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75. Geburtstag
17.05.2021

Udo Lindenberg: Vergänglichkeit ist 'ne echte Scheißerfindung

Hut muss sein: Udo Lindenberg einmal ohne Sonnenbrille.
Foto: Tine Acke

Der Deutsch-Rocker wird 75. Hinsichtlich Coolness macht ihm aber noch immer keiner so schnell was vor. Und in Sachen Sprach-Auffrischung schon gar nicht.

Sein größtes Verdienst ist wahrscheinlich die schleichende Transformation der Sprache. Das Udo-Deutsch, das sich seit über einem halben Jahrhundert wie ein Virus im ganzen Land verbreitet, überall Spuren hinterlässt und das viel bunter, tiefgründiger, tatsächlich auch intellektueller ist als jedes WhatsApp-Gestammel. Was zum Beispiel heute keiner mehr weiß: Das einstige Pfui-Wort „geil“ erlangte durch ihn eine völlig andere, positivere Bedeutung. Wenn er glaubt, „eine Rakete gefrühstückt zu haben, weil alles so geilomatik nach oben zischt“, dann ist das eben der maximale Daumen oben.

Oder kennen Sie Bodo Ballermann, Rudi Ratlos, Jonny Controletti, Gene Galaxo, Wotan Wahnwitz, Elli Pirelly und Lady Whiskey? Das Udo-Personal. Alles erfundene Charaktere, die durch seine Songs zu leben begannen. Und dann die typischen Udo-Vokabeln, die jeder längst mit diesem nuschelnden Sonnenbrillenträger mit scheinbar angewachsenem Hut assoziiert: „Irgendwie“; „so’n bisschen“; „alles klar“; „und dann war ich wieder völlig fertig“. Ein längst untrennbar mit ihm verbundener Begriff ist das kleine Wörtchen „Panik“. Eine Udo-Vokabel, die längst ihr Eigenleben führt, wie Lindenberg-Kumpel Benjamin Stuckrad-Barre meinte, der mit Moritz von Uslar 2008 das Buch „Am Trallafitti-Tresen: Das Werk von Udo Lindenberg in seinen Texten“ schrieb. Erstmals und noch im ursprünglichen Sinn tauchte „Panik“ 1972 im Lied „Hoch im Norden“ auf. Auf der nächsten Platte, „Alles klar auf der Andrea Doria“, hieß seine Band dann schon „Panik-Orchester“. Panik stand von da an als Synonym für alles, was Udo gut findet – für subversiv, chaotisch, aufregend.

An Selbstironie fehlt es Udo Lindenberg nicht

Das Wort „Udopium“ spukt ihm schon seit Jahren im Kopf herum. „Geiles Wortspiel, ne?“, grinst Udo Lindenberg. „Deutschland nimmt wohl eine neue Droge“, erklärt er das, was gerade wieder mal um ihn herum passiert. Denn der Mann, der sich selbstironisch die „Nachtigall“ nennt, obwohl er eigentlich über das genaue Gegenteil einer Singstimme verfügt, kratzt am 17. Mai die Kurve zum munteren Seniorendasein und wird 75. „Alte Männer setzen alles auf die letzte große kleine Karte“, singt er in seinem Selbstbekenntnis „Der Greis ist heiß“. In seiner Hand befinden sich freilich noch jede Menge Trümpfe.

Udo Lindenberg ist die personifizierte Coolness. War schon immer so. In den 1970ern wollten fast alle so sein wie er: dieser federnde Gang, die vorgeschobene Unterlippe, der Trenchcoat in „Panische Zeiten“, die rudernden Handbewegungen. Jede seiner Shows, vor allem die „Dröhnland“-Tournee, 1979 inszeniert von Theater-Gott Peter Zadek, waren Hochämter für eine ganze Generation, die einen suchte, der sie aus der Spießbürgerlichkeit bundesrepublikanischer Nachkriegshaushalte befreien konnte. Udo konnte. Denn er artikulierte die kollektiven Gedanken in seinen Liedern, sang und erzählte Geschichten, besonders über das andere Deutschland. Eine dieser Udo-Storys über die Begegnung eines Westbesuchers mit dem „Mädchen aus Ost-Berlin“ berührte die Menschen dies- und jenseits der Mauer. Im Oktober 1983 durfte er dann endlich im Ost-Berliner Palast der Republik bei einem von der FDJ organisierten Konzert auftreten, nachdem Udo selbst den Druck mit dem „Sonderzug nach Pankow“ und einem direkten Bittgesuch an Erich Honecker erhöht hatte. Nicht nur deshalb gilt der Wahl-Hamburger aus Gronau als der Urvater des Deutsch-Rock.

