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31.03.2009

"Theater-Botschafter" Roberto Ciulli wird 75

Mülheim/Ruhr (dpa) - Er ist bis heute ein Einzelgänger im Bühnenbetrieb, sein Theaterprojekt in Mülheim erweckte viel Aufsehen und war manchem besser dotierten Stadttheater ein Dorn im Auge: Der in Mailand geborene Regisseur Roberto Ciulli feiert am Mittwoch ohne große Geste seinen 75. Geburtstag.

Keinen Festakt gibt es für den Theatergründer am Rande des Ruhrgebiets, der längst mit Preisen vom Bundesverdienstkreuz über die Hiroshima-Foundation Stockholm bis zur Ruhrgebiets-Ehrenbürgerschaft nur so überhäuft wurde. Ciulli steht an seinem Geburtstag bei einem Gastspiel in Kempten im Allgäu auf der Bühne. Er sei bei bester Gesundheit und plane auch in Mülheim zur nächsten Spielzeit eine neuen Inszenierung, sagt ein Sprecher.

Als der promovierte Philosoph Ciulli 1981 in Mülheim zusammen mit dem Dramaturgen Helmut Schäfer und dem Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben das Mülheimer Theater an der Ruhr gründete, begann für ihn ein doppeltes Experiment: Inhaltlich wollte er Diskussion und Improvisation beim Einstudieren der Stücke. "100 Prozent Diskurs", lautet ein Motto auf der Homepage des Hauses. Hinter den Kulissen zwang ihn schon sein dünner Etat zu unbürokratischen und weitgehend hierarchiefreien Strukturen.

Ciulli machte aus der Not eine Tugend: Er ließ sein Ensemble wie kaum ein anderes zu Gastspielen in andere deutsche Städte und ins Ausland reisen. Das Nichtverharren an einem Ort prägte die Ausdrucksformen des Theaters, es förderte den Kulturaustausch - und die Finanzierung des Hauses. Dank der zahlreichen Gastspiele erwirtschaftet das Ruhrtheater nämlich etwa 40 Prozent seines 3,6- Millionen-Euro-Etats aus eigener Kraft. Viele Schauspielhäuser schaffen nicht mal ein Drittel dieses Wertes.

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Mit mehr als 30 Ländern pflegt das Theater an der Ruhr den Austausch; darunter auch den Krisenregionen entlang der alten Seidenstraße, die Ciulli in den Mittelpunkt stellte. 2002 war die Inszenierung einer García-Lorca-Tagödie mit iranischen Schauspielerinnen in persischer Sprache ein Höhepunkt seiner Arbeit. Im Frühjahr 2006 schloss er mit der kurdischen Regionalregion im Nordirak einen Kulturaustauschvertrag, vor gut einem Jahr gastierte daraufhin ein türkisch-kurdisches Ensemble ebenfalls mit Lorca an der Ruhr. Das Theater reiste 2007 in den Iran unter Präsident Ahmadinedschad und spielte dort unangefochten revolutionskritische Stücke wie Büchners "Dantons Tod".

Ciulli sieht auch weit jenseits der bürgerlichen Pensionsgrenze die Rolle des Theaters in der Provokation: Zu viel Einvernehmen zwischen Theater und Publikum sei tragisch, sagte er vor kurzem der Kulturzeitschrift "K-West". Provozierend wirkte er lange auch auf manche Kollegen mit seiner Kritik an den etablierten Strukturen im deutschen Theatersystem: Die schiere Größe manches Hauses und Tarifverträge mit Nacht- und Sonntagszuschlägen blockierten die schöpferische Kraft, sagte er in Interviews.

Der Glaube an die Wirkung des Theaters ist in Ciulli ungebrochen. Theater zeige die vielen Möglichkeiten, die die Gesellschaft töten muss, um zu funktionieren, sagt er. Das gilt auch für ihn persönlich: In einer Familie dunkelhaariger Italiener hatte er einziger knallrote Haare. "Deswegen war ich auch der Teufel", erzählt er der Zeitschrift. Seine Fantasien lebe er auf der Bühne aus - "damit weniger auf die Idee kommen, ihre Fantasien real umzusetzen."

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