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Rechtsextremismus

12.11.2017

Wenn man aufwächst unter lauter Neonazis

Deutsche Musik, deutsche Freunde sollten es sein: Heidi Benneckenstein.
Bild: Annette Hauschild, Ostkreuz/Klett-Cotta

Heidi Benneckenstein wuchs in einer „völkischen“ Familie auf und rutschte selbst tief in den brauen Sumpf. Darüber und über über ihren Ausstieg hat sie ein Buch geschrieben.

Frau Benneckenstein, hatten Sie nicht Angst mit dieser heiklen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Heidi Benneckenstein: Sicher, wobei die Öffentlichkeit auch ein Schutz sein kann. Mir war sehr wichtig, das alles zu erzählen. Vor allem, dass es diese Familien gibt, die ganz unauffällig in unserer Gesellschaft leben und ihre Kinder „völkisch“ beziehungsweise nationalsozialistisch erziehen.

Ihr Mann ist mit 15 über die Musik in die rechte Szene gerutscht, Sie hatten gar keine Wahl. Wie sah Ihr Alltag in der Familie aus?

Benneckenstein: Diese Ideologie zieht sich durch alle Lebensbereiche. Das geht schon bei einer sehr autoritären Erziehung los. Mein Vater hat größten Wert auf gute Manieren gelegt, auf Disziplin und dass wir uns als Kinder zurückhalten. Ihm war wichtig, dass wir deutsche Freunde haben und deutsche Musik hören. Es kamen schon mal Bemerkungen wie „das ist amerikanisch, das wollen wir nicht“ oder „wir kauen nicht Kaugummi, weil das die Besatzer tun“. Als Kind konnte ich damit überhaupt nichts anfangen.

Dann waren Coca Cola oder Snickers auch tabu?

Benneckenstein: Absolut. Es gab bei uns extrem wenig Süßigkeiten, meine Mutter war ziemlich ökologisch unterwegs. Übrigens mit der Folge, dass meine Schwester und ich eines Morgens um sechs ihren Globuli-Schrank geplündert haben.

Ihr Vater hat neben der Marschmusik auch Bob Marley gehört. Wie geht das zusammen?

Benneckenstein: Indem man inkonsequent ist und feststellt, dass einem nicht nur Marschmusik und rechte Liedermacher wie Frank Rennicke gefallen. Für uns war Marley aber verboten.

Hatten Ihre Eltern Freunde?

Benneckenstein: Klar, diese Leute aus der mittlerweile verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ sind häufig bei uns gewesen, auch Bekannte aus anderen „völkischen“ Kreisen. Akademiker, ein paar Ökobauern und Hippies in Birkenstocksandalen, die die Welt verbessern wollten, aber in Wirklichkeit stramm rechts waren.

Niemand aus dem Dorf?

Benneckenstein: Meine Mutter war sogar gut integriert, sie ist auch ein sehr netter, offener Typ. Dass wir nicht weiter auffielen lag sicher an ihr. Mein Vater ging nur in den Schützenverein, aber da gab es keine näheren Bekanntschaften. Eine meiner Freundinnen hat ihren Eltern mal erzählt, dass es bei uns zu Hause gruselig sei. Das trifft es ganz gut.

Im HDJ-Ferienlager gab es Ärger mit der Polizei

Ihr Vater hat Sie in die Camps der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ geschickt. War Ihnen klar, dass sich diese „Ferienmaßnahmen“ im illegalen Raum abspielen?

Benneckenstein: Gleich im ersten HDJ-Ferienlager gab es Ärger mit der Polizei. Mir war immer bewusst, dass wir da etwas Verbotenes tun. Einmal mussten wir bei einer Nachtwanderung plötzlich durch den Wald fliehen und uns verstecken. Uns wurde erzählt, die Polizei würde kommen, das war aber ein Spiel. Ich fand das damals gar nicht lustig.

Sie haben in der Schule doch auch den Nationalsozialismus behandelt.

Benneckenstein: Ja, das erste Mal in der siebten Klasse. Aber in meiner Hauptschule wurde das eher oberflächlich angeschnitten. Die Lehrer hatten argumentativ nicht viel zu bieten, deshalb war es für mich leicht, bei meiner Haltung zu bleiben und den Unterrichtsstoff als Lüge einzustufen. Vermutlich hängt das auch mit der Schulform zusammen. Vielleicht denken manche, in der Hauptschule braucht’s diese intensive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht. Dabei wäre Aufklärung genau da besonders wichtig.

Gab es nie eine Auseinandersetzung mit Lehrern?

Benneckenstein: Nur in einem Fall. Vertretungsweise hatte ich einen Ethik-Lehrer, der im Unterricht über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte sprach. Darauf sagte eine aus der Klasse in meine Richtung: „Du bist ja auch so ein Nazi und machst da mit“. Der Lehrer meinte dann, er finde das schon sehr schade. Das war alles.

