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01.12.2019

Star-Dirigent Mariss Jansons ist tot

Mariss Jansons ist tot. Der lettische Dirigent starb im Alter von 76 Jahren in St. Petersburg.
Bild: Hans Punz, APA/dpa

Mariss Jansons wurde bewundert, tief respektiert, geliebt. Nun starb er. Als Chef des BR-Symphonieorchesters wollte er noch den Münchner Konzertsaal einweihen.

Ein Tagebuch ist eine private Sache. Hier sei eine Ausnahme gemacht:

"31. Oktober 2019, Paris. Philharmonie. Sehr gutes Konzert. Schostakowitschs 10. gelang fulminant dank der Solisten – ob Mariss Jansons noch viele Impulse wirklich setzt am Abend, bezweifle ich. Er scheint doch sehr zerbrechlich. Jedenfalls strengte sich das Orchester an, es will sich international beweisen. Der Abend lohnte sich."

So steht es geschrieben – formuliert aus dem Nicht-wissen-können, was danach folgte: Nach dem 31. Oktober dirigierte Mariss Jansons noch ein Konzert in Köln und eines in New York – wobei er dort, wie die New York Classical Review berichtete, zeitweise seine Arme nur noch unter Schwierigkeiten auf der Höhe der Partitur halten konnte. Für den zweiten New Yorker Abend wurde Jansons dann bereits durch Vasily Petrenko vertreten.

Nun ist aus Sankt Petersburg die erschütternde Nachricht eingetroffen: Mariss Jansons ist tot.

Und der Bayerische Rundfunk, der ihm viel zu verdanken hat, erklärte in der Spitzenmeldung der 12 Uhr-Nachrichten sachlich: "Er galt als einer der besten Dirigenten der Welt."

Mariss Jansons verstand es, in das Herz der Musik zu leuchten

Ja, so war es. Womöglich nahm Jansons, 1943 im Ghetto des lettischen Riga geboren, in seiner Altersklasse sogar den Vorsitz ein. Er wurde ob seiner Fähigkeiten bewundert, tief respektiert, ja geliebt. Und – nun kommt das Entscheidende – nicht nur seitens des Publikums, sondern auch seitens der Musiker und der internationalen Kritik. 16 Jahre lang wirkte Jansons als Chefdirigent vor dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – was wiederholte Vertragsverlängerungen bedeutete –; 2023 hätte er gerne den neuen Münchner Konzertsaal für sein Orchester einweihen wollen, für den er aus eigener Tasche 250.000 Euro beisteuerte – nämlich das Preisgeld der Ernst-von-Siemens-Auszeichnung 2013 für sein Lebenswerk.

Das Lebenswerk, ja. Es ist riesig, schlägt sich nieder in preisgekrönten CD-Einspielungen mit diversen großen Orchestern, dazu in ungezählten Rundfunkaufnahmen, mit denen der Bayerische Rundfunk sein Programm auf höchstem ästhetischen Niveau bestreiten kann – und tagtäglich bestreitet –, schließlich auch in der Erinnerung daran, welche Intensität Jansons insbesondere im russischen Repertoire entfachen konnte. Wer 2016 seine Amsterdamer Produktion von Tschaikowskys "Pique Dame" hörte (Regie: Stefan Herheim) und im Jahr darauf Schostakowitsche "Lady Macbeth" in Salzburg, der stieß jeweils auf musikalische Tiefenbohrungen. Und dasselbe galt für Tschaikowsky, für sämtliche Schostakowitsch-Sinfonien, die Jansons mit unterschiedlichen Orchestern aufnahm, sowie für Gustav Mahler.

Worin aber lag das Wesen dieser Tiefenbohrungen? Jansons schon frühkindlicher Wille, Dirigent werden zu wollen, also dem Vater Arvid Jansons nachzufolgen und als ausübender Musiker auch der singenden Mutter Iraida, sodann die Förderung durch Karajan, die Ausbildung in der legendären Wiener Dirigentenschmiede von Hans Swarowsky und die Assistenz bei Jewgeni Mrawinski – dies alles führte zu jenem charakteristischen künstlerischen Vermögen, das Mariss Jansons Auftritte nicht immer, aber vergleichsweise oft zu Sternstunden werden ließen: Sein Musizierideal bestand in der parallelen Beachtung von Gesanglichkeit, lesender Deutung des (Stimmungs-)Gehalts zwischen den Notenzeilen und präziser Darlegung der konstitutionellen Kräfte von Musik, darunter zuvörderst Rhythmus, Harmonik. So kamen kostbare, nuancierte, mitunter geradezu detailversessene Aufführungen zustande.

Mariss Jansons hat dirigieren müssen - es war seine Bestimmung

Jansons also verstand es, in das Herz der Musik zu leuchten. Deswegen wurde er bewundert, tief respektiert, geliebt – und auf seiner letzten großen, abgebrochenen Tournee dann vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks regelrecht auf Händen getragen. Er hatte das Programm einstudiert – übrigens auch Richard Straussens "Vier letzte Lieder" mit Diana Damrau, die in Jansons New Yorker Schwanengesang-Konzert gleichsam prophetisch erklangen –, und die Orchestermusiker brachten ihm liebend dar, was er wünschte – ohne dass es all seiner Impulse bedurft hätte.

Nun ist Mariss Jansons, der Workaholic, der sich nichts schenkte, der gegen seine Gesundheit dirigierte und schon 1996 einen Herzinfarkt am Pult erlitten hatte, tot. Es wird unmöglich sein in München, auf die Schnelle auch nur annähernd gleichwertigen Ersatz für ihn zu finden: Sein letzter Vertrag wäre bis 2024 gelaufen. Stark begabte junge Dirigenten und Dirigentinnen gibt es nicht wenige, aber Orchestererzieher, die die notwendige Orchester-Erfahrung durch internationale Dirigate mitbringen (Berlin, Wien, Amsterdam, Pittsburgh) und geliebt werden, die sind ganz, ganz rar. Kirill Petrenko, Nelsons, Nézét-Seguin haben sich anderweitig festgelegt.

Mariss Jansons hat dirigieren müssen. Es war seine Bestimmung. Er wollte es so – bis zuletzt. Sein Einsatz hat ihm Freude und uns Berührung gebracht. Danke.

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