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Interview

10.01.2021

Warum Intendantin Kathrin Mädler das Landestheater in Memmingen verlässt

Verlässt Mitte 2022 das Landestheater: Intendantin Kathrin Mädler
Bild: Ralf Lienert

Kathrin Mädler liebt und lobt ihr Theater in Memmingen. Dennoch wird sie das Haus im Jahr 2022 Richtung Ruhrgebiet verlassen. Wieso?

Frau Mädler, vor wenigen Monaten erst haben Sie Ihren Vertrag beim Landestheater um fünf Jahre verlängert. Warum nun der überraschende Wechsel in eineinhalb Jahren nach Oberhausen im Ruhrgebiet?

Mädler: Ich habe den Vertrag im Juli vollen Herzens verlängert, weil ich total glücklich bin hier am Haus. Wir können künstlerisch toll arbeiten. Ich wäre auch sehr gerne geblieben; es ist eine total spannende Reise mit dem Publikum. Manchmal aber gibt es im Leben Angebote und Möglichkeiten, die eine Herausforderung und Weiterentwicklung darstellen. Da muss man Ja sagen. Ich bin zudem fest davon überzeugt, dass Theater neben Treue und Verbindung immer auch Veränderung braucht, damit es lebendig und emotional bleibt.

Ist Ihre Entscheidung eine für Oberhausen – oder gegen Memmingen?

Mädler: Es ist definitiv eine für Oberhausen. Aber noch einmal: Ich liebe das Landestheater, und ich liebe unser Publikum, das ich von Anfang an als warm und zugewandt erlebt habe. Mein Weggang eröffnet Memmingen zugleich neue Möglichkeiten: Theater muss sich stets weiterentwickeln und immer wieder neu erfinden.

Mädler: "Oberhausen ist ganz anders als Memmingen"

Was reizt Sie an Oberhausen? Die Stadt liegt im Ruhrgebiet, was sich nach dem kompletten Gegenteil von Memmingen anhört.

Mädler: Genau das ist das Spannende: Oberhausen ist ganz anders als Memmingen. Die Stadt liegt in einer Metropolregion; das ist neu und aufregend für mich. Es handelt sich um eine sehr lebendige Region mit vielen komplexen Themen, die auch das Theater beschäftigen können und sollen. Das Stadttheater besitzt eine schöne Größe, wo man auf eine andere Weise arbeiten kann als hier.

Hat das auch etwas mit der Nähe zu Ihrer Heimatstadt Osnabrück zu tun, die nur 150 Kilometer entfernt ist von Oberhausen?

Mädler: Die Nähe zu meiner Heimat ist ein schöner Bonus, und generell finde ich es schön, wieder mehr in den Norden zu kommen.

Muss man als Theatermensch in Kauf nehmen, sich alle fünf bis zehn Jahre neu zu orientieren, also Gewohntes oder gar Liebgewonnenes hinter sich zu lassen und neu zu beginnen?

Mädler: Das muss man nicht nur in Kauf nehmen, sondern das ist der Reiz meines Berufes. Man muss – bei aller Treue und Verbindungen – Lust haben, immer wieder Neues zu entdecken, auch bei sich selbst. Die dauernde Auseinandersetzung mit der Welt aus verschiedenen Blickwinkeln ist im Kern das, was Theater ausmacht.

Haben Sie sich generell irgendwelche Ziele für ihren Werdegang gesetzt? Wollen Sie irgendwann das „Resi“ in München oder Deutsche Theater in Berlin leiten?

Mädler: Nein, ich habe keine taktischen Karriereziele. Mir geht es immer darum zu erkunden, wo ich sinnvoll, inspiriert und inspirierend spannende Arbeit machen kann. Und wo man einen aufregenden künstlerischen Gestaltungsspielraum hat. In Oberhausen habe ich andere Möglichkeiten, was die künstlerische und finanzielle Ausstattung angeht. Ich habe etwas mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und kann mehr aus dem Vollen schöpfen. Ein größeres Haus ist nicht interessant wegen der Bedeutung, sondern wegen der Möglichkeiten. Und ich würde nur an ein Haus gehen, wo mich die Auseinandersetzung mit der Stadt, mit der Region und mit dem Publikum interessiert – wie es hier in Memmingen der Fall war.

Werden Sie auch Schauspielerinnen und Schauspieler mitnehmen?

