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Künstlerkarriere

21.01.2020

Tim Allhoff: traumwandelnd am Jazz-Piano

Der Jazz-Pianist Tim Allhoff
Bild: Foto: Lisa Martin/Südlichtstudio

Plus Der international beachtete Pianist aus Augsburg, wuchs mit der Musik auf. Heute lüftet er das Geheimnis, das ihn mit Udo Jürgens verbindet

In Tim Allhoffs Leben gibt es seltsame Unvereinbarkeiten. Zum Beispiel der Startschuss für seine berufliche Biografie. Da steht groß und rätselhaft ein Wort, das in seinem Metier eigentlich gar nicht vorkommen kann: Autodidakt. So etwas funktioniert vielleicht, wenn sich einer die Kunst der vier Extremitäten am Schlagzeug beibringen oder sich die 20-Klappen-Logik des Saxofons draufschaffen will. Aber eigentlich nicht am Klavier, dieser Architektur aus 88 Tasten, tausenden von ausgeklügelten arithmetischen Kombinationen aus beidhändigen Griffen!

Gut, der Junge hat den musischen Zweig des St. Stephan Gymnasiums in seiner Heimatstadt Augsburg besucht. Auch zuhause erklang immer von irgendwo her Musik – ein Flügel gehörte genauso selbstverständlich zum Mobiliar wie ein Schrank und ein Sofa. „Ich bin schon sehr früh mit Musik in Berührung gekommen. Es gibt Babyfotos, die mich am Klavier zeigen, obwohl ich kaum zu den Tasten hochlangen kann“, lacht Allhoff. Eine Schlüsselrolle nahm dabei Vater Heinz ein. Das Folgende ist bis dato nur Insidern bekannt und liest sich wie eine Enthüllung: „Ich wollte nie mit dem Namen meines Vaters in die Schlagzeilen kommen. Deswegen habe ich das bislang nicht an die große Glocke gehängt. Mir war es immer wichtig, das eine und das andere strikt zu trennen.“

„Udo kam einige Male zu uns nach Haus“

Das eine ist die eigene Karriere, die ihn nach mittlerweile zehn Jahren und sieben Alben zu einem der wichtigsten und angesehensten Jazzpianisten Deutschlands hat aufsteigen lassen, der mit Weltklasse-Kollegen wie Jeff Ballard, Nils Landgren, Johannes Enders, Dieter Ilg, Tony Lakatos und Larry Grenadier auf Augenhöhe spielt und 2011 den „Echo Jazz“ gewann. Erst vor einigen Tagen kehrte Tim Allhoff für ein gefeiertes Konzert mit seinem Trio in den Augsburger Jazzclub zurück – wo er am Freitag, 13. März, noch einmal auftritt – allein am Flügel.

Tim Allhoff: traumwandelnd am Jazz-Piano

Das andere ist die Laufbahn des Herrn Papa, der seine Familie selbst lange Zeit mithilfe des Pianos ernährte, und sein Geld an der Seite von keinem Geringeren als Udo Jürgens verdiente, bevor dieser sich dazu entschloss, selbst die Tasten zu bedienen. „Sie waren gute Freunde“, erinnert sich Tim: „Udo kam einige Mal zu uns nach Haus.“ In Hirblingen probten Allhoff senior und der 2014 verstorbene Superstar bisweilen mit dem aus Gersthofen stammenden Organisten Willy Uebelherr. „Aber das war nie meine Welt“, stellt Tim klar. Denn wie viele Berufsmusiker liebte Heinz Allhoff insgeheim den Jazz, hörte in seiner Freizeit Platten der Swing-Legenden, besuchte alle möglichen Jazzkonzerte in der näheren Umgebung und infizierte so den Sohn. „Er hat mich aber nicht dazu gezwungen. Auch nicht zum Pianospielen. Ich wollte es einfach selber!“

Auch auf dem Augsburger Gymnasium sei er nie als „Wunderkind“ aufgefallen. Vielmehr stand in der fünften und sechsten Klasse mit Bach ein weiterer Schicksalsgenosse Pate. „Wir mussten die Matthäus-Passion und das Weihnachtsoratorium nachsingen. Damals wollte ich unbedingt wissen, warum bestimmte Akkorde bei mir derart intensive Gefühle auslösen, zum Beispiel wenn Jesus am Kreuz hängt und mir diese große verminderte B9 durch Mark und Bein fährt.“

