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München

22.06.2020

Thomas-Mann-Ausstellung: „Die Demokratie wird siegen!“

Der sich klar für die Republik positionierende und in seinen politischen Ansichten auch öffentlich nicht zurückhaltende Schriftsteller wurde zunehmend zum Feindbild rechtsnationaler Kreise.

Plus Das Münchner Literaturhaus zeichnet in einer Ausstellung die politische Biografie des Schriftstellers nach. Eines von Thomas Manns Häusern spielt dabei eine besondere Rolle.

Im Jahr 2016 erwarb die Bundesrepublik Deutschland das ehemalige Wohnhaus des Schriftstellers Thomas Mann im kalifornischen Pacific Palisades mit dem erklärten Ziel, die Villa künftig für Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens zur temporären Residenz zu machen, zu einem „transatlantischen Debattenort“. Das geschah in weiser Voraussicht, denn um das Verhältnis der beiden Länder dies- und jenseits des Atlantiks steht es nicht zum Besten, seitdem Donald Trump kundgetan hat, dass fortan „nur noch ,America first‘“ gelten solle. Wobei sich der 45. Präsident der USA vermutlich kaum bewusst sein dürfte, dass dieses Schlagwort ein deutscher Schriftsteller schon einmal in einem ganz anderen Zusammenhang gebraucht hatte: „Nicht ,America First‘, sondern ,Democracy First‘ und ,Human Dignity First‘ ist der Slogan, der Amerika tatsächlich auf den ersten Platz in der Welt führen wird.“ So sprach Thomas Mann 1941 im Exil in den Vereinigten Staaten.

Im Jahr 2016 erwarb die Bundesrepublik Deutschland das ehemalige Wohnhaus des Schriftstellers Thomas Mann im kalifornischen Pacific Palisades mit dem erklärten Ziel, die Villa künftig für Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens zur temporären Residenz zu machen, zu einem „transatlantischen Debattenort“.

Thomas Manns Botschaft ist auch heute noch aktuell

Dass gerade das kalifornische Thomas Mann House – so der offizielle neue Name – zu einem solchen Debattenort erkoren wurde, hat seinen tieferen Sinn. War es doch gerade von diesem Wohnsitz aus, dass der aus Deutschland ausgebürgerte Schriftsteller seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus führte. Hier am Schreibtisch in Pacific Palisades entwarf er seine Rundansprachen „Deutsche Hörer!“, die von der BBC während der Kriegsjahre in das Hitler-Reich hinein ausgestrahlt wurden. Hier konzipierte er seine Vorträge für die großen „Lecture Tours“, auf denen er quer durch die USA über das Nazi-Regime aufklärte und zugleich für die Demokratie als Staatsform warb.

Gerade dieser Einsatz brachte die Leiterin des Münchner Literaturhauses, Tanja Graf, auf den Leitgedanken für die Ausstellung „Thomas Mann: ,Democracy Will Win!‘“: nämlich die Aktualität des Mann’schen Einsatzes für die Demokratie in die heutige Zeit zu überführen, in welcher Politikverdrossenheit, Populismus und Nationalismus an den Grundfesten von Freiheit und Gleichberechtigung nagen. Und so hat das Münchner Literaturhaus sich den Debattenort aus Kalifornien buchstäblich in die eigenen Wände geholt.

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Die Mann-Villa als Ausstellung nachgebildet

Denn im hohen Ausstellungsraum am Salvatorplatz ist die Mann-Villa von Pacific Palisades in Teilen nachgebildet. Eine der Fassaden des vom deutschstämmigen Architekten Julius Ralph Davidson in klaren Linien entworfenen Gebäudes ragt als Faksimile empor, dahinter haben die Ausstellungsgestalter von Unodue ( München) Manns Arbeitszimmer bzw. den „living room“ neu erschaffen, und schließlich tritt der Besucher auf die maßstabsgetreu nachgearbeitete Terrasse mit ihrem Blick in den Garten. Im kalifornischen Original haben Thomas und seine Frau Katia zehn Jahre, von 1942 bis 1952, gelebt, ständig umgeben von ihren sechs Kindern und deren Nachwuchs. „Seven Palms“ oder auch „San Remi“ hieß das Haus im Familienjargon.

Im hohen Ausstellungsraum am Salvatorplatz ist die Mann-Villa von Pacific Palisades in Teilen nachgebildet.

Terrasse und Arbeitszimmer bilden die beiden Teile der Ausstellung, wobei es der Innenraum ist, welcher sich im engeren Sinn mit Thomas Mann beschäftigt. Eingerichtet in bürgerlichem Stil mit gemusterten Tapeten, entwickeln die hier präsentierten Objekte, Bilder und Dokumente Manns politische Biografie. Der 1875 geborene Schriftsteller war bekanntermaßen kein von jeher überzeugter Demokrat. Anders als sein Bruder Heinrich tat er sich zunächst als Verächter des Parlamentarismus hervor und schlug in seinen 1918 vorgelegten „Betrachtungen eines Unpolitischen“ unverhohlen deutschnationale Töne an. Nach dem Ersten Weltkrieg aber setzte eine radikale Abkehr von bisherigen Positionen ein, gewann die Überzeugung von der Notwendigkeit demokratischer Strukturen an Boden – wie dieser Prozess sich vollzog, das hätte die Ausstellungskonzeption gerne noch vertiefen können.

Thomas Manns Kampf für die Demokratie über das Radio

Der sich nun klar für die Republik positionierende und in seinen politischen Ansichten auch öffentlich nicht zurückhaltende Schriftsteller wurde zunehmend zum Feindbild rechtsnationaler Kreise. Als 1933 während einer Auslandsreise eine Intrige gegen den nunmehrigen Literaturnobelpreisträger angezettelt wurde, kehrte die Familie nicht an ihren Wohnort München zurück. Stattdessen siedelten die Manns, nach Stationen in Frankreich und der Schweiz, 1938 über in die USA.

Die Nachrichten aus dem mit Krieg überzogenen Europa bestärkten Mann noch in der Überzeugung, sich politisch äußern zu müssen. 55 Radioreden an die Deutschen entstanden, einige von ihnen kann man in der Ausstellung, die auch eine illustre Reihe alter Funkempfänger zeigt, per Audioguide nachhören. Auch wenn das Land seiner Herkunft zunehmend selbst im Krieg zu leiden hatte – der Blick durch eines der nachgebauten Arbeitszimmer-Fenster zeigt sinnfällig das in Trümmern liegende München –, stand für Mann doch die Schuldfrage eindeutig fest, und das vermittelte er unverblümt auch seinen „Deutschen Hörern“. Weshalb man bei der BBC Sorge trug, die Ansprachen könnten das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erzielen: Besser wäre es gewesen, liest man in einer 1943 geführten internen Korrespondenz, wenn Mann auf „abusive terms“ (missbräuchliche Begriffe) wie „Mordgesindel“ und „gemeines Handeln“ verzichtet hätte.

Der Schriftsteller blieb in seiner demokratischen Überzeugung unerbittlich. Auch als sich nach dem Krieg das politische Klima in den USA zu drehen begann und die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära begann. Der inzwischen US-Bürger gewordene Autor geriet selbst ins Fadenkreuz: Zu den aufschlussreichsten Ausstellungs-Arrangements gehört eine Ausgabe des Life-Magazins von 1949 mit Porträtfotos prominenter angeblicher Kommunistenfreunde (darunter Thomas Mann), was fatal an eine im selben Stil aufgemachte und mit „Volksverräter“ übertitelte deutsche Zeitungsseite von 1933 erinnert. 1952, drei Jahre vor seinem Tod, verließ Thomas Mann die USA in Richtung Schweiz.

"Die Demokratie gilt es allzeit zu gewinnen und zu bewahren, auch heute"

Dieses politischen Lebenslaufs eingedenk wechselt man im Literaturhaus vom Mann’schen Arbeitszimmer auf die Terrasse und sieht sich im Garten – eindrucksvoll die hoch aufgezogenen Fotos der Palmen – einer Vielzahl von Bildschirmen gegenüber, auf denen Aspekte der demokratischen Entwicklung in den Dekaden nach Thomas Mann und bis heute gezeigt werden. Was sich zunächst wie ein aktualisierend didaktischer Fingerzeig ausnimmt – die Spanne der gezeigten Videos ist breit, reicht von der Rettung von Boat People über Black-Power-Bekundungen, Klarfelds Kiesinger-Ohrfeige und Brandts Kniefall bis zu Äußerungen von Edward Snowden und Greta Thunberg –, entpuppt sich bei intensiverer Begegnung als sinnfällig weitergesponnener Themenfaden. Die Demokratie, das zeigt dieser Brückenschlag, gilt es allzeit zu gewinnen und zu bewahren, auch heute, wo es „mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden“ ist. Sagte Thomas Mann schon 1938.

Info: Thomas-Mann-Ausstellung: „Democracy will win“. Bis 4. Oktober im Literaturhaus München, täglich 11 bis 18 Uhr.

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