Mädler: Ich wünsche mir das, darüber werden wir ganz sicher sprechen – wobei ich mit „wir“ auch meine Chefdramaturgin Anne Verena Freybott meine, die mich nach Oberhausen begleiten wird. Dass wir hier am Landestheater künstlerisch so beglückend gearbeitet haben, ist zum ganz großen Teil Verdienst des Ensembles, das engagiert und politisch ist, und der Mitarbeiter. Theater ist keine Eine-Frau-Show, sondern immer eine Gemeinschaftsproduktion.

Muss für eine relativ große Stadt wie Oberhausen mit über 200.000 Einwohnern anderes Theater gemacht werden als für Memmingen?

Mädler: Ja. Theater muss immer mit dem Ort zu tun haben, in dem es stattfindet. Wir werden in Oberhausen erspüren müssen: Welche Themen sind für die Menschen dort wichtig, und mit welchen Formaten erzählen wir sie? Das wird natürlich ganz anders sein als hier.

Das sagt die Intendantin über das Allgäuer Publikum

Haben Sie sich auch auf das Allgäuer Publikum in besonderer Weise einstellen müssen?

Mädler: Jedes Publikum ist anders. Theaterarbeit ist deshalb immer eine Beziehung zwischen Theatermachern und dem Publikum. Und eine Beziehung, die sich entwickelt. Hier in Memmingen gab und gibt es eine schöne Beziehungsentwicklung. Die Leute lassen sich – bei aller Zurückhaltung, die Allgäuern innewohnt –, zugewandt auf das ein, was wir anbieten. Das Publikum bringt unserer Arbeit ein großes Interesse und eine große Offenheit entgegen. Toll sind auch die Kooperationen mit anderen Institutionen, etwa der Mewo-Kunsthalle, den Kirchen oder dem Bildungszentrum in Irsee. Das habe ich in anderen Städten so nie kennengelernt.

Können Sie in Memmingen ein Theater machen, wie es auch in Stuttgart oder Hamburg möglich ist? Oder müssen Sie Rücksichten nehmen?

Mädler: Das Wort Rücksicht ist mir zu negativ. Wie gesagt: Theater muss immer etwas mit der Stadt oder der Region zu tun haben. Aber ich würde nie eine qualitative Unterscheidung machen: hier Großstadttheater, dort Provinztheater. Man muss an alles, was man im Theater macht, zu hundert Prozent glauben sowie von der künstlerischen und gesellschaftspolitischen Dringlichkeit überzeugt sein. Da ist es egal, wo man ist. Nur die Themen und die Formate werden sich unterscheiden.

Ihr Theater beschäftigt sich auch kritisch mit Gesellschaft und Politik. Haben Sie Gegenwind erhalten nach dem Motto: Bitte mehr Unterhaltung?

Mädler: Ich habe mit meinem Theater immer den Anspruch, einen gesellschaftspolitischen Diskurs anzustoßen. Ein anderes Theater würde mich gar nicht interessieren. Dafür ist hier eine große Offenheit da. Aber natürlich muss Theater auch unterhaltsam und emotional sein, und ich hoffe, dass wir dies ausreichend bedienen.

Können Sie ihre volle Kraft noch für Memmingen einsetzen? Oder sind Sie mit halber Energie schon in Oberhausen?

Mädler: Ich werde meine doppelte Kraft mobilisieren, damit ich beides mit voller Leidenschaft machen kann. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich sehr viel Energie besitze.


Zur Person: Kathrin Mädler wurde 1976 in Osnabrück geboren und studierte Dramaturgie, Theaterwissenschaft, Komparatistik in München und in den USA und arbeitete als Regieassistentin am Staatstheater Karlsruhe und am Burgtheater Wien.

Nach ihrem Dramaturgie-Diplom 2002 folgten ein Forschungsaufenthalt an der University of California Irvine und die Promotion mit der Dissertation „Broken Men – Sentimentale Melodramen der Männlichkeit“. Ab 2005 arbeitete Mädler als Schauspieldramaturgin und Regisseurin am Staatstheater Nürnberg, absolvierte an der Uni München eine Weiterbildung im Theater- und Musikmanagement und war als leitende Schauspieldramaturgin und Regisseurin am Theater Münster tätig.

Seit 2016 ist sie Intendantin des Landestheaters Schwaben und inszenierte dort auch immer wieder. Nun erhielt Mädler einen Ruf ans Theater Oberhausen, das sie ab der Spielzeit 2022/23 als Intendantin leitet.

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