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Interview

29.08.2019

Star-Tenor Klaus Florian Vogt: „Frau Merkel ist eine Heldin“

Der Star-Tenor Klaus Florian Vogt reist zu Terminen gerne mit seinem Wohnmobil an.
Bild: dpa

Für Star-Tenor Klaus Florian Vogt sind Richard Wagner und seine Titelrollen ein „unerschöpfliches Universum“. Bald tritt er beim Festival der Nationen auf.

Herr Vogt, seit 13 Sommern singen Sie bei den Bayreuther Festspielen. Dieses Jahr waren Sie dort auch in ihrer Paraderolle, dem Lohengrin, zu erleben. 2020 geben Sie bei der neuen Ring-Inszenierung des Österreichers Valentin Schwarz in der Walküre den Siegmund. Das Festspielhaus ist so etwas wie ihr Wohnzimmer, oder?

Vogt: Ja, es ist tatsächlich ein wenig mein Zuhause geworden. Für mich ist es ein Hochgenuss, in diesem Haus zu singen. Ich habe das Gefühl, dass meine Stimme dort besonders zur Geltung kommt. Inzwischen kenne ich das Haus sehr gut und kann mit der Akustik stimmlich ein bisschen spielen – und ich weiß auch um die Tücken des verdeckten Grabens.

Was ist in Bayreuth anders als anderswo?

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Vogt: Ich mag die Atmosphäre sehr gern. Man muss bedenken, dass sämtliche Mitarbeiter, mit denen man zu tun hat, sei es Chor, Orchester, seien es Techniker, Maskenbildner, Gewandmeister, Solistenkollegen, dass alle aus freien Stücken hier herkommen und großteils ihren Urlaub dafür hergeben Das ist schon eine besondere Haltung, finde ich. Das vereint spartenübergreifend. Ich glaube, man spürt, dass alle hier sind, weil sie hier sein wollen.

„Zu einem Helden gehört auch,dass er weiß, was Angst ist.“

Wer ist für Sie, den Heldentenor, ein Held? Was zeichnet ihn aus?

Vogt: Ein Held handelt uneigennützig, er ist mutig und hat eine klare Haltung zu den Dingen. Zu einem Helden gehört auch, dass er weiß, was Angst ist, dass er trotzdem das Notwendige tut.

Konkret und aktuell: Kennen Sie einen Helden?

Vogt: Ja, da gibt es mehrere, aber die kommen alle aus meinem privaten Umfeld.

Vielleicht jemand aus dem öffentlichen Leben?

Vogt (überlegt): Ach, na ja, ehrlich gesagt, fällt mir da spontan unsere Bundeskanzlerin ein, die trotz aller Anwürfe und Anfeindungen doch irgendwie heldenhaft ihre Aufgabe wahrnimmt. Und das macht sie unprätentiös, uneigennützig und relativ leise. Das empfinde ich als heldenhaft. Also ich finde, Frau Merkel ist eine Heldin.

Lohengrin ist auch ein Held. Sie gaben ihn u. a. 2011 in der legendären Ratten-Inszenierung von Hans Neuenfels. Im selben Jahr nahmen Sie ihn unter Marek Janowski in der Berliner Philharmonie auf. Konzertant oder szenisch – wofür schlägt Ihr Herz mehr?

Vogt: Ich glaube schon, dass mich der szenisch-dramatische Kontext generell beflügelt. Ich mag an dem Beruf des Opernsängers, dass ich Sänger und gleichzeitig auch Darsteller bin. Eine künstlerische Sicht kann die Darstellung einer Figur ungemein befördern. Mit Hans Neuenfels gab es eine tolle Zusammenarbeit. Er hat uns ermutigt, keine Angst vor dem Emotionalen und Menschlichen zu haben und entsprechende Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Das war sehr interessant und inspirierend. Ich habe damals auch sehr viel gelernt – als Lohengrin, aber auch als Schauspieler. Bei einer konzertanten Aufführung gibt es zwar weder Bühnenbild noch Kostüme. Mental versuche ich aber dennoch, mich in die jeweilige Situation hineinzuversetzen. Im Kopf läuft dann die gleiche Geschichte ab. Für mich ist insofern der Unterschied gar nicht so groß.

„Ich denke nie: Jetzt weiß ich allesüber diese Rolle und diese Figur“

Bei Ihrer „Festival der Nationen“-Gala mit dem Münchner Rundfunkorchester im Kurhaus Bad Wörishofen am 3. Oktober stehen Auszüge aus Wagners Meistersingern, aus Walküre, Siegfried, Parsifal, Tannhäuser und Lohengrin auf dem Programm. Ohne Wagner wären Sie nicht zum Sänger geworden, haben Sie einmal gesagt. Was schätzen Sie an ihm?

