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Porträt

23.01.2019

Welch ein Theater mit den Füßen!

Zwei nackte Fußsohlen spielen hier die Hauptrolle, aber im Spiel von Anne Klinge werden sie zum Fischer und zur Nixe.
Bild: Samuel Forrer; Jan-Pieter Fuhr

Anne Klinge zeigt mit ihren Sohlen ganze Stücke. Das macht so schnell niemand nach. Erfolg hat sie damit auch: Ein Video von ihr wurde 40 Millionen Mal geklickt.

Der Überraschungseffekt ist jedes Mal groß, wenn Anne Klinge barfuß auf die Bühne tritt, gewinnend ins Publikum lächelt, ihre langen roten Haare über die Schulter wirft, sich dann hinter ein Podest legt und dem Publikum ihre nackten Füße entgegenstreckt. Innerhalb von Sekunden verwandeln sich ihre blanken Fußsohlen in Persönlichkeiten: eine Plastiknase, eine Perücke, ein Fetzen Stoff schaffen nur den äußeren Eindruck, dazu kommen Musik und ausdrucksstarkes Gebärdenspiel – und schon lassen sich wortlos Geschichten von großer Dramatik und Leidenschaft erzählen. Fußtheater nennt sich diese Kunst, mit der Anne Klinge Zuschauer von Peru bis Sydney fasziniert.

Schön zu beobachten ist dieser Überraschungseffekt in einem Video, das es mittlerweile auf 40 Millionen Aufrufe im Internet gebracht hat. Es entstand bei einem Auftritt im Jahr 2016 in der britischen Casting Show „Britain’s Got Talent“. 1000 Zuschauer in einer Halle im englischen Birmingham gerieten angesichts ihrer Vorführung aus dem Häuschen, die Reaktionen der Juroren reichten von ungläubigem Kopfschütteln bis zu kehligem Lachen, die Kommentare von fassungslosem „Oh my God“ bis zu begeistertem „Amazing“. So etwas hatten sie noch nicht gesehen. Kein Wunder, ist die 46-Jährige aus Betzenstein bei Nürnberg mit ihrer Kunst doch fast einzigartig. „Nur in Italien gibt es noch eine Frau, die etwas Ähnliches macht“, weiß sie. Weil es keine Vorbilder gibt, hat sie sich Technik, Ausführung und auch die Stücke ihres Fußtheaters selbst erarbeitet.

Eine besondere Sensibilität für ihre Füße entwickelte die gebürtige Thüringerin allerdings bereits in ihrer Kindheit. Als Tochter eines Seismologen wuchs sie in einer Erdbebenstation im Thüringer Wald auf. „Da liefen wir meist barfuß durch die Gegend und mussten auf jeden unserer Schritte achten“, erzählt sie und bedauert sehr, dass das heute kaum noch möglich ist für sie, weil die Füße sonst Schrammen und Hornhaut bekommen. Weniger schlimm findet sie, dass auch High Heels ein Tabu sind.

Die Idee zum Spiel mit ihren Füßen kam Anne Klinge zu Studienzeiten. Psychologie, Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaften studierte sie in Erlangen und Nürnberg und absolvierte in diesem Rahmen auch eine Ausbildung in Pantomime und Körperarbeit. „Da habe ich dann auch mal ausprobiert, was ich mit meinen Füßen so alles anstellen kann und bemerkt, dass sie die Form eines Gesichtes haben“, erzählt Klinge. Zunächst aber machte sie nach ihrem Studium „herkömmlich“ Theater, führte unter anderem in Erlangen und Coburg Regie, machte sich in Nürnberg einen Namen mit der Inszenierung von Musicals und spielte in Kinderstücken mit – darunter auch im „Sams“. „Die Plastiknase des Sams habe ich mir dann so zum Spaß mal über den Fuß gezogen und gesehen, dass das einen erstaunlichen Effekt hatte.“

Als sie nach einem Intendantenwechsel in Erlangen weniger Regieaufträge bekam, konzentrierte sie sich auf ihr Fußtheater. Mittlerweile hat sie mehrere Stücke im Repertoire – kurze Sketche, Märchen für Kinder, aber auch eine 50-minütige „Zauberflöte“. Mitunter muss sie dann die Hände zu Hilfe nehmen, wenn die Figuren zahlreicher werden. „Die drei Knaben spiele ich mit den Fingern, damit sie mit Tamino und Papageno zusammen auftreten können“, sagt sie und unterstützt ihre Erklärungen gestenreich.

Dass für solch eine Vorstellung – auf dem Rücken liegend, mit beiden Beinen in der Luft und dann noch die Hände nach vorn gestreckt – einiges an Körperbeherrschung nötig ist, kann man sich denken. Für Anne Klinge sind die körperlichen Anforderungen allerdings nicht die entscheidenden. Mit ein wenig Dehnungsübungen und Yoga vor und der richtigen Atemtechnik während der Vorstellungen lasse sich die körperliche Anstrengung gut bewältigen, meint die Frau, die in ihrer Jugend auch Leistungsturnerin war. „Die Kunst liegt darin, die Füße lebendig werden zu lassen, ihnen Emotionen und Ausdruck zu geben.“

Dafür baut sie das Spiel der Füße mit ihrer ganzen Körperspannung auf, wie sie es in der Schauspielausbildung gelernt hat. „Meine Haltung geht in die Füße über, ich spiele jede Szene und Situation in voller Intensität mit.“ Wer während einer Aufführung einen Blick auf ihr Gesicht erhascht, der sieht, wie sich darauf die Empfindungen der Figuren spiegeln. Überhaupt sei das Spiel mit den Füßen zu einem großen Teil eine Sache des Gehirns. Manchmal geraten ihr „die Hirnhälften durcheinander“, wie sie es ausdrückt. „Ich merke, wie sie in komplexen Szenen unterschiedlich agieren und fühlen.“ Deshalb komme es darauf an, sich auf eine bestimmte Aktion zu fokussieren.

So überzeugend gelingt Klinge das, dass die Zuschauer schnell vergessen, dass die skurrilen Typen eigentlich nackte Fußsohlen sind.

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