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Nationalsozialismus

16.03.2020

Tiere im Nationalsozialismus: Blondi muss fürs Image sorgen

Hundefreund Hitler: „Sing wie Zara Leander“ befahl der Diktator seinem Schäferhund Blondi, der dann eine Oktave tiefer heulte.
Bild: dpa

Plus Hitler liebte Hunde, wenn sie perfekt gedrillt waren. Bei Göring spazierten Löwen durchs Büro. Welches Verhältnis die Nationalsozialisten zu Tieren gepflegt haben, beschreibt Jan Mohnhaupt in einem Buch.

Herr Mohnhaupt, die Nazis haben sich als die großen Tierschützer inszeniert. Ein Missverständnis?

Jan Mohnhaupt: Durchaus, man kann das auch nicht von der nationalsozialistischen Ideologie lösen. Dazu gehörte genauso die Naturverbundenheit, mit der man sich auf das Germanentum und eine imaginierte „Urwildnis“ bezog. Entscheidend ist aber die Frage: Welche Tiere werden geschützt? Es gab eine Einteilung in wertvoll und unwert. So, wie auch bestimmte Menschen als „nicht lebenswert“ galten.

Für das Tierschutzgesetz, das 1933 zu den ersten Gesetzen der Nazis gehörte, gab es sogar internationales Lob.

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Mohnhaupt: Dass zum Beispiel Tierversuche abgelehnt werden, klang ja erst einmal gut. Doch es gab Einschränkungen, etwa wenn so ein Versuch der Wissenschaft diente. Damit konnte man alles legitimieren – sowohl Tierversuche mit als auch ohne Betäubung – und genauso verbieten. Solche Entscheidungen hingen von der Regimetreue einer wissenschaftlichen Institution ab.

Wurde nicht auch das Schächten verboten?

Mohnhaupt: Ja, das Verbot des rituellen Schächtens betraf aber nur die Juden. Damit sollten sie in der Ausübung ihrer Kultur und Tradition eingeschränkt werden. In der Fachliteratur mag das teils umstritten sein, aber in den 40er Jahren wurden im Krieg auch muslimische Söldner eingesetzt, und denen war das Schächten wiederum explizit erlaubt. Genauso den muslimischen Kriegsgefangenen. Also ging es nicht ums Tierwohl.

Wenn man sich mit den Nationalsozialisten beschäftigt, kommt man schnell auf den Hund.

Mohnhaupt: Hunde waren ein wichtiges Mittel der Propaganda. In der Wochenschau sah man Hitler ständig in Begleitung von Schäferhündin Blondi. Das sollte ihn sympathischer und nahbar erscheinen lassen. Übrigens gab es mindestens drei Blondis, Hitler war also durchaus ein Hundefreund. Er hatte aber auch eine klare Vorstellung davon, was sich für einen Hund gehört. Hitler gefielen das Gehorchen und die bedingungslose Treue zum Herrchen. Diese Tugenden hat man damals auch gerne den Soldaten zugeschrieben.

Wobei es bei Hunden auch die einschüchternde Komponente gibt.

Mohnhaupt: Da wird der Hund dann zum Machtwerkzeug. Viele Hunde wurden eingesetzt, um die Konzentrationslager zu bewachen. Vor allem während des Krieges, als das Wachpersonal knapp wurde, da viele SS-Männer an die Front abgezogen wurden. Man hat Hunde nicht selten auch zur Folter eingesetzt, indem sie etwa auf Häftlinge gehetzt wurden.

Die Mächtigen ließen sich früher gerne mit Doggen abbilden. Warum hat Hitler gerade auf den Schäferhund gesetzt?

Mohnhaupt: Das liegt in der Zeit. Der Deutsche Schäferhund wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Rasse festgelegt und avancierte bald zu einem beliebten Gebrauchs- und auch Modehund. So wie Hitler seine Schäferhunde gehalten hat, waren sie auf jeden Fall Modehunde. Denn in Wirklichkeit hat er sich mit Blondi gar nicht so sehr beschäftigt, dafür war ein Hundeführer zuständig. Hitler hat sich mehr aufs Einüben von Kunststückchen konzentriert, und es gibt dazu sogar eine skurrile Anekdote: Wenn er zu Blondi sagte: „Sing wie Zarah Leander“, dann hat sie eine Oktave tiefer geheult.

Wie stand es um die Katzen?

Mohnhaupt: Das sind bei den Nazis die wohl ambivalentesten Tiere. Wegen ihres Eigensinns galten sie manchen als „jüdisches Tier“. Und große Katzengegner gab es natürlich ganz traditionell aus dem Bereich Vogelschutz. Katzen waren auch durch das Tierschutzgesetz nicht besonders geschützt. Wenn sie sich mehr als 200 Meter vom nächsten Gehöft oder Haus entfernt hatten, durften Jäger sie schießen. Gleichzeitig gab es auch große Katzenfreunde, die in der Hauskatze wiederum ein „Herrentier“ sahen, das sich nicht zähmen lässt und sich nicht unterordnet.

