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Bregenz

09.06.2020

„Unvergessliche Zeit“: Diese Ausstellung zeigt die Kunst zur Corona-Krise

Ein schaurige Geschichte über Krieg und Tod erzählt Marianna Simnett in „Tito’s Dog“ und thematisiert dabei die Frage von Identität.
Bild: Filmstill Marianna Simnett

Plus Zeitgenössischer geht’s fast nimmer: Das Kunsthaus Bregenz zeigt Kunst zur Pandemie - hochkarätige Künstler mit mal düsteren, mal heiteren Arbeiten.

Schneller geht’s kaum. Am 14. März zwang die anschwellende Corona-Pandemie das Kunsthaus Bregenz zur Schließung. Nun öffnet es wieder, und zwar nicht mit x-beliebiger Kunst, sondern mit einer großen, gewichtigen Reflexion der weltweiten Virus-Krise. Folgerichtig hat Direktor Thomas D. Trummer die Schau „Unvergessliche Zeit“ genannt. Einige der Gemälde, Zeichnungen und Videos, die sechs internationale Künstlerinnen und Künstler sowie ein Künstlerkollektiv beisteuern, sind erst wenige Tage alt und spiegeln die Verwerfungen einer Zeit, die sich in unsere Gedanken und Gefühle einbrennt – und tatsächlich unvergesslich wird. Damit erweist sich das Kunsthaus nicht zum ersten Mal als Seismograf der Zeitläufte.

Trummer hat dafür das Jahresprogramm gekippt und die Ausstellung in Höchstgeschwindigkeit organisiert. Ein Vorlauf von nur wenigen Wochen – das ist im Kunstbetrieb eigentlich unmöglich. Aber der Direktor wollte nun mal Werke präsentieren, die entweder während der Krise entstanden sind oder sich als deren Vorahnung lesen lassen. Zeitgenössischer als das, was nun in Bregenz zu sehen ist, kann Kunst nicht sein. Kein Wunder, dass Trummer stolz verkündet: „Wir zeigen in dieser außergewöhnlichen Situation eine Ausstellung, die diese besondere Gegenwart abbildet.“

Die Corona-Ausstellung glänzt mit Hochkarätern

Dazu hat er Hochkaräter der internationalen Szene gewonnen. Markus Schinwald etwa, der 2011 Österreich bei der Biennale in Venedig vertreten durfte. Oder die Französin Annette Messager, die 2005 den Goldenen Löwen in Venedig gewann. Oder den aus dem Libanon stammenden Rabih Mroué, der schon im MoMa in New York und in der Londoner Tate Modern ausstellte.

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Wenn Kunst die aktuelle Politik und Gesellschaft kommentiert, wirkt dies mitunter bemüht. Doch diese Schau im Kunsthaus Bregenz ist alles andere als plakativ oder platt. Sie wird dem Ernst der Lage gerecht, weil sie sich mit Tiefgang und vielen Facetten jenem nähert, was kaum zu fassen ist: dem Verlust von Sicherheit und Freiheit, der fragwürdig gewordenen Verortung des Einzelnen in der Gesellschaft, den existenziellen Ängsten und Nöten der Menschen. Selbstverständlich ist „Unvergessliche Zeit“ düster und dunkel. Aber nicht nur. Etliche Arbeiten kommen vergnüglich oder zumindest ironisch rüber. Und so gut wie alle spielen mit mehreren Dimensionen des Menschlichen – eine Grundvoraussetzung von großer, berührender Kunst.

Ausstellung zeigt Kunstwerke aus der Quarantäne

Die Spannung zwischen Heiterem und Traurigem empfängt die Besucher schon im Erdgeschoss. In der Eingangshalle sind die durchweg humorvollen einminütigen Filme des Südafrikaners William Kentridge zu sehen, die während der Zeit der Quarantäne entstanden sind. Er begegnet sich darin auch mal selbst – sehr zur Überraschung beider Kentridges. An der Wand gegenüber hat Annette Messager in einem raumhohen Venus-Delta 52 Aquarelle platziert, die sie ebenfalls in der Corona-Krise schuf. Doch keine Spur von Lust. Hier herrscht das Leid. Auf den Bildern ist immer nur Messagers (Toten-)Schädel mit geisterhaften Augen zu sehen. Eine makabre Reaktion auf eine Kopf-Operation im vergangenen Jahr und eine intime, sensible Selbstbespiegelung.

Selbstbefragungen in unsicherer Zeit nehmen auch die anderen Kunsthaus-Gäste vor. Die Engländerin Helen Cammock etwa, die im vergangenen Jahr den renommierten Turner Prize erhielt, widmet sich in einem längeren Video der Entschleunigung und der Trägheit (englisch: idleness). Das ist ja einer der Haupteffekte der Covid-19- Pandemie: die Vollbremsung des Hamsterrads, in dem wir leben und arbeiten. Die einstige Sozialarbeiterin Cammock macht sich, zu ruhigen Bildern aus dem Alltag, Gedanken über Arbeit, Muße oder Gerechtigkeit.

Eine Chronik der Höhen und Tiefen in der Corona-Krise

Die aus Polen stammende und in Paris lebende Ania Soliman entwickelt seit dem Ausbruch von Corona Instagram-Posts. Ihre schnell hingeworfenen Zeichnungen werden so zum Online-Tagebuch. Eine Chronik der Höhen und Tiefen angesichts der erzwungenen Einschränkungen.

Markus Schinwald: Grita - 2010 Courtesy of the artist and Gió Marconi in der Kunsthalle Bregenz.
Bild: Markus Schinwald

Ganz oben im Kunsthaus wird es dann nochmals so richtig düster. Schwarz dominiert in den kleinen und großen Gemälden von Markus Schinwald, der in Wien und in den USA lebt. Hier trifft man mit dem – beim Gehen und Stehen im Kunsthaus vorgeschriebenen – Mund-Nasen-Schutz im eigenen Gesicht auf Menschen, die ebenfalls Masken tragen. Oder gleich ganz verhüllt sind. Entstanden sind die Porträts freilich schon in den 1990er Jahren. Was damals als surreale Spielerei erschien, ist nun Wirklichkeit geworden.

Gemälde, in denen der Mensch eine Randerscheinung ist

Das mutet ziemlich kurios an. Erheblich beeindruckender sind freilich die zwei mal zwei Meter großen Gemälde, in denen Schinwald den Menschen nur als Randerscheinung vorkommen lässt. Eine unbedeutende Existenz neben mächtigen Felsen, in weiter Landschaft, eingehüllt von Rauchschwaden, die alle Sicht nehmen. Schöne Sinnbilder für die Ohnmacht, die derzeit viele fühlen.

Wollen Menschen solche Kunst überhaupt sehen? Oder hätten sie lieber leichte Kost, unbeschwerte Unterhaltung, um sich ablenken zu können von all den Kümmernissen? Kunsthaus-Chef Trummer ist sich sicher, dass seine Ausstellung den Menschen hilft zu verstehen, was gerade passiert. Da hat er recht. Allerdings müssen Besucher Zeit mitbringen fürs Ansehen der Videos.

Die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz läuft bis 30. August und ist geöffnet von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr.

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