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Forschung

20.04.2020

Was uns Brecht über die Solidarität sagt und was er wirklich meint

Diese Aufnahme zeigt Bertolt Brecht in frühen Jahren in Augsburg. Eines der bekanntesten Lieder des bekannten Autors ist das Solidaritätslied. Ob Brecht aber auch meinte, was er da schrieb, damit setzt sich Brechtforscher Jürgen Hillesheim auseinander.
Bild: Staats- und Stadtbibliothek

Sie ist gerade Corona-bedingt in aller Munde – die Solidarität. Bertolt Brecht widmete ihr eines seiner berühmtesten Lieder. Aber war er tatsächlich immer der Meinung, sich einfach ins Kollektiv einzureihen?

Solidarität – ein Begriff, der in Zeiten von Corona Hochkonjunktur hat. Er wird fast von jedermann benutzt und changiert bisweilen zwischen inflationär gewordener Worthülse und einer Art von Kampfbegriff. Wer schon möchte sich heute das vernichtende Verdikt einhandeln, sich „unsolidarisch“ zu verhalten? Was kann es Schlimmeres geben, als derart stigmatisiert zu werden? Das Ethische, Moralische schlechthin scheint sich in der Solidarität zu verdichten, zu verabsolutieren. Angeprangert wird der „Unsolidarische“, gegebenenfalls auch denunziert, verpfiffen – so entsteht ein Instrument sozialer Kontrolle.

Ein Begriff des Klassenkampfes

Ursprünglich oft als Synonym für Verantwortlichkeit dem anderen gegenüber innerhalb einer Gruppe von Menschen gleicher Ideale verwendet, avancierte der Begriff zunehmend zu einem des Klassenkampfes; selbst wenn er heute, in Zeiten der Krise, eine Art Bedeutungserweiterung oder -beliebigkeit erfahren mag.

Bertolt Brecht schrieb mit seinem Solidaritätslied eines der bekanntesten Massen- und Arbeiterlieder überhaupt. Es entstand 1931, Vari-anten folgten bis 1950. Nur die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper ist unter seinen Liedern weltweit präsenter, in noch mehr Sprachen übersetzt. Anlass genug, die Frage zu stellen, wie Brecht es mit der Solidarität hielt.

Was uns Brecht über die Solidarität sagt und was er wirklich meint

Das Solidaritätslied schrieb er für den proletarischen Film „Kuhle Wampe“ (1932). Es gibt keine Zweifel: Mit diesem Marschlied, dessen Vertonung von Hanns Eisler stammt, wird kommunistische Propaganda betrieben, selbst wenn mit „Vorwärts“ zunächst an die Tradition der SPD angeknüpft wird.


Auf, ihr Völker dieser Erde

Einigt euch! Nur eins hat Sinn:

Daß sie jetzt die eure werde

Und die große Nährerin

Vorwärts und nie vergessen

Worin unsre Stärke besteht:

Beim Hungern und beim Essen

Vorwärts, nicht vergessen

Die Solidarität!

Bezug zur "Internationalen" und zum Kommunistischen Manifest

Diese erste Strophe zeichnet sich aus durch ihre Nähe zur „Internationalen“, dem bekanntesten Kampflied der Arbeiterbewegung, das von 1922 bis 1944 Nationalhymne der Sowjetunion war. Mit „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“ hebt es an. Brecht sucht bewusst diesen Hintergrund und führt ihn fort. „Schwarze, Weiße, Braune, Gelbe“ sollen zu einer Völkergemeinschaft verschmelzen, die die Diktatur des Proletariats erlange. Dies kann nur gelingen, wenn Solidarität geübt werde, sie ist die Basis für den Zusammenhalt der Arbeiter, der Vermassung, wie der Refrain einzuhämmern versucht. Dem Einzelnen bleibt nur sich einzureihen, sich als Individuum selbst abzuschaffen.


