Newsticker

Zahl der Neuinfektionen in Italien stabilisiert sich - mehr als 100.000 bestätigte Fälle in New York
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. Von Dr. Caligari zu Björn Höcke?

Kino

26.02.2020

Von Dr. Caligari zu Björn Höcke?

Werner Krauß als Dr. Caligari in dem berühmten Stummfilm aus dem Jahr 1920.
Bild: Decla-Bioscop, Imago Images

Plus Vor 100 Jahren kam einer der berühmtesten deutschen Filme auf die Leinwand, der laut einer populären Deutung den Weg in die Nazidiktatur vorzeichnete. Er hat uns heute noch viel zu sagen

Es gibt da diese unheimliche Szene, wo man nur Schatten an der Wand sieht, Schatten, die sich bewegen, Schatten, die miteinander ringen, Schatten, die schließlich morden. Und die Wirkung dessen, was man da sieht (oder eben nicht), ist umso größer, als dass dieser seltsame Film ansonsten ja gerade dadurch besticht, in einer merkwürdig flächigen Studiokulisse gedreht worden zu sein, auf die selbst Licht und eben Schatten gemalt sind, in expressionistischer Manier gewohnt gezackt, gleichwohl statisch prangend. Und dann also: ein Mord. Viel mehr Dynamik geht nicht. Und viel mehr Abgrund ebenfalls kaum. Wer oder was geht da um?

Man kann in diesen Tagen, in denen kaum ein einziger vergeht, an dem nicht historische Parallelen gezogen werden, an denen nicht die runden, dunklen Jahrestage sich reihen und in denen ständig auf die Goldenen Zwanziger und deren braunes Ende verwiesen wird, man kann in all dem rasenden Bemühen, aus Geschichte eine Farce zu machen, eigentlich nicht auch noch mit einer vor genau 100 Jahren datierten Kino-Uraufführung kommen. Sollte man in diesem Fall aber vielleicht doch.

„Das Cabinet des Dr. Caligari“, in Babelsberg gedreht, am 27. Februar 1920 im Berliner „Marmorhaus“ erstmals gezeigt, gilt als Meilenstein und einer der berühmtesten deutschen Filme überhaupt, wozu nicht nur die bereits erwähnte proto-expressionistische Kulisse von Walter Reimann , Hermann Warm und Walter Röhrig , die Regie von Robert Wiene , das unheimliche Spiel von Werner Krauß und Conrad Veidt beitrugen. Sondern, zumindest im Nachhinein, wohl auch der fast schon sprichwörtlich gewordene, thesenhafte Buchtitel des exilierten Soziologen und Filmtheoretikers Siegfried Kracauer : „Von Caligari zu Hitler“ (1947).

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Konnte man dem Film den Gang ins Dritte Reich vorausgesehen?

Die Grundannahme: In Filmproduktionen kann der allgemeine Gemütszustand, die Verfasstheit einer Gesellschaft abgelesen werden – allein, weil Filme eben eine Produktion sind, also ein von vielen Menschen für noch mehr Menschen organisiertes Angebot, das an der Kasse reüssieren soll und deswegen auch die Bedürfnisse der Masse nicht außer Acht lassen darf, ja: sie eigentlich erst recht antizipieren, vorausahnen muss. Und was man laut Kracauer damals, in den Filmen der Weimarer Republik , eben sehen, vorausahnen konnte, war der Gang in das Inferno des Dritten Reichs – und der Caligari der Ausgangspunkt.

Es geht um Chaos, Wahnsinn und Autoritarismus, um die Kollektivdisposition der Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg , wenn man so will die unbewusste Sehnsucht nach Unterordnung und einem Führer – Kracauer selbst spricht angesichts des Caligari von einer „Vorahnung Hitlers“.

Es geht in dem Film aber erst einmal auch um eine unheimliche Mordserie, die die fiktive Kleinstadt Holstenwall in Aufruhr versetzt. Recht schnell wird der vermeintliche Täter (von einer Meute aufgebrachter Bürger) gefasst, nur Franzis, dessen bester Freund ebenfalls ermordet wurde, hegt einen anderen Verdacht, der sich schließlich bestätigt: Ein als Jahrmarktattraktion eingeführter Somnambuler (also Schlafwandler) wird von seinem Meister, ebenjenem Dr. Caligari, mittels Hypnose (ein Motiv, dass sich auch bei der anderen zeitgenössischen Tyrannenfigur des deutschen Kinos, nämlich Mabuse, findet), zu Mordtaten bewegt.

Die Umkehr der Rolle des Wahnsinnigen

Was aber bewegt Caligari? Sicher auch der Hass gegenüber dem System (im Film verkörpert durch den autoritären Stadtsekretär). Warum aber wird er selbst zur Autorität, manipuliert und lässt morden? Aus Wahn – und schlicht, weil er es kann. Dass es sich bei Caligari um einen selbst verrückt gewordenen, schließlich entlarvten Anstaltsdirektor handelt, wird von Kracauer als revolutionär gefeiert: „Vernunft überwältigt unvernünftige Gewalt, wahnwitzige Autorität wird symbolisch zur Abdankung gezwungen.“

Ein Happy End also? Mitnichten. Denn um diese Geschichte wurde – angeblich von Regisseur Robert Wiene entgegen dem Originaldrehbuch – eine Rahmenhandlung gebaut, die schließlich die Verhältnisse buchstäblich auf den Kopf stellt: Ganz zum Schluss ist nämlich Franzis selbst der Insasse in der „Irrenanstalt“, der sich das Ganze offenbar zusammenfantasiert hat. Mit der Umkehrung der Rolle des Wahnsinnigen und des Gesunden aber wird die ursprünglich bloßgestellte Autorität(ssucht) wieder stabilisiert, ja, laut Kracauer gar „verherrlicht“ – und der Wahnsinn nimmt weiter seinen Lauf, bis zur Katastrophe.

Nun mag man diese Art Filmdeutung vielleicht als etwas überspannt abtun, das Grundmotiv aber, die Seele, „die zwischen Tyrannei und Chaos hin und her gezerrt wird“, bleibt ein aktuelles. Oder ist es wieder. Wie erwähnt: Historische Parallel- sind oft Fehlschaltungen, das Deutschland der Zwischenkriegszeit ist ein anderes als das von heute. Doch zuletzt sind politischer Wahn und persönlicher Wahnsinn wieder ein Thema geworden.

In den dunklen Echokammern des Internets

Als Letzteres hat bekanntlich der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland die Bluttat von Hanau abgetan, dabei ist es doch immer auch eine Frage der jeweiligen (Un)Kultur, auf was sich ein womöglich – eine Ferndiagnose wäre unzulässig – psychisch kranker Mensch bezieht. Und nicht nur von Gaulands Partei, sondern auch in den dunklen Echokammern des Internets gibt es da viele Bezugspunkte. Sind Teile des Netzes also jenes „Irrenhaus“, dessen Kulissen im Übrigen im Caligari entgegen der Außenwelt mit organischen, ja: viral anmutenden Formen bemalt sind? Für Björn Höcke , der vor gut einer Woche in Dresden Kritiker der AfD als geistig gestört bezeichnete, ist es gleich das ganze Land. Die Bundesrepublik sei ein „ganz besonderes Irrenhaus“, in dem die Patienten dächten, dass sie die Ärzte seien, so der Sprecher des völkisch-nationalen Flügels. Dabei will er nur der Direktor sein.

Am Ende des Caligari sieht man diesen in seiner Zweideutigkeit triumphieren, die Insassen hingegen trostlos auf und ab wandern – „die Vereitelung aller Hoffnungen“.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren