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21.06.2009

Vom Kurbeltheater bis zur Rockröhren-Marionette

Eva-Maria Pöhlmann ist mit ihrem Mann extra aus Pfaffenhofen angereist. Auf einer Papierserviette hat sie ihren Plan für den Abend aufgemalt. Diesen einzuhalten ist aber gar nicht so einfach in der Langen Nacht der Fugger. "Schade, dass die Veranstaltung nur eine Nacht geht, so ist es richtig stressig", bedauert Pöhlmann, lässt sich ihre Begeisterung aber dennoch nicht trüben.

Ein standesgemäßes Geburtstagsfest hat die Stadt Augsburg für ihren berühmten Bürger Jakob Fugger an diesem Samstag veranstaltet. Vor 550 Jahren ist der geniale Kaufmann geboren - Grund genug, an ihn zu erinnern und dabei in der Stadt das glanzvolle Zeitalter der Fugger wieder aufleben zu lassen. Mit der Langen Nacht ist es dem Augsburger Kulturamt gelungen, die Geschichte wieder lebendig werden zu lassen und gleichzeitig eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen.

Ist Jakob Fugger eigentlich ins Paradies gelangt?

Die Fuggerei bietet einen idealen Ausgangspunkt für einen Streifzug auf Jakob Fuggers Spuren. In der Führung erfahren Augsburger und Auswärtige Details aus dem Leben des Finanzgenies, genannt "Der Reiche", und über seine Gründung der ältesten Sozialsiedlung der Welt. "Es ist faszinierend, dass vor 500 Jahren schon derart soziale Gedanken da waren", zeigt sich Besucherin Brigitte Rembold überrascht.

Vom Kurbeltheater bis zur Rockröhren-Marionette

Ob Jakob Fugger sein Ziel damit erreicht hat und ins Paradies gekommen ist, fragt sich Alfred Irrgang. Das lässt sich wohl schwer herausfinden, aber sicher ist, dass die Fuggerei heute noch nach den vom Stifter festgelegten Regeln funktioniert. Und das bedeutet ein Rheinischer Gulden (umgerechnet 88 Cent) Jahresmiete für unverschuldet in Not geratene, ehrbare katholische Bürger der Stadt. "Ganz schön wenig", staunt Detlef Morgenrot.

Aus einer Vielzahl an besonderen, oft historisch geprägten Programmpunkten können sich kulturinteressierte Gäste ein individuelles Programm zusammenstellen. Ein wenig Vorbereitung bedarf es dabei allerdings schon. "Es war geschickt, dass man sich vorab im Internet sein Programm zusammenstellen konnte, so ist der Abend völlig stressfrei", sagt Andreas Müller-Bardorff.

Gehetzt wirken die Menschen eigentlich nicht, die in kleinen Gruppen kreuz und quer durch die nächtliche Innenstadt ziehen. Das quadratische Programmheftchen immer im Blick, schlendern sie entspannt von Schauplatz zu Schauplatz. Dazwischen bleibt auch Zeit, historisch gekleideten Stelzenläuferinnen bei ihrem Tanz zuzusehen oder einem musikalischen Duett zu lauschen. Ganz im Sinne des Fugger-Credos: "Nutze die Zeit!"

Sabine Rudolf zieht es vor, sich einfach treiben zu lassen. Auf diese Weise ist sie in der Alten Silberschmiede gelandet. Nikolaij Janocha vom S'ensemble Theater spielt dort gerade einen Silberschmied zur Zeit der Fugger und ließ seine zahlreichen Zuhörer teilhaben an den Sorgen und Freuden einer anderen Zeit, die Schriftsteller Peter Dempf beschrieben hat. "Das ist hervorragend gespielt." Ferdinand Löschnig unterhält sich großartig, ehe er mit seiner Frau weiter zum Rathaus zieht. Zur Stärkung gibt es eine Hasenkeule, die selbstverständlich historisch korrekt mit den Händen gegessen wird. Wer sich über die Tischregeln des 16. Jahrhunderts unsicher ist, macht einen Abstecher in die Welser Kuche im Stiermannhaus. Erste Regel: "Man trank nie alleine." Dazu besteht keine Gefahr, der Saal ist gestopft voll mit Kulturgängern aller Altersklassen.

Trommelnde Zinnsoldaten erheben sich in den Nachthimmel

Allein schon ein Gang durch die unterschiedlichen Innenhöfe lohnt sich an diesem Abend, findet Margarete Klein. Dieser Weg führt sie in den Handwerkerhof, wo es Puppenspiel-Schmankerl vom Verein "Freunde des Augsburger Puppenspiels" zu genießen gibt. Vom antiken Kurbeltheater bis zur Rockröhren-Marionette dürfen die Anwesenden die ganze Kunst des Puppenspiels verfolgen. "Wunderbar herzerfrischend", schwärmt Margarete Klein und bezieht die gesamte Stimmung in ihr Lob mit ein: "Alles ist so liebevoll gemacht."

Der befürchtete Regen ist zu aller Erleichterung ausgeblieben, und so strömen gegen Ende alle in Richtung Rathaus. Eine fröhliche Menschenmasse verfolgt die Feuerparade auf dem Elias-Holl-Platz, und zum Finale vermischen sich Partygänger und Kulturfreunde auf dem Rathausplatz. Gemeinsam jubeln sie den trommelnden Zinnsoldaten zu, die sich zu einem spektakulären Mobile Homme in den Augsburger Nachthimmel erheben. Viele feiern in den Bars und Klubs noch weiter. "Alles Gute, Jakob Fugger!".

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