Vogt: Ich mag diese spätromantische und durchkomponierte Musik mit großem Orchesterklang. Das sagt mir viel und berührt mich. Dazu kommt, dass diese Partien sowohl von den Charakteren als auch von der Musik her eine große Tiefe haben. Und diese auszuleuchten, sowohl in musikalischer als auch in darstellerischer Hinsicht, das fasziniert mich immer wieder und ist für mich ein unerschöpfliches Universum.

Das gilt auch für den Lohengrin, den Sie seit dem Rollen-Debüt 2002 im Theater Erfurt so oft gesungen haben?

Vogt: Ja, auch bei Lohengrin ist es so. Ich denke nie: Jetzt weiß ich alles über diese Rolle und diese Figur. Es kommt jedes Mal eine neue Facette hinzu, und es begeistert mich immer wieder, diese Vielschichtigkeit zu entdecken und für mich selber zu deuten.

„Ich weiß heute, dass ich am Ende des Lohengrins relativ frisch ankomme.“

Das klingt aber auch anstrengend.

Vogt (lacht): Na ja, im Falle von Lohengrin bin ich natürlich über all die Jahre lockerer geworden. Am Anfang ist so eine lange Partie immer auch davon geprägt, wie man konditionell am Ende ankommt. Und dass ich heute am Schluss des Stückes relativ frisch ankomme, das weiß ich inzwischen. Trotzdem kann man natürlich nie voraussagen, wie das Ende an dem jeweiligen Vorstellungstages genau aussehen wird. Aber ich kann das inzwischen ganz gut einschätzen. Und ich weiß, mit meinen Ausdrucksmöglichkeiten zu spielen.

Ihre Karriere ist ungewöhnlich: Sie studierten Horn und waren zunächst fast zehn Jahre lang, bis 1997, als Hornist im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg tätig, nahmen nebenbei aber Gesangsunterricht. 1998 hatten Sie dann als Sänger ihr Debüt an der Dresdner Semperoper. Spielen Sie eigentlich noch Horn?

Vogt: Ja. Regelmäßig an Weihnachten packe ich das Horn aus und probiere, ob es noch geht. Im Mai feierte mein Horn-Professor in Hamburg Abschied mit gut 60 Hornisten. Da habe ich auch mitgespielt.

Wie hält man sich als weltweit gefragter Heldentenor fit?

Vogt: Ich versuche relativ gesund zu leben. Das bedeutet in erster Linie: viel Schlaf und wenig Stress. Das bedeutet aber auch, dass man sich nicht so viel ärgert, sondern mehr freut. Ansonsten ist für mich meine Familie das Allerwichtigste. Und dann mache ich natürlich Sport. Ich surfe, schwimme und fahre gern mit dem Boot. Das lenkt mich ab. Meine große Leidenschaft ist aber das Fliegen. Wenn ich in meiner „Mooney“ sitze, dann kann ich total abschalten.

Zu Ihren Vorstellungen reisen Sie oft mit ihrem Wohnmobil an. Warum eigentlich?

Vogt: Ich schätze die Unabhängigkeit und die Freiheit, die man mit dem Wohnmobil genießen kann. Es ist mir lieber als ein Hotelzimmer oder eine Wohnung, in der man meistens erst mal Salz und Pfeffer und eine neue Pfanne kaufen muss. Und man weiß ja auch nie, wie das Bett ist. Im Wohnmobil habe ich mein eigenes Bett, kann auf meinem Kopfkissen schlafen und habe alles dabei, was ich brauche. So schwingt trotz Arbeit immer auch ein bisschen Feriengefühl mit. Das mag ich sehr. Außerdem: Wenn es mir irgendwo nicht gefällt, fahre ich halt woanders hin.

„Wenn ich im Ausland bin, steuereich immer einen Campingplatz an.“

Nur nicht, wenn man ein Engagement hat.

Vogt: Na ja, wenn es mir an einem Platz nicht gefällt, dann suche ich mir schon einen anderen. Wenn ich im Ausland bin, steuere ich immer einen Campingplatz an, weil das Auto zwischen den Vorstellungen sonst oft alleine stehen würde. In Italien oder Spanien lasse ich es nicht einfach an der Straße stehen.

Vermissen Sie denn gar nicht den Komfort eines Fünf-Sterne-Hotels?

Vogt: Nein, ich habe in meinem großen Wohnmobil genug Komfort.

Kochen Sie darin auch?

Vogt: Ja, sehr gerne und oft. Ich finde es fürchterlich, alleine essen zu gehen. Man fühlt sich da immer sehr einsam. Deshalb koche ich mir lieber etwas Einfaches im Wohnmobil und stelle dort meinen Fernseher an oder höre Musik.

Ihr Lieblingsrezept?

Vogt: Für meine Vorstellungstage habe ich ein Spezial-Gericht: eine Pastasoße mit Paprika, Tomaten, Zucchini und Lachs. Das gibt Kraft und hält vor. Ideal also auch für einen langen Wagner-Abend.

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