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Theologie

24.07.2019

Und die Kirche ist doch veränderbar

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Braucht die katholische Kirche Reformen? Die Meinungen darüber gehen auseinander.
Bild: Arne Dedert, dpa

Bei den Katholiken werden die Rufe nach Reform immer dringender. Oft werden sie abgeschmettert. Besteht gar keine Hoffnung? Zwei Bücher machen Mut.

Reform klingt gut. Reform und katholische Kirche klingen noch besser. Aber auch riskanter. Denn der seit 2000 Jahren bestehenden Institution scheint gänzlich der Mut und die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, sich selbst zu erneuern nach den Erfordernissen einer sich stark wandelnden Lebenswelt. Verrat an der tradierten Wahrheit wittern die Bewahrer; Verwässerung von wirksamen Initiativen befürchten die Progressiven, wenn der Prozess offiziell aufgesetzt wird.

Handelt es sich bei der Kirchenreform mithin um ein aussichtsloses Unterfangen? Der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald, 32, hat unter dem Titel „Reform – Dieselbe Kirche anders denken“ eine kluge Studie verfasst, dass Veränderungen möglich sind, bevor sich die katholische Kirche endgültig von der Gegenwart abkoppelt und zum Freilichtmuseum wird. Denn: Verändert und korrigiert habe sie sich laufend – und sei es stillschweigend.

Gingen alle Menschen wirklich aus einer Rippe hervor?

Welcher Theologe würde noch darauf bestehen, dass aus dem einen, von Gott aus Lehm gebildeten Adam und der aus seiner Rippe gebildeten Eva alle Menschen hervorgegangen sind? Aber erst Papst Pius XII. begann 1950 vorsichtig, die Lehre vom Monogenismus umzuschreiben. Aus der einst scharfen päpstlichen Verdammung („pestartiger Irrtum“) der Menschenrechte, insbesondere der Religions- und Gewissensfreiheit, ist sogar das Gegenteil geworden. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) lehrt die katholische Kirche, dass der christliche Glaube geradezu diese Rechte verlange und dass die Förderung der „unverletzlichen Menschenrechte“ wesenhaft zu den Pflichten einer jeden staatlichen Gewalt zähle. „Über die Opfer, die unter dem Mangel an Gewissensfreiheit und der theologischen Deutung des Staates als säkularem Vollstreckungsarm der Kirche zu leiden hatten bis zur Tötung von Ketzern, sagt das Dekret Dignitatis humanae kein Wort“, bilanziert Seewald.

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Rom hoffe bei derlei Korrekturen offenbar auf die Fähigkeit der Katholiken, zu vergessen, was das Lehramt ihnen einmal an falschen Dingen verbindlich vorgelegt hat. Scharf geißelt der Dogmatiker „die Illusion eigener Irrtumslosigkeit“, zumal die Päpste seit dem 19. Jahrhundert darauf aus waren, ihr Lehramt immer absoluter zu definieren. In Reaktion auf das in der Aufklärung aufgekommene individuelle Selbstbewusstsein der Menschen beanspruchten die Päpste zugleich das höchste Richteramt. Sie forderten strikten Gehorsam und bevollmächtigten sich zu Strafmaßnahmen gegen Abweichler. Alles neue Ideen, die erstmals 1853 der deutsche Theologe Joseph Kleutgens artikulierte. Michael Seewald meint dazu, die Kirche habe sich damit im Geist der Zeit selbst modernisiert …

Ist das legitim? Pius XII. dekretierte 1947: „Alle wissen, dass die Kirche, was sie festgelegt hat, auch verändern und abschaffen kann.“ Wenn das stimmt, dann, so folgert Seewald, kann (und muss) das Zeitbedingte der katholischen Lehre auch heute überprüft werden. Als Kronzeugen bemüht er den englischen Kardinal John Henry Newman (1801–1890): In einer höheren Welt möge es anders sein, „aber hier unten heißt Leben sich wandeln, und vollkommen zu sein, sich oft gewandelt zu haben“.

Michael Seewald, Professor für Dogmatik an der Universität Münster.
Bild: Konstantin Fischer/Seewald/dpa

Als hätte er schon die Warnung des strengen deutschen Glaubenswächters Kardinal Gerhard Ludwig Müller vor einer „Selbstsäkularisierung nach dem Modell des liberalen Protestantismus“ gehört, betont Seewald, der Einsatz für Reformen sei mitnichten ein Akt des Verfalls und der Veräußerlichung, „sondern deutet auf eine gesteigerte Sensibilität für Missstände hin“. Der Kredit einer bestimmten Art, Kirche zu sein, sei erschöpft. Denn die neueren Päpste haben überreizt und sich, um Stärke zu zeigen, in eine Sprache des Endgültigen verrannt. Dies erzeugt den Eindruck, nahezu alles in der Papstkirche sei unveränderlich.

Einen der Brennpunkte aktueller Reformforderungen beleuchtet der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf mit seinen 16 Thesen zum Zölibat. Im Rückgriff auf kirchliche Traditionen zeigt er theologisch präzise auf, dass Ehe und Weihe einander nicht ausschließen. In den Ostkirchen – auch denen in Union mit Rom – ist die Priesterehe bis heute erlaubt, sogar in katholischen Kirchen dürfen verheiratete Priester die Messe zelebrieren. Ein Graus für Traditionalisten, die auf reine Priesterhände bestehen. Wofür ebenso wenig ein Beleg in der Heiligen Schrift zu finden ist wie für die Pflicht zur Ehelosigkeit. Im Gegenteil: Der Apostel Petrus war verheiratet und nach ihm viele Generationen von Bischöfen.

Heute sind die Priesterseminare leer

Papst Paul VI. waren diese Umstände bewusst, weshalb er in einer Enzyklika 1967 ins Spirituelle auswich. Seine Nachfolger bis Benedikt XVI. folgten ihm, letzterer berief sich fürs Jahr der Priester 2009 sogar auf den Pfarrer von Ars (1786–1859) und dessen Diktum: „Nach Gott ist der Priester alles!“ Solche Höhenflüge konnten freilich nicht verhindern, dass die Priesterseminare heute leer sind. Es gebe „schlicht keinen katholischen Verstehensraum mehr“, findet Hubert Wolf.

Und hatte die Kirche nicht schon andere Modelle? In den iroschottischen Klöstern sprachen Äbte und Äbtissinnen auch ohne eine Priesterweihe von Sünden los, weil ihre Vollmacht aus ihrer intensiven Christusnachfolge abgeleitet wurde. Noch bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) machten Bischöfe großzügig davon Gebrauch, verheiratete Priester gegen eine Geldbuße vom Zölibat zu dispensieren – weil sie im Volk so geschätzt waren.

  • Michael Seewald: Reform. Dieselbe Kirche anders denken. Herder, 174 S., 20 €
  • Hubert Wolf: Zölibat. 16 Thesen. C.H.Beck, 190 S., 14,95 €
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