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Weltliteratur
25.04.2019

Warum Robinson Crusoe 300 Jahre nach Erscheinen immer noch fasziniert

Vor ziemlich genau 300 Jahren erschien in England der Roman "Robinson Crusoe" des Autors Daniel Defoe.
Foto: Mannaggia Adobe Stock

„Robinson Crusoe“ kennt die ganze Welt: Am 25. April vor 300 Jahren erschien Daniel Defoes legendäres Werk. Dessen Botschaft hat auch heute noch eine Bedeutung.

Damit konnte man Robinson Crusoe gleich noch zum Vorbild für die Jugend deklarieren – der französische „Zurück zur Natur“-Philosoph Jean-Jacques Rousseau etwa empfahl das Buch wärmstens für Kinder. Und ein Happy End gibt’s auch noch, was wollte die Leserseele also mehr?

Doch bei allem Jubel der Zeitgenossen und erst recht der Nachwelt mit ihren endlosen Adaptionen, gab es von Anfang an Kritiker. Nur wenige Monate, nachdem der Bestseller 1719 auf den Markt gekommen war, fuhr der Literat Charles Gildon eine geistreiche, humorvolle Attacke. In seinem Dramolett „Gegen Defoe“, das diese Woche erstmals auf Deutsch erscheint, stellen Robinson und Freitag ihren Erfinder zur Rede und lassen ihn am Ende seine zwei Bände aufessen.

Freitag wird kolonialisiert - das stößt heute auf

Die beiden beklagen sich bitter über allerlei Ungereimtheiten, besonders regt sich Freitag darüber auf, gebrochenes Englisch sprechen zu müssen: „Du mich verletzt, du mich großen Dummkopf gemacht, mit viel Widerspruch: Nach ein zwei Monaten bisschen gut Englisch sprechen können und zwölf Jahre später nicht besser.“

Das sitzt bis heute, erst recht, wenn man bedenkt, dass dieser Protest im frühen 18. Jahrhundert formuliert wurde, als sich – scheinbar – niemand an solchen Herabwürdigungen gestört hat. 300 Jahre danach stößt freilich nicht nur das mangelnde Sprachvermögen Freitags auf, sondern vor allem das gar nicht so sanfte Bekehren zu einem europäischen und damit überlegenen Lebensstil. Der Gefährte wird jedenfalls lange nicht nur durch ein Paar Leinenhosen aus der Seemannskiste kolonialisiert.

Robinson Crusoe ist ein packender Klassiker

Die Beziehung bleibt ambivalent, daran lässt sich nicht deuteln. Aber das hat in der jüngeren Rezeptionsgeschichte auch zu interessanten Umdeutungen und Korrekturen geführt. Im Abenteuerfilm „Man Friday“ („Freitag und Robinson“) aus dem Jahr 1975 dreht Regisseur Jack Gold den Spieß um, indem sich Freitag (Richard Roundtree) dagegen wehrt, als Sklave behandelt zu werden, und die Werte Crusoes (Peter O’Toole) infrage stellt. Wobei Robinson schon für den Iren James Joyce der Prototyp des britischen Kolonialisten war.

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Nichtsdestotrotz zählt Defoes Roman zu den packenden Klassikern, die Auseinandersetzung wird so schnell nicht aufhören, wenngleich die gekürzten Jugendausgaben lange nicht mehr den Absatz finden wie noch in den 1960er und 1970er Jahren. Zum 300. Robinson-Geburtstag hat Rudolf Mast für den Mare Verlag eine Neuübersetzung in ein wohltuend zeitgemäßes Deutsch vorgelegt – die letzte liegt bereits 40 Jahre zurück.

Wer einen Abenteuerroman mit viel Inselromantik erwartet, wird mit der ungekürzten Übertragung nicht glücklich werden. Dafür liest man von den Skrupeln Robinsons, wenn er ein Urteil über die Eingeborenen oder Kannibalen fällt, das ihm als Außenstehenden im Grunde nicht zustehe, wie er sagt. Das koloniale Denken ist keineswegs „wegübersetzt“, doch als chauvinistischer Herrenmensch gebärdet sich dieser Robinson Crusoe nicht.

Die Bücher

Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Mare Verlag, 400 S., 42 Euro

Charles Gildon: Gegen Defoe. Friedenauer Presse, 24 S., 12 Euro

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