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Themenwoche
12.11.2021

Zwischen zwei Schwestern: Egon Schiele und die Dramen der Liebe

Die Schiele-Statue vor dem Schiele-Museum in dessen Geburtsstadt Tulln.
Foto: stock.adobe.com

Mit Sex, großer Kunst und doppelt tragischem Ende: Wie Egon Schiele zugleich Edith und Adele Harms den Hof machte, beide zeichnete, aber nur eine heiratete.

Wenn das kein Romanstoff ist! Es geht um Liebe und Sex, es führt zu Drama und Tragödie. Im Fokus steht ein damals bereits anerkannter, bis heute aber immer nur noch mehr verehrter Künstler – aber vielleicht noch interessanter ist das delikate Spannungsfeld zwischen zwei attraktiven Schwestern, das durch ihn entsteht. Und das Ganze spielt auch noch vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Katastrophe des Ersten Weltkrieges. Hinein also in diese Geschwister-Geschichte!

Sie beginnt in der Hietzinger Hauptstraße in Wien, man sieht die Schwestern im gutbürgerlichen Haushalt Harms der Hausnummer 114, Adele ist 24, Edith 20, als sie Anfang des Jahres 1914 die Bekanntschaft eines Herrn von gegenüber machen: Der gerade da aufstrebende Maler und Zeichner Egon Schiele hat im Haus mit Nummer 101 sein Atelier. Und der, im selben Alter wie Adele, wird im Hause Harms empfangen, porträtiert auch den Vater – und beginnt, beiden Schwestern den Hof zu machen. Die er natürlich auch zeichnet. Und wer nun diesen Schiele kennt, weiß: Das ist nicht ohne. Denn wie seine zahlreichen Bilder von sich selbst sind gerade die einzig noch zahlreicheren von Frauen nicht selten radikal in Strich und Freizügigkeit. Es heißt sogar, er habe mit den Modellen am liebsten zuvor Sex, dann sei die Stimmung offener und entspannter.

Edith lässt sich nicht gerne nackt zeichnen

Wie gehen die Schwestern damit um? Ziemlich unterschiedlich. Adele zeigt sich, Edith lässt sich nicht gerne nackt zeichnen. Wer noch heute bei einer der Werkschauen in der Wiener Albertina die Ergebnisse vergleicht, sieht: Die Bildnisse von Adele sind die stärkeren – aber auch die selteneren. Denn die zurückhaltendere Edith ist die, die Egon heiratet. Und diese verlangt vom Künstler, dass es keine anderen Modelle mehr neben ihr geben dürfe. Keine Adele mehr also – aber auch keine Wally. Mit Walburga Neuzil, die er sich mit dem Kollegen Gustav Klimt zeitweise (mindestens) als Modell teilte, ist dieser Schiele da eigentlich auch noch zusammen. Der Künstler hätte gerne eine Dreiecksbeziehung, die Frauen aber wollen nicht, Wally geht, Edith wird geehelicht (und ist dabei fraglos auch die gesellschaftlich bessere Partie). Ist der Schlussstrich mit Adele aber auch so konsequent?

Die wird später sagen: So keusch, wie es hätte sein sollen mit dem Schwager, sei es nicht gewesen (er hatte auch Nacktfotos von ihr, und es gibt Paarzeichnungen, da lässt sich ohnehin kaum sagen, welche Schwester zu sehen ist) … Als Edith schwanger wird, darf der aus dem zwischenzeitlichen Kriegsdienst (für den er kaum tauglich war) zurückgekehrte Egon wieder andere zeichnen. Da aber beginnt sich das Drama zu entfalten. Edith nämlich, im sechsten Monat, stirbt an der Spanischen Grippe. Und bald darauf auch Schiele, mit gerade mal 28 und am Beginn einer großen Karriere.

Adele überlebt. Als später eine Reporterin sie ausfindig machte, das Verhältnis samt Schieles Nacktfotos von ihr befragend, zerreißt sie die Abzüge: Damit sei ihre Geschichte erzählt. Das Ende aber spielt im Jahr 1967, Adele ist 77, als sie einsam und elend im Armenhaus stirbt. Unter ihren wenigen Hinterlassenschaften aber finden sich noch Original-Zeichnungen von Egon Schiele.

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