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Augsburger Jazzsommer

11.07.2019

Wenn Jazzer sich vor starken Frauen verbeugen

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Vertieft in die Musik: Trompeter Avishai Cohen und Bassist Larry Grenadier.
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Auch im Jazz haben Frauen bisher meist nur als Inspirationsquelle für männliche Musiker gegolten. Jetzt zeigt eine starbesetzte Formation, dass es anders geht.

„Jazz“ heißt das größte Werk der amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Wie klänge wohl ein Klavierakkord, der von ihrem unnachahmlichen Schreibstil beeinflusst wäre? Welche Gefühle fließen bei Sätzen wie „Ich habe mich nicht in dich verliebt. Ich bin nur gewachsen“ in die daraus resultierende Melodie ein? Fragen wie diese stellt der Pianist Danilo Pérez gleich zu Beginn des grandiosen Eröffnungskonzertes des 27. Augsburger Jazzsommers im malerischen Botanischen Garten. Und bleibt die Antwort darauf nur wenige Sekunden schuldig.

Pérez lässt ein paar Töne in die Tastatur tropfen; zart, rein, unschuldig. Das zufällige Zwitschern der Vögel im lauen Abendhimmel wirkt, als sei es Teil des Arrangements, fast wie ein instrumentales Mikro-Intermezzo. Dann erhebt sich die Klavierfigur langsam, wird wuchtiger, verschränkt sich mit Larry Grenadiers Bass, geht im Gleichschritt mit dem dezent fließenden Puls von Drummer Johna-than Blake, bis dann Trompeter Avishai Cohen und Tenor- und Sopransaxofonist Chris Potter für schillernde Farben, feine Nuancen und lyrische Grundierungen sorgen. Ja, doch, das klingt irgendwie nach Toni Morrison, der schlanke, urbane Groove passt zum Habitus der afroamerikanischen Schriftstellerin. Das ihr gewidmete Stück trägt den Namen „Beloved“ und zeigt die große Richtung auf, die die fünf Ausnahmekönner an diesem traumhaften Sommerabend beschreiten.

Instrumentale Großtaten von Pérez, Cohen, Potter & Co.

Wenn exponierte männliche Jazzmusiker starken Frauen der Zeitgeschichte musikalische Denkmäler bauen wollen, dann stellt dies durchaus eine Zäsur in diesem Genre dar. Bislang galten Frauen maximal als Inspirationsquelle für Herz-Schmerz-Liebe-Themen. „Aber ohne Frauen gäbe es kein Leben“, erklärt Pérez und trifft damit genau den Kern. Er, der Pianist aus Panama, der an der Seite von Wayne Shorter zu Weltruhm gelangte, hat mit dem Israeli Avishai Cohen sowie den Amerikanern Potter, Grenadier und Blake eine Allianz aus Testosteron geschmiedet, um Oden auf die Weiblichkeit zu singen, respektive zu spielen. Das Resultat ist ein wunderbarer, kontrastreicher Abend voller Leidenschaft, Fantasie, Empathie, instrumentaler Großtaten und überraschender Wendungen, die auch bei weniger versierten Fans der Materie einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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Wie formt man den Schreibstil einer Literaturnobelpreisträgerin zu Musik? Danilo Pérez weiß es.
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Es sind vor allem die Geschichten um die Songs, die jeden der bescheidenen Superstars zu instrumentalen Höchstleistungen treiben. Chris Potter, den nicht nur Saxofon-Kollegen als einen der Allerbesten seiner Zunft rühmen, huldigt Zora Neale Hurston, eine weitere Galionsfigur der afroamerikanischen Literatur. Aus ihrer Novelle „Their Eyes Were Watching God“ leitet er das stolze „Tea Cake“ ab, das zwischen champagnergleichen, spritzigen Kadenzen und einem frechen Hip-Hop-Breakbeat hin und her tänzelt, während er und Cohen ihre Bläserlinien fächerartig wie Makrameeflieger dazwischenschieben. Für die Aktivistin Sivan Ya’ari, die unermüdlich gegen Not, Leid und Hunger in der Dritten Welt kämpft, hat Avishai Cohen „Innovation Africa“ geschrieben. Ein Strom aus anschwellenden Polyrhythmen und einer stoisch marschierenden Basslinie. Die klare Botschaft: Wir müssen kämpfen!

Die Nacht sorgt für entsprechende Atmosphäre

Vor allem Avishai Cohen demonstriert, welche Kraft aus der Wechselwirkung von Worten und Noten entstehen kann. In „Departure“ rezitiert er langsam die Verse der in der Ukraine geborenen Jüdin Zelda Schneurson Mishkovsky über das Leben in der Chabad-Sekte: „Depart from curiosity, depart from words“ (Vermeide Neugier, vermeide Worte). Keine Trompete, die er das gesamte Konzert über mit blitzsauberer gesanglicher Phrasierung einsetzt, nur Sätze voller Nachhaltigkeit. Dazu ein Schleier aus Pianotupfern und ein fast flüsternder Bass. Die einsetzende Nacht liefert den atmosphärischen Rest.

Das Finale furioso hebt schließlich die Philosophin Angela Davis auf den Schild. „Alternate Reality“ unterstreicht noch einmal alles, was das Konzept von Danilo Pérez, Avishai Cohen und Chris Potter aus der Masse der konturlosen Jazz-Projekte herausstechen lässt. Das Quintett intoniert nahezu pastorale Impressionen, die fast sprunghaft in euphorische, symphonische Kakofonien im Stile eines Charles Mingus überleiten. Viel besser, intensiver, plastischer kann man den fiebrigen Eifer und die Hartnäckigkeit der legendären schwarzen Bürgerrechtlerin kaum in Musik gießen. Das perfekte Finale eines Traumstarts in einen verheißungsvollen Augsburger Jazzsommer!

  • Der 27. Augsburger Jazzsommer dauert bis zum 11. August. Nächstes Konzert am 17. Juli mit dem Wolfgang Muthspiel Quintet.
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