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Kunst in Paris
18.09.2021

Verhüllter Triumphbogen: Die Verpackung ist das Geschenk

Von diesem Samstag an zeigt sich der Pariser Triumphbogen vom Team des verstorbenen Künstler-Paars verhüllt. Ein erfrischend neuer Anblick auf ein altbekanntes Wahrzeichen.

Genau so muss sich Christo das finale Werk vorgestellt haben, als er 1961 aus seiner kleinen Pariser Dachwohnung auf den Triumphbogen blickte, dieses altehrwürdige und so unveränderlich erscheinende Wahrzeichen Frankreichs. Er malte sich das monumentale Gebäude vollständig verhüllt in weißem Stoff aus, um ihm den Anschein von Leichtigkeit und Luftigkeit zu verleihen. Es solle sein „wie ein lebendiges Objekt, das im Wind tanzt und das Licht widerspiegelt“, so wollte es der Künstler. „Die Falten werden sich bewegen, die Oberfläche des Monuments sinnlich werden. Die Leute werden Lust bekommen, den Triumphbogen zu berühren.“

60 Jahre nachdem Christo diese Idee entwickelte, ist seine Vision Realität geworden. Von diesem Samstag an bis zum 3. Oktober zeigt sich der Triumphbogen in insgesamt 25000 Quadratmeter blau-silbrig schimmerndes recycelbares Polypropylen-Gewebe gehüllt. 3000 Meter rote Kordeln halten den Stoff. Christo selbst, der im Mai 2020 im Alter von 84 Jahren gestorben ist, hat das Projekt seit 2017 geplant und in Absprache mit dem Rathaus, dem Zentrum für nationale Monumente und dem Kulturministerium vorbereitet, sodass sein Team es nach seinen Vorstellungen zur Vollendung bringen konnte.

Wie der Stoff das Wahrzeichen von Paris verändert

Und die Beschreibung, die er lange vor der Umsetzung davon machte, erscheint im Nachhinein erstaunlich zutreffend. Es macht Lust, das Gebäude und den Stoff, der es umhüllt, zu berühren, zu fühlen, zu fassen zu bekommen. Und es macht Freude, den 50 Meter hohen Triumphbogen von Weitem zu sehen, wie er mit einem so veränderten Antlitz über der Prachtstraße Champs-Élysée trohnt. Wenn Christo den Blick auf vermeintlich Altbekanntes verändern, erneuern wollte, dann ist ihm das gelungen.

Sein Neffe Vladimir Yavachev war es, der das Projekt als dessen Direktor seit einem guten Jahr geleitet und die Arbeiten beaufsichtigt hat. Auf eine Weise handele es sich um eine Hommage an Christo und dessen 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude, die „immer das, was wir für möglich hielten, übertroffen haben“, so Yavachev. Beiden sei es sehr wichtig gewesen, dass ihre Kunst gratis und für alle zugänglich sei.

Christo und Jeanne-Claude hatten sich 1958 kennengelernt, kurz nachdem der gebürtige Bulgare aus seiner damals kommunistischen Heimat geflohen und nach Frankreich gekommen war. Hier lebten sie, bevor sie 1964 nach New York zogen. Von dort aus planten sie zahlreiche spektakuläre Projekte, darunter die Verhüllung des Reichstags in Berlin 1995.

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„In Paris wurde Christo zu Christo, denn dort nahm er, der mit vollem Namen Christo Vladimirov Javacheff hieß, seinen Künstlernamen an“, sagt sein Neffe. In der französischen Hauptstadt zeigten Jeanne-Claude und er auch ihre erste Außen-Installation, nämlich 1962 die „Mauer aus Ölfässern – Eiserner Vorhang“ als Antwort auf den Bau der Berliner Mauer. Damals versperrten sie mit 441 übereinandergestapelten Ölfässern die Pariser Rue Visconti. Eine vorherige Genehmigung für das Projekt hatten sie nicht, sagt Yavachev schmunzelnd. „Aber das war das einzige Mal!“ Tatsächlich habe der langwierigste Teil der Arbeit stets darin bestanden, die Politiker zu überzeugen und Genehmigungen zu erhalten. Jahrelang kämpften sie für die Umsetzung ihres bis dahin größten Pariser Projektes, die Verhüllung des Pont Neuf, der ältesten Brücke der Stadt. Es blieb umstritten, empörte viele Pariser, das Bauwerk in flatterndes Stoffgewebe gehüllt zu sehen. Was das solle, fragten sie.

Die Taktik von Christo ging auf

Diesmal lief es anders. Hatte Christo schon seit 1961 die Idee im Kopf, den Triumphbogen in seiner damaligen Nachbarschaft zu verhüllen und fertigte er 1962/1963 bereits Fotomontagen an, so stellte er die offizielle Anfrage erst 2017. Die Umsetzung verzögerte sich durch die Rücksicht auf die Turmfalken, die im Frühjahr im Triumphbogen nisten, sowie die Coronavirus-Pandemie.

Dann aber ging sie rekordverdächtig schnell. „Wir befinden uns heute in einer anderen Zeit“, begründete das die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Sie selbst sei ein großer Fan von Christo und Jeanne-Claude: „Sie berühren uns, rütteln uns auf, man kann sie lieben oder hassen, sie regen Debatten an und das ist doch, was uns lebendig sein lässt.“

Rund 14 Millionen Euro kostet das Gesamtprojekt, das ohne öffentliche oder private Gelder auskommt, sondern sich allein aus dem Verkauf von Skizzen, Fotomontagen und Miniaturversionen finanziert. Mehr als 1000 Menschen haben mitgearbeitet; um jede Tages- und Nachtzeit stehen junge Leute bereit, um Passanten das Werk zu erklären und kleine Vierecke aus dem verwendeten Polypropylen-Stoff zu verteilen. Das Grab des unbekannten Soldaten, der stellvertretend für alle an der Front Gefallenen steht, bleibt geschützt und die dort brennende Flamme wird weiterhin täglich neu entfacht.

An den drei Wochenenden während der Installation soll der Bereich unterhalb des Triumphbogens und damit der Verkehrskreisel um das Monument für den Autoverkehr gesperrt bleiben, zur Sicherheit der Besucher. Somit ermöglicht das Werk nebenbei noch einen anderen, ungewohnten Blick: Den auf den Triumphbogen ohne den befahrenen Verkehrskreisel, wohl einen der verrücktesten Frankreichs.

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