Und Katzen jagen Mäuse.

Mohnhaupt: Dadurch galten sie auch wieder als „hygienische Helfer“ bei der Volksgesundheit. Es gibt also ganz unterschiedliche Sichtweisen und dann mit Hermann Göring auch noch einen sehr extravaganten Katzenfreund. Er hielt nämlich Löwen.

In einem Zwinger, oder durften Görings Löwen auch ins Haus?

Mohnhaupt: Sie hielten sich tatsächlich im Haushalt auf, und es kam immer wieder vor, dass ein Löwe ins Büro spaziert ist und sich die Gäste fürchterlich erschreckt haben. Damit konnte Göring seine Macht demonstrieren. Es wird auch berichtet, dass ein Löwe beim Kaffeeklatsch von Emmy Göring plötzlich auf den Tisch sprang.

Wurde jemals ein Gast verletzt?

Mohnhaupt: Darüber ist zumindest nichts bekannt. Die Löwen waren jeweils ungefähr ein Jahr bei Göring, er hat sie dann quasi „rechtzeitig“ an den Berliner Zoo abgegeben. Und nach sieben Löwen war auch Schluss, als Tochter Edda anfing, herumzulaufen.

Stand der Reichsjägermeister nicht vor allem auf Hirsche?

Mohnhaupt: Wie verrückt! Göring hatte sofort Blut geleckt, nachdem ihn die Jäger erstmals eingeladen hatten. Er war völlig jagdbesessen, Schonzeiten interessierten ihn nicht, wenn ein stattlicher Zwanzigender in seinen Jagdgründen unterwegs war. Aber das ist ja bei Herrschern und Mächtigen nichts Außergewöhnliches. Staats- und Diplomatenjagden waren bis in die jüngste Vergangenheit üblich und anerkannt. Greisen Staatsoberhäuptern wurden Hirsche quasi schon mit der Leine vor die Flinte geführt, damit sie ja treffen. Bei Göring war die Jagd ein wichtiger Teil des Kults, den er um sich geschaffen hatte. Dieses Auftreten als Waidmann, das Joviale, der Hang zum Genuss und das Übergewicht haben letztlich auch dazu geführt, dass er beim Volk der wohl beliebteste Nazi war.

Darauf konnte er einen Jägermeister trinken.

Mohnhaupt: Tatsächlich kam dieser Kräuterlikör 1935 auf den Markt. Und da Hermann Göring seit 1934 das Amt des Reichsjägermeisters innehatte, wurde der Likör schon mal „Göring-Schnaps“ genannt.

Besonderen Schutz genossen auch die Pferde – zumindest bis zum Krieg.

Mohnhaupt: Die Zahlen schwanken, aber auf deutscher Seite wurden drei Millionen Pferde eingesetzt. Das hat jeden anderen Krieg übertroffen, obwohl man zuvor fast vollständig auf Pferde angewiesen war.

Dabei stellt man sich den Zweiten Weltkrieg mit dem Einsatz von Flugzeugen und Panzern immer so technisch vor.

Mohnhaupt: Es mussten Unmengen an Material nach Osten geschleppt werden, und das auf unbefestigten Straßen. Die Lastwagen und Panzer blieben stecken, man konnte auf das Pferd nicht verzichten.

Und in der größten Not wurde es geschlachtet.

Mohnhaupt: Ja, viele Feldpostbriefe aus Stalingrad zeugen davon. Manche Soldaten schreiben sogar von Ekel, von Abscheu vor sich selbst. Bis heute hat Pferdefleisch deshalb vielerorts einen schlechten Ruf.

Hat sich das Verhältnis von Mensch und Tier während des Nationalsozialismus verändert?

Mohnhaupt: Das kann man so nicht sagen. Aber am Verhältnis zu den Tieren fiel mir besonders auf, dass die Nazis kein einheitliches Weltbild hatten und sich widersprachen. Die Katze ist das beste Beispiel, jeder hat sich das so ausgelegt, wie es ihm genehm war. Auf der einen Seite gab es die großen Anhänger der Jagd, auf der anderen ihre Gegner – darunter auch Hitler – für die sie Barbarei oder ein letztes Überbleibsel des feudalen Zeitalters war.

Hitler soll Fleischbrühe als Leichentee bezeichnet haben.

Mohnhaupt: Er hat aber nicht aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichtet. Dafür gab es eher persönliche und gesundheitliche Gründen. Hitler meinte, dass ihm die vegetarische Küche besser bekommt.

Er ließ sich trotzdem gerne „Wolf“ nennen.

Mohnhaupt: Der Wolf durchzieht das ganze NS-Vokabular: die Führerhauptquartiere namens Wolfsschanze oder Wolfsschlucht. Von Goebbels stammt das Zitat: „Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.“ Damit meinte er 1928 den Einzug in den Reichstag. Bis heute verbindet man Wölfe mit dem rechten Spektrum, und das hat eindeutig mit den Nazis zu tun.

Info Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus. Hanser, 256 Seiten, 22 Euro

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