ganz begreift, unbedingt weiterlieben, den Fehler niemals bei den Hausgöttern suchen oder vermuten! Dieses persönliche Heldengestirn ist bei mir sehr zahlreich besetzt aus Autoren, Musikern, Schauspielern, Malern, Regisseuren und Architekten. Zwar sind unter denen auch einige Tote, Fan zu sein und Neuem entgegenzufiebern gehen aber trotzdem, dann sind es eben Dokumentationen oder Bücher oder Ausstellungen über diese Helden.

„Soloalbum“, der Roman mit dem Sie selbst als 23-Jähriger zum Star der Popliteratur wurden, liegt jetzt in 20-jährigen Jubiläum als Sonderausgabe vor…

Stuckrad-Barre: Ja, und zwar, das gilt es zu betonen: im weißen Jeans-Einband. Weil ich ja immer weiße Jeans trage, was vermutlich zurückgeht auf Helmut Dietl und auf Klaus Löwitsch in der Rolle des „Peter Strohm“. Dazu möglichst ein weißblaues Oberteil, das wiederum wegen Kurt Cobain, Picasso – und wegen der ewigen, zutiefst norddeutschen Sehnsucht nach dem Meer.

Ebenfalls 2018 ist mit Inszenierungen von „Panikherz“ Ihr eigenes Leben zum Theaterstoff geworden. Hat sich da ein Kreis für Sie geschlossen? Mit jetzt 43 Jahren ein Überlebender eines in Erfüllung gegangenen Lebenstraums?

Stuckrad-Barre: Überhaupt nicht. Denn eigentlich wollte ich Fußballer werden. Außerdem gilt natürlich der alte Satz, der Theresia von Avila zugerechnet wird: „Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte.“

Was steht für Sie als nächstes an? Wird Benjamin von Stuckrad-Barre mal wieder in einem Fernsehformat zu sehen sein? Oder gibt es Pläne, „Panikherz“ wie damals ja auch „Soloalbum“ fürs Kino zu verfilmen?

Stuckrad-Barre: Jetzt bin ich erst mal auf Tournee – und danach werde ich weiterschreiben an etwas, das ich selbst noch nicht begreife. Es dann allmählich zu fassen zu bekommen oder es andernfalls verwerfen zu müssen oder durch das Herumprobieren ganz woanders hin als gedacht getragen zu werden: davon handelt Schreiben, das ist Schreiben. Und wenn Hollywood ruft, werde ich mir nicht die Ohren zuhalten – wenn hingegen Babelsberg anruft: eventuell schon. Die Theater-Adaptionen in Berlin, Hamburg, Göttingen, Zürich entstanden vor allem deshalb, weil ich rasch des Filmbranchengeschwätzes überdrüssig geworden war, etwa nach dem zweiten Treffen mit Filmleuten, die sich für „Panikherz“ interessierten. Dieses dauernde gemeinsame Kaffeegetrinke, höchstinteressiert und zutiefst ergebnislos – und sich permanent vertagend auf folgende Kaffeetrinkereien, grauenhaft. „Es ist ein tolles Buch, aber unheimlich schwer verfilmbar“, wurde immer gesagt, aber um das festzustellen, muss man wirklich nicht zusammen Kaffee trinken. Also: Wenn es doch noch irgendwer macht, nur zu, aber bitte nicht mehr Kaffeetrinken vorher. Ich komme dann einfach zur Premiere, vorher will ich nix mehr hören. Interview: Wolfgang Schütz

Lesung: Stuckrad-Barre stellt am Donnerstagabend in der Augsburger Musikkantine (Kulturpark West) sein aktuelles Buch vor: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen: Remix 3“ (Kiepenheuer & Witsch, 320 S. 20 Euro)

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