Udo Lindenberg: Abstürze blieben nicht aus

Es folgten gnadenlose Alkohol-Abstürze, bei denen ihm viele Wegbegleiter keine allzu lange Lebenserwartung bescheinigten. Der Udo-typische Fatalismus: „Ich war ja der Exzessor, und dann musste eben mal der Arzt kommen und den Astronauten wieder auf die Bodenstation bringen. Kurz mal Quarantäne, drei Tage Krankenhaus und so. Und nach gelungener Entgiftung wurde dann weitergeflogen.“ Im Jahr 2008 dann mit „Stark wie zwei“ ein Comeback, das ihm kaum jemand mehr zugetraut hätte.

Mit 75 ist er jetzt tatsächlich so etwas wie eine Legende. Zur Feier des Tages lässt Udo die Fans mit einem aktuellen Album (Warner) zurückblicken und nach vorne schauen. Das Wort „Udopium“ passt für diese epische Werkschau aus den zurückliegenden 50 Jahren. Die besten 70 aus rund 1000 Songs, die Udo seit 1971 geschrieben hat, Erlebnisse, Träume, Balladen, Rock’n’Roll. Für ein taufrisches Album hat es nicht ganz gereicht. Dafür vier neue Songs, die zu den besten seiner Karriere gehören und jeden der jüngeren deutschsprachigen Songpoeten ziemlich alt aussehen lassen.

Udo Lindenberg auf dem Dach der Elbphilharmonie in Hamburg.
Foto: Tine Acke

„Mittendrin“ etwa. Der Begriff bedeutet für ihn, nicht nur dabei zu sein. „Ich bin ja oft mittendrin im Auge des Hurrikans. Da relaxe ich und lade Energien nach“, reflektiert Udo. „Auf der Tour oder der Studioproduktion, wenn die dollste Hektik ausbricht, ist mittendrin die absolute Ruhe. Ohne diese Coolness im Auge des Hurrikans könnte man den Tumult‚ 50 Jahre Rockstar-Karriere, kaum überleben. Und dann jump ich da wieder rein in diese ganze Show-Action und mach den Dr. Schleuderfix.“

Der Titel „Land in Sicht“ soll die erschöpfte Besatzung der Andrea Doria 2021 im zweiten Corona-Jahr ermutigen. Lindenberg: „So viele Freunde und Kollegen von mir sind gerade derbe am Schleudern, totale Achterbahn. Zuversicht und Mutlosigkeit. Aber ich hab’ gedacht: Selbst die dunkelste Stunde hat ja nur sechzig Minuten. Ich dachte: Zusammen kriegen wir das hin, wenn wir uns nicht hängen lassen. Knall dir ‘ne neue Ladung Hoffnung in den Tank, frische Energy, und schon segelst du durch den Nebel der Sorgen. Nach den ganzen Monaten sehe ich die erste Möwe der Hoffnung aufsteigen, es kann nicht mehr weit sein. Endlich wieder Land in Sicht.“

"Absacken is' da nicht", sagt Udo Lindenberg

Und wer sollte besser wissen als er, dass selbst in der dunkelsten Stunde von irgendwo her ein Licht kommen kann? Wie Wiederauferstehung funktioniert, darüber singt Udo in „Kompass“: „Wenn ich mal durchdreh, nich’ weiß wohin’s geht. Mein Herz ist mein Kompass und zeigt mir den Weg.“ Am meisten bewegt jedoch „Wieder genauso“, eine ergreifende Ballade, in der er mit dem Tod einen Deal aushandelt. „Ich kenne den Tod schon lange“, erzählt Lindenberg. „Wer ihn gut kennt, lebt intensiver. Vergänglichkeit ist zwar ’ne echte Scheißerfindung, aber lässt uns auch konsequenter zur Sache kommen, solange wir noch hier rumzaubern“.

Eigentlich fühlt sich Udo Lindenberg aber eh längst zeitlos, irgendwo zwischen Dorian Gray und Benjamin Button. Das Wichtigste: „Niemals hängen bleiben bei den abgefuckten, abgestorbenen Kukidentos. Die sogenannten Erwachsenen, die sich das Kindliche und Jugendliche rausamputieren haben lassen. Bei denen ist nix mehr mit schön verrückt und leicht crazy und ’n bisschen verspielt und immer ready für die abgedrehten Abenteuer.“ Bei ihm schon. Denn ohne Udopie kein Morgen. „Rock’n’Roll ist das Feuer unterm Arsch und im Herzen. Wenn wir ihn spielen, brennt die ewige Flamme. Absacken is’ da nicht.“

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