Wollen wir es schnell erreichen

Brauchen wir noch dich und dich

Wer im Stich lässt seinesgleichen

Läßt ja nur sich selbst im Stich.


Die letzte Strophe der Variante von 1950 zitiert dann explizit das Manifest der kommunistischen Partei von Marx und Engels:


Proletarier aller Länder

Einigt euch und ihr seid frei.

Die Zensur schlug 1931 zu

Weitere Einzelheiten, die noch deutlicher auf den kommunistischen Hintergrund wiesen, fielen, wie die Forschung weiß, 1931 der Zensur zum Opfer. Der Text ist bar jeglicher Mehrschichtigkeit oder Ambivalenz, wie sie sonst für Werke Brechts typisch sind. Wer geneigt ist, ihn nach wie vor zum marxistischen Säulenheiligen zu erklären, der hat mit dem Solidaritätslied ein schlagendes Argument.

Betrachtet man das Gesamtwerk Brechts, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Mit Vermassung, der Abschaffung des Einzelnen zugunsten eines Kollektivs, hatte er es nicht; auch nicht nach seiner angeblichen Hinwendung zum Kommunismus. So heißt es schon in seiner Antikriegs- und Antirevolutionskomödie „Trommeln in der Nacht“ 1919 explizit: Die Soldaten „haben nichts gelernt als ihre Solidarität, diese ist es, die sie vernichtet.“ Sich als Individuum dem Wahn zu verweigern, wäre die bessere Option gewesen. 1920 „graute“ es Brecht vor dem „Bolschewismus“ der Sowjetunion, in der „Dienstpflicht, Kontrolle, Uniformierung und Günstlingswirtschaft“ herrsche. Wer sich dem entzieht, ist geliefert.

Im zeitnah zum Solidaritätslied entstandenen „Fragment Fatzer“ kokettiert ein durch den Krieg verbogener Charakter mit seinem unsolidarischen Verhalten, woraufhin ihn sein kommunistischer Widerpart liquidieren will. Und: Kann man im Solidaritätslied noch ein lyrisches Wir, eine Art „Uns“ unterstellen, das sich mit der Masse identifiziert, so beobachtet im 1934 entstandenen Einheitsfrontlied ein lyrisches Ich von Weitem die tumb vorbeimarschierende kommunistische Masse und denkt im Traum nicht daran, sich einzureihen. Es weiß, dass das Marschieren keines geradeaus in eine gute sozialistische Zukunft ist, sondern eines im Kreise, geradewegs zur Schlachtbank.

Er passte seine Gesinnung dem in Aussicht stehenden Erfolg an

Wie erklärt sich aber dann das Solidaritätslied? Brecht schrieb es für den Film, weil er an diesem Projekt teilhaben, als Künstler in der Weimarer Republik weiter präsent sein wollte. Dem in Aussicht stehenden Erfolg die Gesinnung anzupassen, war Brecht seit jeher nicht fremd, und das sollte auch so bleiben. So schrieb er zum Beispiel 1950 mehr oder weniger unwillig eine Reihe von Kinderliedern, weil die Regierung der DDR, die ihm ein eigenes Theaterensemble zur Verfügung gestellt hatte, danach verlangte. Die Masse, die „Solidarität“ blieb ihm fremd. Da hielt er es bis zuletzt mehr mit Andreas Kragler, dem Protagonisten aus „Trommeln in der Nacht“, der sich „unsolidarisch“ weigert, die Waffe, die ihm die Revolutionäre in die Hand drücken wollen, anzunehmen und so seinen Beitrag zum Weltfrieden leistet.

***

Jürgen Hillesheim leitet die Brecht-Forschungsstätte Augsburg.

Übrigens: Eine besonders gelungene Interpretation des Solidaritätslieds stammt von der Augsburger Band Misuk. Hören Sie selbst, das Lied des Tages vom 20. April in der Corona-Soundlist.

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