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Trailer und Kritik

19.09.2019

"Systemsprenger" ist ein Kinofilm über unbändige Verzweiflung

Benni (Helena Zangel) ist kein braves Mädchen: Sie schreit, randaliert vor Wut, ist nicht zu bändigen.
Bild: Yunus Roy Imer, Port au Prince Pictures

Die neunjährige Benni durchflutet die pure Wut. Kann dem Mädchen jemand helfen? Das fragt Nora Fingscheidt in ihrem überwältigenden Regiedebüt.

„Ist Sicherheitsglas“, sagt der Erzieher, um seine Kollegen zu beruhigen. Draußen auf der anderen Seite wütet Benni (Helena Zangel). Gerade ist das neunjährige Mädchen dabei, den ganzen Bestand an Bobby-Cars gegen die Scheibe zu schleudern. Pure, unbändige Wut durchflutet sie. Dabei setzt sie eine Energie und Ausdauer frei, wie sie eben nur ein Kind mit seiner ungebremsten Emotionalität aufbringen kann.

"Systemsprenger" geht für Deutschland ins Oscar-Rennen

„Systemsprenger“ nennt Nora Fingscheidt ihr fulminantes Regiedebüt, das die diesjährige Berlinale mit dem silbernen Bären auszeichnete und nun für Deutschland ins Oscar-Rennen geht. Der Begriff kommt aus der Sozialpädagogik und bezeichnet Kinder und Jugendliche, die wegen ihrer Aggressivität durch alle Raster des staatlichen Betreuungssystems fallen. Mit der fabelhaften Hauptdarstellerin Helena Zangel gelingt es Fingscheidt nicht nur die Sprengkraft eines solchen Kindes, an dem alle Betreuungseinrichtungen verzweifeln, zu zeigen, sondern vor allem auch die enorme Lebensenergie und tiefe Not, die hinter der aggressiven Auflehnung steckt. Mit jeder Faser ihres Seins scheint sich Benni nach einer festen Bezugsperson zu sehnen, die ihre Mutter nicht mehr sein kann.

Die Sicherheitsverglasung ist Bennis Aggressivität genauso wenig gewachsen wie das staatliche Betreuungssystem. Die zuständige Sozialarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmiede) weiß nicht mehr weiter. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: überall fliegt Benni nach kürzester Zeit wieder raus. Denn Benni will nur eins: wieder bei ihrer Mutter wohnen, die die Betreuung des nicht zu bändigenden Mädchens dem Jugendamt überlassen hat.

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In jeder Minute sieht man: Die Regisseurin brennt für ihren Film

Bianca (Lisa Hagmeister) ist völlig überfordert von Benni, den beiden „normalen“ Geschwistern, der prekären finanziellen Situation und dem unsteten Liebesverhältnis zu einem aggressiven Mann. Auch in der Psychiatrie, wo Benni nach einem Anfall ruhig gestellt wird, die Hirnströme regelmäßig gemessen und die Medikamente eingestellt werden, ist man zunehmend ratlos. Für eine Therapie in einer geschlossenen Einrichtung ist das Mädchen noch zu jung.

Schließlich schleppt Frau Bafané den Anti-Gewalttrainer Micha (Albrecht Schuch) an, der normalerweise mit straffälligen Jugendlichen arbeitet. Er soll Benni in die Schule begleiten und aufpassen, dass sie keinem etwas antut. Aber nach dem nächsten Ausraster wird ihm klar, dass Benni eine intensivpädagogische Betreuung braucht.

Trailer: Das sind die ersten Eindrücke von "Systemsprenger"

Er nimmt sie mit in eine Hütte im Wald. Kein fließend Wasser, kein Strom, keine Reize, nur Natur. Hier kommt Benni endlich zur Ruhe und lernt nach einigen Machtkämpfen ihrem Betreuer als verlässliche Bezugsperson zu vertrauen. Micha ist zunehmend fasziniert von dem Kind. Natürlich fängt Benni an zu klammern und Micha merkt, dass ihm die professionelle Distanz abhandenkommt, die väterlichen Beschützergefühle zu groß werden und er damit sein eigenes Familienleben gefährdet.

Dass die Regisseurin für ihr Sujet brennt, so wie man es selten im deutschen Kino sieht, erkennt man in jeder Filmminute. Die Energie der jungen Systemsprengerin treibt den Film dynamisch voran, der aber auch immer wieder Momente von herzzerreißender Ruhe und Nähe findet. Als Micha mit Benni einen Berg besteigt, fordert er sie oben auf, das Echo auszuprobieren. „Mama“, ruft das Mädchen immer wieder in den Wald hinein und in ihrer machtvollen Stimme hört man die ganze Sehnsucht, Wut, Kraft und Verzweiflung eines liebesbedürftigen Kindes widerhallen.

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