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  3. Theater Augsburg: Was die scheidende Intendantin Juliane Votteler geleistet hat

Theater Augsburg
30.06.2017

Was die scheidende Intendantin Juliane Votteler geleistet hat

Klarer Blick, heller Verstand und jede Menge Temperament: die scheidende Intendantin Juliane Votteler
Foto: Ulrich Wagner

Juliane Votteler bescherte dem Theater Augsburg und seinem Publikum zehn aufregende Jahre. Eines hatte die Bühnenchefin ihren Vorgängern voraus.

Nun also geht ihre zehnjährige Augsburger Intendanz zu Ende: Noch eine – vielleicht hausintern anspielungsreiche – Schauspiel-Premiere, nämlich das verrückte Lustspiel „Pension Schöller“, dann braucht Juliane Votteler künstlerisch nicht mehr groß zu lenken, dann kann sie zuschauen, wie das läuft, was sie bis zur Theatersommerpause auf Freilicht- und Brechbühne in die Wege geleitet hat.

Zehn Jahre sind keine kurze Zeit. Aber wenn sie randvoll gefüllt waren mit Einsatz, Verpflichtung, Kampf, Umbruch, wenn sie also erregten, dann mögen sie im Nachhinein als kurz empfunden werden. Und die Augsburger Jahre der Juliane Votteler darf man – unterm Strich – gewiss als erregt und aufregend bezeichnen. Künstlerisch, theaterpolitisch, organisatorisch, menschlich. Etliche Künstler gingen (und verbesserten sich), etliche ersetzten sie (und verbesserten sich).

Um Vottelers Leistung zwischen 2007 und 2017 plastisch darzustellen, muss man ausholen dürfen – und auch zurückblicken auf das, was ihre Vorgänger bewirkten. Vier Intendanten-Köpfe lenkten das Theater Augsburg in den letzten 35 Jahren. Da war der integrative, ruhige, väterliche, künstlerisch nicht übermäßig aufregende Helge Thoma, der den Laden auch dann wieder zusammenbrachte und zusammenhielt, nachdem der künstlerisch deutlich avanciertere Peter Baumgardt auch ein wenig über seinen eigenen Ehrgeiz gestolpert war. Dann kam Ulrich Peters mit seinem beispielgebenden Respekt auch vor Andersdenkenden – ein Vertreter hauptsächlich des professionell-bürgerlichen Theaters, aber auch ein Impresario, der sich verdienstvoll um die „Zeit-Oper“ einsetzte.

Juliane Votteler wurde die erste Intendantin von Augsburg

Und dann kam die 1960 in Stuttgart geborene Juliane Votteler. Die erste Frau auf dem Augsburger Intendanten-Posten. Per se keine gängige Voraussetzung. Und von ihr in den Auswirkungen beim Tagesgeschäft auch immer mal wieder beklagt. Noch immer muss eine Frau in Führungsposition doppelte Überzeugungskraft entwickeln.

Diese Konstellation entspannte sich gewiss nicht dadurch, dass Juliane Votteler – und das ist hier als wesentlich festzuhalten – ein Intellekt zur Verfügung steht, der am Augsburger Theater zuvor nicht die Regel war. Ihr ging es von Anfang an mehr um das Geistige und die Aussage von Kunst als um die – sehr wohl auch gelieferte – Abendunterhaltung. Und ihren Weg eines Dauer-Anspruchs, der oft, aber natürlich nicht immer eingehalten werden konnte, wollte und mochte nicht jeder mitgehen – nicht im Publikum, nicht in der Politik. Daraus ergaben sich naturgemäß Kontroversen, und auf der einen Seite des Tresens saß dann eben eine Frau mit innerer Überzeugung – und Kopf. Eine Frau, die im Übrigen gelegentlich auch stark impulsiv reagierte.

Klar war mit Vottelers Augsburger Verpflichtung, dass das Musiktheater favorisiert würde. Sie inszenierte im Gegensatz zu ihren Vorgängern nie selbst, aber sie bewies ein Händchen darin, die passenden Regisseure und Bühnenbildner zusammenzubringen. Und darauf vor allem kommt es künstlerisch bei der Intendanten-Aufgabe an. Und: Als ehemalige Chefdramaturgin am Opernhaus Stuttgart – gefördert durch den klugen Intendanten-Kopf von Klaus Zehelein – hatte sie gelernt sowohl genau als auch zwischen den Zeilen zu lesen. So kamen, zumal mit ihr als dialektisch geschulter Operndramaturgin, bildmächtige, unmittelbare, in einem Wort starke Produktionen zustande. Erinnert sei nur an ihre Einstiegsopernpremiere mit Jaromir Weinbergers „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“, an eine elektrisierende Strauss-„Elektra“, an den packenden Zemlinsky-„König Kandaules“, an einen schräg-heiteren Chabrier-„L’étoile“. an eine ergreifende Schostakowitsch-„Lady Macbeth“ und natürlich – als Theatergroßtat, Monate lang vorbereitet – an Luigi Nonos „Intolleranza“, mit der sogar in die städtische Flüchtlingsdebatte eingegriffen wurde. Da – und mit dem Schauspielprojekt „Die Weber von Augsburg“ – war das Theater längst viel weiter in die Gesellschaft hinein geöffnet als offiziell wahrgehabt werden wollte.

So viel zur entscheidenden künstlerischen Seite der Juliane Votteler. Etwas anderes kommt hinzu: Wenn heute in der Republik Theatersanierungen anstehen, dann wird gezielt nach Führungspersönlichkeiten gesucht, die diesbezüglich bereits Erfahrungen haben. Und dazu genügend jugendliche Dynamik versprechen, um Herr zu werden der sich einstellenden Begleitumstände. So wurde auch Vottelers Nachfolger André Bücker bestimmt.

Gegen Widerstand musste die fällige Theatersanierung vorbereitet werden

Votteler aber rutschte unversehens in die schwierige Situation hinein, eine grundlegende Sanierung (mit all ihren notwendigen Ausweichspielstätten) vorbereiten zu müssen – und gleichzeitig noch das Theater als Institution gegen ein paar dekonstruktiv wirkende lokale Theatergegner zu verteidigen. Mittlerweile ist dieser deutschlandweit einzigartig beschämende Fall gelöst: Nach plötzlicher Schließung des Großen Hauses aufgrund von mangelnder Brandsicherheit und nach einer Bürgerbefragung, die seitens der Quertreiber deutlich verloren wurde, wird das Theater Augsburg nun für 189 Millionen Euro saniert. Leicht zu ermessen ist, dass derlei Vorgänge – neben der notwendigen organisatorisch-künstlerischen Theaterleitung – eine enorm hohe Belastung mit sich bringen. Die Sparte Ballett hielt in dieser schwierigen Zeit ihr gleichmäßig hohes Niveau bei; im Schauspiel gab es zuletzt nicht aufgefangene Abnutzungserscheinungen.

Es waren aufregende, reiche Jahre. Zum Anforderungsprofil eines Intendanten, einer Intendantin, gehört nicht, dass er/sie bequem zu sein hat, dass sie/er einer Theater-Boutique oder Bijouterie vorsteht. Augsburg und sein Publikum haben guten Grund zum Lohengrin-Satz, chorisch intoniert: Mein lieber Schwan. Nun sei bedankt!

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