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Diözesanmuseum Augsburg

13.03.2020

Von Leben und Tod: Neue Ausstellung zeigt Werke von Harry Meyer

Harry Meyers Schädelstätte „Karner im Diözesanmuseum Augsburg. Die rund 30 aufgeschichteten Schädel entstanden zwischen 2010 und 2015.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Das Diözesanmuseum stellt der eigenen Sakralkunst rund 50 Arbeiten des Künstlers Harry Meyer gegenüber. Es geht um Werden und Vergehen, es geht um Existenzielles.

Wenn jetzt der bei Augsburg lebende und arbeitende Maler Harry Meyer, der sich vor allem mit der Darstellung schöpferischer und zerstörerischer Naturkräfte einen nationalen Namen gemacht hat, im Diözesanmuseum ausstellt, dann stellt er seine Kunst weder zum ersten Mal in einem Diözesanmuseum aus noch zum ersten Mal in einem sonstigen spirituellen Rahmen.

Der 1960 in Neumarkt/Oberpfalz geborene Künstler führte schon 2007 einen „Dialog“ mit der Sakralkunst im Diözesanmuseum Eichstätt, und jeder, der insbesondere seine Bilder und seine bemalten Skulpturen vom Menschen – treffender: von der menschlichen Kreatur kennt –, der weiß, dass ihn Alpha und Omega nicht nur in der Natur und im Kosmos beschäftigen, sondern auch hinsichtlich eines Lebenszyklus und einer Lebensreise. Der Kopf wächst, denkt – und endet als Schädel.

Gut zwei Dutzend aufgeschichtete Schädel sind im Diözesanmuseum zu sehen

Und dieser Kopf, auch die Büste und das Menschenbild insgesamt, stehen – in existenzieller Betrachtung – jetzt nicht nur im Mittelpunkt der Ausstellung „en face“ („gegenüber“, „von vorne“) im 20-jährigen Augsburger Diözesanmuseum; sie liefern auch die dichtesten, mit Ausstrahlung gesegneten Bilder und Skulpturen der Schau. Man betrachte nur eingehend jene 18 Miniaturköpfe in der Glashalle, die Bezug nehmen auf die 18 kleinen Masken des dort physisch und auratisch dominierenden, gut 1000-jährigen, also ottonischen Dom-Bronzeportals; man betrachte dort auch die gut zwei Dutzend geschichteten Schädel der Installation „Karner“ – letztlich ein Memento mori –; man betrachte im Reliquien-Raum des Museums Meyers Kopf-/Schädel-Skulpturen, die grundfarbig die in der katholischen Glaubensgeschichte häufig überreiche Verzierung von Märtyrer-Gebeinen durch Silber, Perlen, Brokat aufgreifen.

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Man betrachte des Weiteren die zahlreichen Mischtechniken auf der Galerie im Hause, die sich – in Nachfolge von Jürgen Brodwolfs Leichnamsfiguren – aquarellartig und künstlerisch sehr stark mit der Zeit vor einer möglichen Auferstehung beschäftigen; man schaue auf Harry Meyers vier Bronze-Miniaturen, die wie Assistenzfiguren der Kreuzigung Christi vier Altar-, beziehungsweise Vortragekreuze begleiten – eine hervorstechende Kombination. Leid schaut auf Leid.

„Der Bildschatz unserer Zivilisation schiebt von hinten“

Das sind die Höhepunkte dieser Schau von rund 50 Werken aus gut zwei Jahrzehnten künstlerischer Arbeit des ausgebildeten Architekten Harry Meyer, der weitgehend autodidaktisch den Weg der Vervollkommnung beschritt. Spricht man ihn selbst auf die Gretchenfrage an, wie er es mit der Religion hält, sieht er eine große Zeitschiene der – europäischen – Kunstgeschichte: „Als Künstler kann man sich ohne Sakralkunst nicht bewegen. Es gab viele Generationen an Künstlern, die nichts anderes taten. So entstand der Bildschatz, auf dem unsere Zivilisation beruht. Und diese Künstler und Kunstwerke schieben ja von hinten. Ich glaube, dass durch den Fluss der Zeit auch zeitgenössische Künstler sakrale Bilder erzeugen.“

Abgesehen von den christlichen Bronzemasken auf dem Domportal hat sich Meyer für seine Schau im Diözesanmuseum noch mit weiteren Objekten des Hauses thematisch und/oder formal auseinandergesetzt: Wir begegnen dem Attribut des heiligen Ulrich, dem Fisch, in Skulptur-/Plastik-Form; wir sehen ein fiktives Porträt von Karl V. in Zusammenhang mit seinen Funeralwaffen; wir stehen in der Ulrichskapelle vor einer Kreuzigung Thoman Burgkmairs als Mitteltafel eines fiktiv neu konzipierten Flügelaltars – wobei zwei dramatische Bild-Landschaften Meyers im Sinne göttlicher Schöpfungen die Funktion der Flügel annehmen.

Nicht alles in dieser Präsentation, die durchaus auch einen Überblick über die verzweigten Pfade in Meyers Werk gibt, ist – in ästhetischer Hinsicht – zweifelsfrei: Die Akkumulation der signalhaften Farben, die Akkumulation der Malstrukturen, die Akkumulation der Perspektiven machen die gezeigten „Innen Leben“ zu lauten, die Provokation geradezu herbeizwingenden Malereien. Harry Meyer – immerhin: er wagt etwas – begibt sich mit ihnen auf einen labyrinthischen Weg, dessen Ziel ebenso wenig absehbar ist wie ein Erfolg. Das schwer Vereinbare scheint reines Prinzip zu sein – und es scheint die Gemälde schier zu zerreißen.

Harry Meyer erfasst die Dynamik des Flüssigen 

Umso verblüffender, dass Harry Meyer auf der anderen Seite mit zwei exemplarisch kontemplativen Werkkomplexen Hingabe beanspruchen kann. Zum einen durch den neunteiligen, großformatigen, blautönigen „Lux“-Komplex aus 2019, zum Zweiten durch seine erste liegende Gemälde-Installation „Mare Mysticum“ (ebenfalls 2019). Beeindruckt im ersten Fall die täuschende Stofflichkeit der Ölfarbe und mehr noch ihre energetische Ausstrahlung, frappiert im zweiten Fall, wie mimetisch die Dynamik des Flüssigen erfasst ist: das Strömen, Spiegeln, Schillern, optische Brechen einer sich kräuselnden Meeresoberfläche. Dass das Wasser als Ursprung des Lebens nicht weit von der Schädelstätte „Karner“ entfernt liegt, schafft in dieser vielgestaltigen Schau auch erwähnten dramatischen Bogen zwischen Alpha und Omega.

Dauer bis 14. Juni im Diözesanmuseum am Dom. Öffnungszeiten Di. bis Sa. von 10 – 12 Uhr, So. 12 – 18 Uhr. Der Katalog mit zahlreichen Abbildungen und einem Essay der Kuratorin Eva-Maria Bongardt kostet zwölf Euro.

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