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China

20.11.2019

Unauffindbare Kunst: Werke im Wert von 300 Millionen verschwunden

Auch viele Werke des deutschen Malers und Bildhauers Markus Lüpertz, hier zu sehen 2019 im Ottobeurer Museum für zeitgenössische Kunst, sind auf dubiose Weise in China verschwunden. 
Bild: Matthias Becker (Archiv)

Werke deutscher Künstler im Wert von 300 Millionen Euro sind seit Monaten in China verschollen. Es gab Leih-Vereinbarungen ohne Vertrag.

Scheinbar gelangweilt sitzt der exzentrische Malerfürst Markus Lüpertz im maßgeschneiderten Anzug vor Journalisten im Konferenzsaal eines Pekinger Hotels – inklusive vergoldetem Spazierstock und Monokel. Ungeachtet der Gespräche um ihn herum kritzelt er, dieser renommierte Künstler Deutschlands, Engel-Skizzen auf einen Notizblock.

Niemand würde auf die Idee kommen, dass der Mann einer der Protagonisten ist in einem der größten Kunstskandale der vergangenen Jahre: 152 Werke des 78-jährigen Neoexpressionisten sind seit Monaten spurlos verschwunden – genau so wie 90 Arbeiten des weitaus teureren Anselm Kiefer und 103 Exponate der Fotografin Renate Graf. Kunst im Wert von rund 300 Millionen Euro – wie in Luft aufgelöst. Der Fall liest sich wie ein Kriminalplot voller dubioser Figuren, und er spielt in China.

Markus Lüpertz über verschwundene Werke: „Ich bin beunruhigt“

„Die Kunstwerke werden als Geiselnahme hier gehalten“ erklärt plötzlich Lüpertz, nun aufgebracht: „Ich bin beunruhigt, weil ich nicht weiß, wo die Arbeiten sind und wo sie gelagert werden“. Es handele sich um Exponate aus seinem Frühwerk, teils über 40 Jahre alt. Diese seien wasserempfindlich und müssten trocken gelagert werden. „Wenn dies nicht der Fall ist, dann wäre das für meine Arbeiten unter Umständen katastrophal“, sagt Lüpertz.

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Doch von vorn: Möglicherweise wurden den Künstlern Markus Lüpertz und Anselm Kiefer der eigene Erfolg in China zum Verhängnis. Vor rund drei Jahren hatten beide überaus populäre Ausstellungen in den staatlichen Museen der großen Metropolen des Landes. Die Werke gehörten alle zum Eigentum der in Taiwan geborenen, seit ihrem zehnten Jahr in Bremen lebenden Kunstliebhaberin Maria Chen-Tu.

Ihre Person sowie ihr Werdegang aber sind ein einziges Fragezeichen. Zwar soll Maria Chen-Tu eine der größten Kunstsammlungen der Gegenwart besitzen, gleichzeitig jedoch ist sie in der Kunstszene wenig bekannt. Wer sie googelt, wird lediglich auf einen LinkedIn-Account verwiesen. Dass sich Chen-Tu jetzt an die Öffentlichkeit wendet, hat wohl mit ihrer verzweifelten Lage zu tun.

Die Tragödie begann, als sich ein Chinese namens Ma Yue, der die mittlerweile liquidierte Galerie Bell Art in Hamburg geführt hatte, an Chen-Tu wandte. Er stellte in Aussicht, ihre Sammlung von Lüpertz und Kiefer an weiteren bedeutenden Orten in China zu zeigen. Bei Ma handelt es sich um einen schillernden Geschäftsmann, der von Rohstoffhandel über Fußmassage-Salons in Deutschland zu Geld kommen wollte. Vor Jahren kam er dann auf die Idee mit der Kunst, schließlich gibt es im Reich der Mitte auf dem noch jungen Kunstmarkt eine extrem wohlhabende Käuferschicht.

Beim Zoll in China sollen die Eigentümer-Verhältnisse umgeschrieben worden sein

Weiter im Plot: Ma Yue also stellt Maria Chen-Tu in Aussicht, ihre Sammlung an weiteren bedeutenden Orten in China zu präsentieren. Die Kunstliebhaberin willigt unter mehreren Bedingungen ein: Wie in der Branche üblich, hatten sowohl der Kurator als auch der Ausstellungsleiter bei Auf- und Abbau der Kunstwerke anwesend zu sein. Zudem sollten alle halbe Jahre die Exponate ins Ausland verfrachtet werden, damit keine Zollgebühren fällig werden.

Ma jedoch schlug nach einiger Zeit vor, selbst für ein kostengünstigeres Lager zu sorgen. Seinen angenommenen Vorschlag – so lautet der Vorwurf – nutzte er aus: Bei einer Einlagerung der Sammlung änderte er beim Zoll die Papiere und gab die Ladung von nun an als seinen eigenen Besitz aus. Im Frühjahr 2019 aber forderte Chen-Tu ihre Werke nach Deutschland zurück, da mit ihnen eine Ausstellung im Haus der Kunst in München geplant war. „Er kam meiner Bitte jedoch nicht nach, sondern hat meine Fristsetzungen immer wieder ignoriert“, sagt Chen-Tu heute im Pekinger Konferenzsaal.

Das vielleicht absurdeste Detail in diesem spektakulären Fall: Maria Chen-Tu hat mit Ma Yue zu keiner Zeit schriftliche Verträge abgeschlossen. Alles, was sie vorweisen kann, sind Chat-Protokolle der chinesischen Smartphone-App Wechat.

Der Kriminalpolizei in China sind angeblich die Hände gebunden

Und so sind die Vorgänge auch eine Parabel auf den chinesischen Rechtsstaat: In Europa würden die Behörden in einer vergleichbaren Situation zunächst dafür sorgen, die Kunstwerke zu konfiszieren und deren Zustand zu prüfen. Nicht so in China: Kriminalbeamten erklärten Maria Chen-Tu nach einer im Juli 2019 gestellten Strafanzeige, dass ihnen die Hände gebunden seien. Solange die Kunstwerke nicht verkauft seien, liege keine Straftat vor.

Dabei soll Ma Yue bereits auf mehreren Wegen versucht haben, die Kunstsammlung zu Geld zu machen – unter anderem in Taiwan. Bislang jedoch wohl vergebens. Gleichwohl: Von ihm, genau wie von den Werken der deutschen Künstler, fehlt jede Spur.

Markus Lüpertz geht es nicht ums Geld, schließlich gehören ihm die betroffenen Werke nicht. Doch er sieht Teile seines Lebenswerks in Gefahr: „Ich habe mich bislang in China sehr gut aufgehoben gefühlt, aber das ist Kindermist. Dass er die Kunstwerke einfach versteckt hält und damit schon so lange durchkommt, ohne in die Pflicht genommen zu werden, finde ich beunruhigend.“

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