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Kritik & Trailer

03.07.2019

"Traumfabrik": Eine Liebesschnulze hinter der Berliner Mauer

Für den Besuch von Milou (Emilia Schüle) im DEFA-Studio hat sich Emil (Dennis Mojen) etwas Besonderes ausgedacht: Er will Rosenblätter von der Decke regnen lassen.
Bild: Julia Terjung, Tobis Film

In der „Traumfabrik“ in Babelsberg wurden in DDR-Zeiten viele französische Filme realisiert. Ob die Geschichte auch als Liebesschnulze funktioniert - hier gibt's die Kritik.

Es ist Sommer 1961. Babelsberg, bei Potsdam in der DDR. Aber Zeit und Raum scheinen an diesem Ort nur bedingt zu existieren. Als Emil (Dennis Mojen) nach Beendigung seines Armeedienstes durch die Tore des DEFA-Studios tritt, kommt er aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ein reges Treiben herrscht auf dem Filmgelände, wo Schauspieler und Komparsen wild durcheinander wuseln: Legionäre aus dem alten Rom, Tänzerinnen in bunten Federkostümen, Trümmerfrauen mit Ruß im Gesicht. Aus einem Studio hört man Explosionen, woanders sitzt mitten im Sommer eine Dame auf einem Schlitten im Kunstschneesturm.

Nichts ist wirklich, alles ist möglich – das sagen diese ersten Bilder in Martin Schreiers „Traumfabrik“, der eine hochromantische Liebesgeschichte vor der Kulisse der Babelsberger Filmstudios in Zeiten des Mauerbaus in Szene setzt und dabei gezielt alle Ansprüche auf Realismus über Bord wirft.

Als Komparse heuert Emil bei der DEFA an, wo sein Bruder Alex (Ken Duken) als Stukateur arbeitet. Ehe er es sich versieht, findet sich der Neuling auf dem Set eines Piratenfilms und bestaunt Milou (Emilia Schüle), die als Tanz-Double für die französische Diva Beatrice Morée ( Ellenie Salvo González) vor der Kamera steht.

Die Romanze wird mit Hindernissen dramatisch befeuert

Für eine Lichtprobe wird Emil herbei zitiert. Die gestellte Kuss-Szene mit Milou fällt dann ein wenig intensiver aus und gleich danach setzt der verwirrte Statist das halbe Set in Brand. Das Fundament ist gelegt für eine Romanze, die fortan mit Hindernissen dramatisch befeuert wird. „Peut-être“ (vielleicht) antwortet die Angebetete, als Emil sie am letzten Drehtag für den nächsten Morgen zu einem romantischen Abschieds-Date einlädt. Aber soweit kommt es nicht. Es ist die Nacht zum 13. August 1961, in der die DDR-Führung um Westberlin eine Mauer aufzieht.

Kino-Trailer von "Traumfabrik"

 

Milou, die mit ihrer Chefin im Westberliner Savoy-Hotel residiert, wird an der Glienicker Brücke von bewaffneten Soldaten an der Weiterfahrt gehindert und fliegt zurück nach Paris. Wie ausgestorben sind die Studios an diesem Tag, wo Emil vergeblich auf seine Geliebte wartet. Als echter romantischer Held weigert er sich vor den Mühlen der Weltgeschichte und des Kalten Krieges zu kapitulieren.

Er nutzt die Gunst der Stunde und erschummelt sich einen Schreibtisch als Produktionsleiter. Sein Ziel ist es mit einem eigenen Filmprojekt Beatrice und damit auch Milou erneut nach Babelsberg zu locken. Und tatsächlich kann der französische Star der Rolle der Cleopatra und den versprochenen Großaufnahmen nicht widerstehen und reist mit Milou im Gefolge nach Babelsberg.

Die kitschige Inszenierung macht vor nichts halt, sie ist aber stimmig

In die Vollen geht Martin Schreier mit seiner Historienschnulzenklamotte, von der man gewiss keine akkurate Wiedergabe geschichtlicher Ereignisse oder des Lebens in den DEFA-Studios erwarten darf. Hanebüchen ist die Story des Schwerverliebten, der sich in die staatliche Filmproduktion der DDR einschleicht, nur um seine französische Geliebte zurück zu locken. Und das soll sie auch sein.

Der zeit- und filmgeschichtliche Kontext (in den DEFA-Studios wurden vor und nach dem Mauerbau fast 250 französische Koproduktionen realisiert) dient hier einzig und allein als emotionaler Turbo für eine großformatige Liebesschnulze, die in ihrer kitschigen Inszenierungen vor nichts Halt macht. Man muss als Zuschauer schon ein gerüttelt Maß an ironischer Liebe zum Kitsch mitbringen, um die zwei Filmstunden unbeschadet zu überstehen. Aber in dieser Opulenz spiegelt sich eben auch eine große cineastische Freude.

Infos zum Film

  • Traumfabrik (2 Std. 5 Min.),
  • Melodram, Deutschland 2019
  • Regie Martin Schreier
  • Mit Emilia Schüle, Dennis Mojen, Heiner Lauterbach
  • Wertung: 4 von 5 Sternen
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