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Debatte

14.12.2018

Weshalb das „Wir“ in der Krise steckt

Wer sind die Menschen, die in Frankreich gerade als "Gelbwesten" Gemeinschaft demonstrieren?
Bild: Elyxandro Cegarra, dpa

Überall schwindet der Zusammenhalt, scheint die Mehrheitsgesellschaft scheint vorbei. Was aber wird, wenn Minderheitsinteressen zu mächtig werden?

Zwei Szenen für die Momente einer sich zusehends verschärfenden Krise der Gesellschaften. Die eine steht für die Erschütterung, die andere für die Untergrabung des Zusammenhalts. Die eine spielt direkt vor den Augen der Weltöffentlichkeit: Abertausende Menschen in Frankreich versammeln sich als „Gelbwesten“, geeint durch eine alles infrage stellende Wut. Die andere Szene musste erst über ein Video im Internet den Weg in die Welt finden, wird dort aber nun millionenfach als beispielhaft gefeiert nach dem Motto: Endlich mal einer, der sich zur Wehr setzt gegen die Diktatur der „Political Correctness“, die Minderheiten immer bestimmender werden lässt.

Doch bevor es zu den Problemen der Gesellschaften geht: zunächst zu denen der Welt. Vor gut 25 Jahren hieß es doch schon mal, ein Ende der Geschichte sei nach dem Mauerfall gekommen, weil nun die Überlegenheit von Demokratie und Marktwirtschaft erwiesen und damit ein gemeinsamer Weg möglich sei in eine Zukunft von Wohlstand und Sicherheit – die Welt als Wir. Und heute? Allein schon im Rahmen einer Weltreise im Zeichen des neuen Gegeneinanders rechnet der eindrucksvolle Reportageband „Ausgeschlossen“ vor: Es gibt heute 41000 Kilometer Grenzmauern, insgesamt reichen sie damit einmal um die Erde; seit 1990 beträgt die Zahl der neuen Grenzzäune, -mauern und -absperrungen 60, davon 35 entstanden nach 2011 – im Kalten Krieg waren es 19; 57 Prozent der neuen Abgrenzungen wurden mit dem Ziel gebaut, Migranten abzuhalten. Wir? Sind mindestens in der Krise. Der EU droht das Zerreißen zwischen den Mitgliederinteressen, Russland spaltet, „America first“ …

Und im Inneren? Jordan Peterson heißt der Mann, der in jenem Internet-Filmchen auftritt. Ein Psychologe aus Kanada, der mit Büchern wie den nach seinem Berühmtwerden jetzt auch auf Deutsch veröffentlichten „12 Rules For Life!“ und „Warum wir denken, was wir denken“ eigentlich als Lebensratgeber und Bewusstseinsaufklärer recht erfolgreich ist. Hier aber befand er sich in einer Diskussion mit Transgender-Aktivisten über ein neues Gesetz zur Einführung geschlechtsneutraler Kunstwörter statt bestimmender Fürwörter wie sie und er und musste sich den Vorwurf anhören: „Was gibt Ihnen das Recht, das Pronomen selbst zu bestimmen, mit dem Sie sich an eine andere Person wenden?“ Er oder sie – Peterson hatte sich festgelegt und fragte nun wütend zurück: „Was mir das Recht gibt, meine Worte selbst zu wählen? Was für eine Frage ist das?“

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Der Universalismus wird unterminiert

Und so steht diese kleine Szene für einen größeren Kampf, den Peterson führt und mit nicht eben zurückhaltenden Worten beschreibt. Denn in der Durchsetzung solcher Ansprüche von Minderheiten zeige sich eine „postmoderne, linksradikale Ideologie“, die erschreckend den marxistischen Lehren ähnele, die dereinst Abermillionen Menschen das Leben gekostet hätten. Was Peterson meint und nicht als Werbung für Rechtsreaktionäre verstanden wissen will: Menschen würden in diesem Denken durch ihre Gruppenzugehörigkeit definiert; das führe konkret auch zur „Diskriminierung“ des „weißen, heterosexuellen“ Mannes, aber vor allem generell zur Unterminierung des westlichen Universalismus, eine Kraft des Chaos.

Was Peterson ebenfalls meint: Statt auf ein gemeinsames Wir zu bauen, das für den Zusammenhalt in der Gesellschaft zentral sei, zerfalle alles in kleinere Wir-Gruppen, die sich durch Abgrenzung definierten. Und da kommt der Psychologe mit dem Konservativen zusammen: Das sei der Anfang vom Ende des Liberalen, Demokratischen, der linksradikale Aktivismus sei die Maskerade einer autoritären Bewegung.