Als Sie nach der Trennung Ihrer Eltern bei der Mutter gelebt haben, sind Sie noch tiefer in den braunen Sumpf gerutscht. Aber Sie waren doch erst mal weg von der Indoktrination?

Benneckenstein: Ja, aber ich war die einzige, die noch Kontakt zum Vater hielt und sich auch dazu verpflichtet fühlte. Ich glaube, er tat mir leid, aber dadurch behielt er seinen Einfluss auf mich. Und er hat mich umworben, ich bekam sogar ein Handy - also ein Handtelefon, wie es bei uns hieß. In dieser Zeit war ich mitten in der Pubertät, sehr rebellisch. Das konnte ich in der Nazi-Szene ausleben.

Wann sind Ihnen Zweifel gekommen?

Benneckenstein: Irgendwann merkt man, dass sich die Szene nicht so verhält wie sie es predigt. Entscheidend war aber meine Schwangerschaft mit 17. Ich wollte mein Kind nicht unter Nazis aufwachsen lassen. Doch der Ausstieg hat noch gedauert, weil Felix’ neue CD gerade auf den Markt kam und er wieder in der Szene unterwegs war. Ich hätte mich von ihm trennen müssen um auszusteigen. Die Kraft dazu hatte ich damals gar nicht, und ich wusste ja nicht einmal wie. Erst als Felix ins Gefängnis kam, konnten wir diesen Ausstieg angehen. Mit großen Hürden. In der Anstalt, in der er untergebracht war, gab es keinerlei Vermittlung in entsprechende Programme.

Wie darf man sich so einen Ausstieg vorstellen? Wer gibt einem Rückhalt in dieser Situation?

Benneckenstein: Den mussten wir uns selber geben. Wir bekamen finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite wie etwa Arbeitslosengeld. Und wir haben den Wohnort gewechselt, um schon einmal geografisch von der Szene wegzukommen. Mein Mann konnte seine Schulabschlüsse nachmachen, und dann halfen uns vor allem die Angebote der Ausstiegsorganisation „Exit“. Die Leute dort haben sich sehr um uns bemüht, auch das gab Rückhalt.

Haben sich alte Kameraden aus der Szene gemeldet?

Benneckenstein: Es kamen immer mal Einladungen, sich auf ein Bier zu treffen. Keiner von denen wusste, was los war. Man kann aber nicht jedes Mal Ausreden erfinden. Da haben dann auch die Mitarbeiter von „Exit“ geholfen und mit uns die möglichen Gefahren besprochen.

„Diese Szene entlässt einen nicht einfach so“

Fühlten Sie sich bedroht?

Benneckenstein: Als wir noch keinen Anschluss an die normale Gesellschaft hatten, ja. Diese Szene entlässt einen nicht einfach so. Außerdem ist da auch eine große persönliche Enttäuschung im Spiel, die Szene hat ja nur die Szene. Wenn jemand aus dem engeren Kreis aussteigt, bedeutet das Verrat. Und darauf folgt Hass. Untertauchen war keine Option, mein Mann ist als Liedermacher ja in ganz Deutschland bekannt. Auch wenn er die Gitarre seit seinem Ausstieg nie mehr angerührt hat.

Sie sind jetzt Erzieherin. Möchten Sie etwas „richtig“ machen?

Benneckenstein: Ich wollte immer schon selbst Kinder haben, und mich interessiert das Thema Erziehung. Nach dem Ausstieg hatte ich dann das Bedürfnis, auch pädagogisch zu arbeiten. Mir hat das übrigens selbst geholfen, meine Erlebnisse zu verstehen und einzuordnen.

Ihr Mann arbeitet heute bei „Exit“, Sie beide betreiben Aufklärungsarbeit. Können Sie sich vorstellen, sich in einer Partei oder überhaupt in der Politik zu engagieren?

Benneckenstein: Nein, tatsächlich habe ich ein Trauma, was Vereine und Organisationen betrifft. Ich setze mich lieber mit Inhalten, als mit Strukturen auseinander. 

Heidi Benneckenstein, geboren 1992 im Landkreis Fürstenfeldbruck als Heidrun Redeker, wuchs in einer rechtsextremen Familie auf. Der Vater, ein Zollbeamter, leugnet den Holocaust und schickt seine vier Töchter in die Ferienlager rechtsextremer Organisationen. Rassenkunde und Strammstehen inklusive. Das Mädchen nimmt an Aufmärschen teil und schlägt mit 16 einen Pressefotografen krankenhausreif, weil er bei der Beerdigung eines Alt-Nazis Aufnahmen macht. Doch in der „Szene“ lernt Heidrun auch die Liebe ihres Lebens kennen: den rechten Liedermacher Felix Benneckenstein. Gemeinsam gelingt der Ausstieg. Über ihr Leben hat die 25-Jährige nun ein Buch geschrieben, das aufrütteln soll: Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen. Klett-Cotta/Tropen, 252 S., 16,95 €.

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