„Alles, was mit Druck zu tun hatte, fiel mir immer schon schwer“

Die Wirkung von Musik auf Menschen bleibt ein Mysterium, jeder erschließt sich das Geheimnis auf eigene Weise. Tim versuchte Lieder, aber auch populäre Songs am Klavier zu begreifen, zu ertasten, nachzuspielen; er probierte in seinem eigenen Koordinatensystem stundenlang herum. Wenn es aber darum ging, die Mondschein-Sonate zu üben, hielt er es keine Viertelstunde aus. „Alles, was mit Druck und Müssen zu tun hatte, fiel mir immer schon schwer, auch später während des Studiums, wenn es darum ging, Bebop-Lines einzustudieren. Wenn ich jedoch forschen und experimentieren konnte, einfach beobachtete, was die Finger machen, dann habe ich regelmäßig die Zeit vergessen.“

Nicht unbedingt das, was dem gängigen pädagogischen Muster entspricht. Daraus resultieren logischerweise auch technische Mängel, die einem rasch Grenzen aufzeigen, wenn es darum geht, all jene wild umherfliegenden Fantasien in reale Töne zu verwandeln. Also begann der heute 39-Jährige, sich das während seiner Ausbildung als klassischer Pianist am Strauss-Konservatorium München „reinzuprügeln“. Noch während der Studienzeit gewann er den zweiten Preis beim Gasteig-Wettbewerb; der Abschluss erfolgte 2007 mit „Magna cum laude“. Dann kam 2009 und 2010 ein Job als musikalischer Leiter am Theater Ingolstadt, später arrangierte er die Soundtracks der Filme „Das letzte Schweigen“ und „Sleepless“.

Die weitere Bio muss nicht unbedingt als Märchen verklärt werden, kann aber durchaus als Vorbild für all jene dienen, die sich gerne abseits ausgelatschter Pfade tummeln. Allhoff lebt seit 2012 in München-Thalkirchen („Das Viertel ist gemütlich wie ein Dorf, aber in sechs Minuten bin ich mit der U-Bahn am Marienplatz“). Kein Bruch mit Augsburg, das 50 Autominuten entfernt liegt, aber doch ein Schritt nach vorne. „In München passieren viel mehr Dinge, hier kann ich spielen, bin auch nahe bei meinem Trio.“ Seit 2008 bildet der Pianist mit dem Bassisten Andreas Kurz und dem Schlagzeuger Bastian Jütte eine langlebige, kongeniale, vertraute und erfolgreiche Einheit.

„Ich bin ein Mensch mit dünnem Fell“

Dass der Jazz sich Jahr für Jahr neu erfinden, seine Daseinsberechtigung unter Beweis stellen und gegen plumpe Vorurteile sowie den Zeitgeist behaupten muss – dies ficht Allhoff nicht an. „Wenn ich mich ans Klavier setze, gibt es immer noch genügend Momente, in denen ich feststelle, dass unbedingt etwas aus mir heraus will. Ich habe eigentlich ständig Ideen“, gesteht der Seiltänzer, der sich als „Mensch mit dünnem Fell“ bezeichnet. Früher waren seine Stücke noch „emotionale Verarbeitungen“, über deren Hintergründe der Komponist den Mantel des Schweigens breitete. Heute kommt die Musik meist ohne konkreten Anlass zu ihm. „Inspiration does exist, but it has to find you working“ (Inspiration existiert, aber sie sollte dich bei der Arbeit finden), Picassos berühmter Satz hängt zuhause an der Wand. „Es muss mir nicht mehr unbedingt schlecht gehen oder besonders gut, um passable Stücke zu schreiben. Ich merke eigentlich immer, wenn die Akkorde schön sind.“

Nachempfinden lässt sich dies trefflich auf seinem brandneuen Solo-Album „Sixteen Pieces Of Piano“ (Okeh), das bereits unmittelbar nach der Veröffentlichung für mächtig Wirbel sorgte und wieder ein neues Licht auf den Ausnahmepianisten wirft. Wo andere sich gerne als quietschvergnügte Rampensau an den Tasten präsentieren, traumwandelt Tim Allhoff, lässt sich vom „Kleinen Prinzen“, von Stephen King, Coldplay und der Netflix-Serie „House Of Cards“ zu Miniaturen verführen, die wie Soundtracks wirken. Kein Seelen-Striptease à la Keith Jarrett, kein Hust-Verbot in Konzerten, kein „Jazz-Jazz“, wie Allhoff seine vergangenen Projekte gerne charakterisiert. Dafür: wenig Töne, atmende Pausen, schwebende Gedanken. „Vielleicht hat das was mit Älterwerden zu tun“, lächelt er. Und mit der Gewissheit, dem persönlichen Ziel immer näher zu rücken.

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21.01.2020

Vielen lieben Dank für den schönen Artikel! Ich möchte hier jedoch öffentlich anmerken, dass die Soundtracks zu den genannten Filmen NICHT von mir komponiert wurden, sondern von meinem geschätzten Kollegen Michael Kamm. Ich war bei den Projekten als Arrangeur bzw. Orchestrator tätig, das ist ein wesentlicher Unterschied! Beste Grüße, Tim Allhoff

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