Und wovon zeugt die Bewegung, die in Frankreich die Menschen vereinheitlichend und bekennend in die gelbe Weste treibt? Wächst hier nicht sogar ein breiteres Wir, ein demokratisches, wie es vor 15 Jahren der Denker Giorgio Agamben formulierte: Die Politik regiert durch ständige Krisenzustände dauerhaft mit den Sonderbefugnissen des Ausnahmezustands – und zwar so lange, bis sich die dadurch in ihren Rechten und ihrer Teilhabe geprellten Bürger zur Wehr setzen. Der demokratische Moment? Wo doch Links- wie Rechtsradikale sich als Profiteure wähnen?

Wer sich, wie die österreichische Publizistin Gila Lustiger, unter den Demonstranten umhört, entdeckt jedenfalls ein Wir-Gefühl hier nur in der Feindschaft. Es geht gegen das Establishment, das einst Macron zur Präsidentschaft verhalf, aber diesmal eben weiter, gegen die Eliten, als deren Lobbyist er nun gilt. Das Versprechen der modernen Gesellschaft, alle seien integriert und hätten durch Leistung ihre Chance, an Wohlstand und Wachstum gerechten Anteil zu haben, sehen sie als nicht erfüllt an oder als bloß Maskerade, die die Schuld des Scheiterns auf den Einzelnen abwälzt, während eigentlich die Politik versagt und nur die Reichen bedient. Und so geht um einen „Zivilisationsunmut“, die sie übervorteilende Richtung des Fortschritts also. Und dahinter geht es auch um Migrationspolitik – ohnehin ein klassisches Feld der neuen Wir-Fragen.

Mögen sich die linken Protestanten, die ehedem die Wall Street besetzten, noch als Vertreter der 99 Prozent inszeniert haben. Die Rechten wie deren hiesige Vordenker um Götz Kubitschek sahen sich eigentlich eher als das eine Prozent – das wahre Wir. Beschwingt von den Erfolgen im Netz, auf der Straße und in Wahlen ist daraus der Anspruch erwachsen, das Wir des wahren Volkes zu bilden, die bedrohte Mehrheitsgesellschaft. Aber gibt es so etwas heute überhaupt noch? Der französische Philosophie-Shootingstar Tristan Garcia hat darüber das Buch „Wir“ geschrieben: Wo steht dieses gesellschaftliche Wir, das Margaret Thatcher vor Jahrzehnten schon als Illusion darstellte („There is no such thing as society“), nun nach 200 Jahren politischer Emanzipation also wirklich?

Das Wir war schon immer eine Konstruktion

Sein Befund: Das Wir war immer eine Konstruktion, um die an sich komplexeren gesellschaftlichen Verhältnisse zu vereinfachen – meist aus dem Gefühl der Unterlegenheit heraus, zur Schaffung einer Identität in einem stets instabilen Gleichgewicht. Diese Mechanismen aber werden in der heutigen Gesellschaft mit ihren neuen verstärkenden Medien so vielfältig und überlappend bedient, dass die Zeit der Mehrheitsgesellschaft schlicht vorbei ist.

Ob es eine Lösung gibt? Garcia schreibt: „Wir treten vielleicht in einen längeren Zeitraum der Destabilisierung und politischen Zerrissenheit des Wir ein, doch dies ist nicht das Ende. In dem Maße, in dem wir uns in antagonistische, aus der Vergangenheit wiedererstandene klassenmäßige, rassistische, ethnische, nationale und religiöse Identitäten aufteilen, wird die uns allen gemeinsame Vorstellung umso deutlicher neu erscheinen: Unser Empfindungsvermögen oder unsere Menschlichkeit, die so sehr bekräftigt wurden, dass sie nur noch wie die heuchlerische Maske unserer Unterschiede wirkten, werden sich auf der Grundlage der feindseligen Bekräftigung unserer Unterschiede abermals als wahr erweisen.“ Und diese Hoffnung auf eine Wiederkehr des Universalismus, sie betrifft zunächst die Gesellschaften, aber zuletzt auch die Welt. Die Alternative wäre hier wie da: Krieg.

Bücher zum Thema:

– Tristan Garcia: Wir. Übers. von Ulrich Kunzmann, Suhrkamp, 332 S., 28 €

– Jordan Peterson: Warum wir denken, was wir denken. mvg-Verlag, 1008 S., 39,99 ¤; 12 Rules For Life! Müller, Goldmann, 576 S., 20 €

– Marcus Engelhardt (Hg.): Ausgeschlossen. DVA, 288 S., 18 €

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