Newsticker

Corona-Neuinfektionen in Deutschland auf höchstem Stand seit April
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. "Unwirtschaftlich und praxisuntauglich": Bald sind mehr Musiker als Zuhörer im Saal

Kultur in Corona-Zeiten

04.06.2020

"Unwirtschaftlich und praxisuntauglich": Bald sind mehr Musiker als Zuhörer im Saal

Maria Bengtsson (rechts), Cecelia Hall (Mitte) und Sarah Tysman in der Oper Frankfurt.
Bild: Barbara Aumüller

Plus Wenn ab 15. Juni wieder Theater gespielt wird und Konzerte gegeben werden, dürften bizarre Situationen entstehen. Kulturschaffende haben nun einen Brandbrief verfasst.

Wenn in der zweiten Juni-Hälfte auch in Bayern wieder Theater- und Konzertaufführungen erlaubt sein werden, könnte es zu Szenen kommen, die als bizarr zu bezeichnen kaum schwerfällt. So sollen am 15., 16., 17. und 21. Juni die Augsburger Philharmoniker ein Beethoven-Mendelssohn-Konzert geben, in dessen Genuss – Stand 4. Juni 2020 – nicht mehr als insgesamt 200 Hörer kommen können. Das sind pro Konzert 50 Köpfe mit insgesamt 100 Ohren, die sich dann in der deutlich mehr als 1000 Personen fassenden Kongress am Park weiträumig distanziert verlieren.

Mehr als 50 Besucher nämlich sind nach den – ab 15. Juni für Kulturveranstaltungen gelockerten – Corona-Sicherheitsbestimmungen vorerst nicht erlaubt in geschlossenen Räumen. Atmosphäre, Gemeinschaftssinn und Erhebung, gar Pathos und Hymne, werden sich da schwerlich einstellen – und der Applaus am Ende wird umstandsgemäß arg schütter ausfallen, so man nicht tricksen will per Bandeinspielung. Ja, mitunter dürften mehr Orchestermusiker spielen, als Gäste im Saal horchen. Betrachten wir es überspitzt und satirisch, dann können sich die 50 Hörer in Augsburg nahezu wie weiland Ludwig II. fühlen, der am liebsten Richard Wagner in nur für ihn angesetzten Privataufführungen verfolgte.

100 Konzerthörer sind unter freiem Himmel erlaubt

Bei Aufführungen unter freiem Himmel wiederum sind nicht mehr als 100 Konzerthörer erlaubt, woran sich beispielsweise der Kulturkreis Mertingen nahe Donauwörth hält, wenn er am 20. Juni das Opernstudio München – mehr oder weniger exklusiv, aufwendig und kostspielig – zu Gast hat. Der Sänger-Abend ist ausgebucht, die Hoffnung geht in Richtung Picknick-Stimmung bei nobler Diskretion. Das Auditorium jedenfalls wird sich nicht menschenverbrüdernd umarmen können.

 

Ob Augsburg, ob Mertingen, ob Mozartfest in Würzburg, wo Konzerte Ende Juni ebenfalls vor quasi handverlesenem Publikum angesetzt sind: Das sind vor allem Zeichen. Zeichen, dass irgendwie – mehr mäßig als recht – in einer Kulturnation wieder mit Kultur begonnen werden sollte und muss, nachdem sie in den vergangenen zweieinhalb Monaten – zunächst durchaus verständlich – unter „ferner liefen“ subsumiert war. Mit dem einstimmenden Kammerton a wird etwas mitklingen wie: Wir spielen trotz enormer Umstände.

Kulturveranstalter senden Brandbrief an das Bayerische Kabinett

Dazu zählt natürlich auch, dass bei diesen Zeichen die Kosten und der Ertrag in finanzieller Hinsicht in keinem Verhältnis stehen werden. Nicht zuletzt deswegen hat das deutsche „Forum Musik Festivals“ einen Brandbrief an das Bayerische Kabinett verfasst, in dem auch im Namen bayerischer Festivals (Mozartfest Würzburg, Musiksommer Bad Kissingen, Orff-Festspiele Andechs) etliche Nachbesserungen bei den ab 15. Juni in Bayern geltenden Hygienevorschriften angemahnt werden.

Die Handlungsrichtlinien seien in mehreren Punkten nicht schlüssig; stattdessen brauche es Regeln, die „nachvollziehbar, praktikabel sowie gerecht sind“ und sich an den Maßnahmen anderer, vergleichbarer Bereiche des öffentlichen Lebens orientieren sollten – wie Gastronomie, Tourismus, Handel, Nahverkehr, Sport.

 

50 Personen im Innenbereich seien praxisuntauglich

An erster Stelle eines sechs Punkte umfassenden Forderungskatalogs steht die Kritik an der pauschalen 50/100-Personenregelung – ohne jegliche Berücksichtigung der Größe von Gebäuderäumen beziehungsweise des Umfangs von Flächen unter freiem Himmel: „50 Personen im Innenbereich und 100 Personen im Außenbereich sind unwirtschaftlich, praxisuntauglich und verschlimmern die ohnehin prekäre finanzielle Situation der Veranstalter“, heißt es in dem offenen Brief.

Des Weiteren solle freistaatlicherseits keine durchgehende Maskenpflicht angeordnet sein – nachdem die Besucher ihren Sitzplatz erreicht haben – und eine Personalisierung der Tickets auf Hausstände statt auf Einzelpersonen vorgenommen werden. Der Brief des Forums an das Ministerkabinett in München schließt mit Appellen zur finanziellen Sicherung der bayerischen Musikfestivals und in versöhnlichem Tonfall: „Lassen Sie uns jetzt gemeinsam schnell und unbürokratisch Lösungen für die Zukunft finden! Sprechen Sie uns gerne an!“

Inwieweit sich Söder, Sibler und Co. dem Appell öffnen werden, bleibt abzuwarten. Am Donnerstag noch galt die ministerielle Marschrichtung, dass erst aufgrund von Erfahrungen nach dem 15. Juni weitere Lockerungen in Betracht gezogen werden können. Aber es gibt durchaus Signale, dass über die bald in Kraft tretenden Vorschriften noch einmal nachgedacht wird. Bleibt freilich die Frage, ob selbst bei Verdreifachung erlaubter Hörer klassische Konzerte wirtschaftlich werden.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren