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250. Geburtstag

13.09.2019

Wie Alexander von Humboldt zum Naturforscher wurde

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2 Bilder
Zeitgenössischer Stich des deutschen Naturforschers und Geographen Alexander von Humboldt (1769-1859).
Bild: dpa

In einer autobiographischen Skizze aus dem Jahr 1801 beschreibt der damals 31-Jährige seinen Werdegang.

Am 4. August 1801 begann der 31-jährige Alexander von Humboldt in Bogotá ein autobiographisches Bekenntnis zu schreiben, das heute in seine Amerikanischen Reisetagebücher, Besitz der Staatsbibliothek Berlin, eingebunden ist. Darauf notierte Humboldt 1839 seinen Willen, dass der Text „nie“ gedruckt veröffentlicht werden solle; gleichwohl griff er nachträglich in den Text ein. Er ist mittlerweile mehrfach unter dem Untertitel „Ich über mich selbst. Mein Weg zum Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden 1769 – 1790“ ediert worden.

Der Wunsch entfernte Welttheile zu besuchen u die Produkte der Tropenwelt in ihrer Heimath zu sehen ward erst in mir rege, als ich anfing, mich mit Botanik zu beschäftigen. Bis in mein 17tes u 18tes Jahr waren alle meine Wünsche auf meine Heimath beschränkt. So sorgfältig auch unsere litterarische Erziehung war, so ward doch alles was auf Naturkunde u Chemie bezug hatte in derselben vernachlässigt. Kleinlich scheinende Umstände haben oft den entschiedensten Einfluß in ein thätiges Menschenleben u so muß man die Spuren wichtiger Ereignisse oft in diesen Umständen suchen.

Der Hofrath Heim […] war unser Hausarzt. Er hatte eine große Sammlung von Moosen u gab sich eines tages die Mühe, meinem älteren Bruder die linnéischen Klassen zu erläutern. Dieser, des Griechischen schon damals kundig, lernte die Namen auswendig, ich klebte Lichen parietinus u Hypna auf Papier u in wenigen Tagen war alle Lust zur Botanik wieder verschwunden. Heim verschafte unserem Nachbarn dem Heern von Burgsdorf botanischen Ruhm, dieser legte dendrologische Samlungen an. Ich sah dort Gleditsch u weitre Glieder der Naturforschenden Gesellschaft – krüppelhafte Figuren, deren Bekanntschaft mir ebenfalls mehr Abscheu als Liebe zur Naturkunde einflößte.

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Ein "halbverrückter Gelehrter"

Meine jugendliche Neigung war von je her der Soldatenstand gewesen. Meine Eltern hielten mich durch Zwang davon zurük u man bildete mir ein, daß ich Lust zu dem habe, was man in Deutschland Kameralwissenschaften nennt, eine Weltregierungskunst, die man erst dann versteht, wenn man alles alles weiß. Dies alles sollte ich bei einem Amtmann lernen u ein Pachtanschlag wäre dann das maximum meiner Kameral-Kenntniß gewesen. Ein halbverrükter Gelehrter der Prof. Wünsch in Frankfurth an der Oder las mir ein Privatissimum über Bekmanns Oekonomie. Er fing an mit botanischen Vorkenntnissen. Seine eigene Unwissenheit u sein Vortrag waren abermals weit entfernt mir Lust zur Botanik einzuflößen, doch sah ich ein, daß ich ohne Pflanzenkenntniß ein so vortrefliches Buch als Bekmanns Oekonomie nicht verstehen könne.

Wir besaßen durch Zufall Willdenows Flora Berolinensis. Es war harter Winter. Ich fing an Pflanzen zu bestimmen, aber die Jahreszeit u Mangel an Hülfsmitteln machten alle Fortschritte unmöglich. Wir verließen Frankfurth an der Oder u ich brachte abermals ein Jahr in Berlin zu, wo mich Zöllner in der Technologie unterrichtete. Ich fühlte aufs neue die Nothwendigkeit botanischer Kenntnisse, quälte mich mit neuem Eifer, Pflanzen nach Willdenow’s Flora zu bestim¯en. Ich legte nun ein förmliches Herbarium an u da man mir nun zuerst gestattete alleine auszugehen, faßte ich den Entschluß unempfohlen Willdenow selbst aufzusuchen. Von welchen Folgen war dieser Besuch für mein übriges Leben. Schriebe ich ohne diesen diese Zeilen im Königreich Neu Grenada?

Ich fand in Willdenow einen jungen Menschen, der damals unendlich mit meinem Wese harmonirte. Er bestimmte mir Pflanzen, ich bestürmte ihn mit Besuchen. Ich lernte neue ausländische Pflanzen bei ihm kennen. Er schenkte mir einen Halm Oryza sativa, den Thunberg aus Japan mitgebracht. Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben die Palmen des botan. Garten, ein unendlicher Hang nach dem Anschauen fremder Produkte erwachte in mir. In 3 Wochen ward ich ein enthusiastischer Botanist.

Rinden, aus der Apotheke gekauft

Willdenow trug sich damals mit der Idee eine Reise außerhalb Europa zu machen. Ihn zu begleiten war der Wunsch der mich Tages u Nachtes beschäftigte. Ich durchlief alle Floren beider Indien, kaufte alle Rinden der Apotheken zusammen, verweilte mit unendlichem Wohlgefallen bei dem Reishalm in meinem Herbarium u gewöhnte mich unbändige Wünsche nach weitren u unbekannten Dingen zu hegen.

In Göttingen lebte ich allein für Naturgeschichte u Sprachen, zu welchen mich meine Freundschaft mit Wolltmann und Eitelkeit mehr als wahrer Hang hinzog. Ich fand dort Link u Persoon mit denen ich ein litterarische Gesellschaft stiftete. […] Ich herbarisirte 1789 am Harz, bereiste mit Stephan van Geuns den größten Theil des westlichen Deutschlands. Mein Hang zum Reisen, u Beschauen nahm zu u meine schwärmerische Achtung für Stieglizens Genie u seine Verachtung meiner naturhistor. Beschäftigungen waren allein im Stande mich mit mir selbst in Widerspruch zu sezen. Ich träumte mich bisweilen nach beiden Indien, aber die Möglichkeit einer solchen Reise wurde mir noch nicht klar.

Mein Bruder Wilhelm hatte durch sein Genie die Aufmerksamkeit Jakobis u Georg Forsters erregt. Beide nahmen mich deshalb freundlichst in Düsseldorf u Mainz auf u da Forstern die Hofnung in England Geld zu gewinnen, nach London trieb (er wollte seine Species plantarum herausgeben) so bot er mir an, ihn zu begleiten. Ich war damals krank März 1790 in Göttingen, u mit der Herausgabe meines ersten litterarischen Produkts, den Basalten am Rhein beschäftigt. Dennoch mit welcher Freude nahm ich theil an dieser Reise.

Ohnerachtet sie mich wie jedes nahe Zusammenleben unter Menschen u besonders bei Forsters kleinlich-eitelem Charakter mehr von ihm entfernte, als ihm nahe brachte, so hatte das Zusammenleben mit dem Weltumsegler doch großen Einfluß auf meinen Hang nach der Tropenwelt.

Wie sehr erwachte diese Sehnsucht vollends bei dem Anblik des allverbreiteten, beweglichen, länderverbindenden Ozeans, den ich bei Ostende zuerst sah, wie sehr bei der kleinen Ueberfahrt von Helvoetsluys nach Dover.

Der Zufall wollte daß ich (ohnerachtet wir in einem elenden Fischerboot u bei stürmischem Wetter schiften) nicht seekrank war. Ich wurde es in der Folge nie u dieser Umstand machte mir das Element selbst u lange Seereisen minder furchtbar.

Ich lebte in London sehr einsam, im Hause eines deutschen Perrükkenmachers Mr. Muller Plumtreestreet. Forster hatte sich bei seinem Schwager dem Hofprediger Schrader einquartirt der ihn mit Bibelübersezungen u Hofklatsch (er war Lecteur der Königl. Prinzessinnen) quälte. In einem Lande wo die Einwohner 4–5 mal in ihrem Leben beide Indien besuchen u wo man mit den Produkten der entferntesten Welttheile wie mit den seinigen bekannt ist, konnte ein Begleiter des Captain Cook eben nicht großes Aufsehen machen.

Für das was man in Forster Geist u verschmelzendes Genie nennen kann haben die Engländer eben nicht Sinn. Sie suchen entschiedenes Dichtertalent, tiefsinnige Philosophie od. gründliche Gelehrsamkeit. Ein Gemisch von alle dem, ein Mensch der von dem allem nur etwas besaß u mehr Form als Materie war, konnte daher wenige interessieren. Dazu konnte Forster in London nicht Deutsch sprechen, u die Muster nach denen er sich gebildet waren Deutsche, Kant, Schiller … Seine höchsten Flüge waren unübersezbar u unverständlich. Mit den Geldspekulationen ging es nicht besser. […] Je übelgelaunter Forster in England war, desto mehr ward ich in meine Einsamkeit zurükgeschrekt.

"Im väterlichen Hause gemishandelt"

Unser Aufenthalt in Holland, Spaziergänge die ich längst der grünen buschigten Dünen am Haager Meeresstrande gemacht, der Anblik der Amsterdamer Schifswerften, die enge Freundschaft mit dem jungen Holenberg (der nachmals in der Dänischen Marine Epoche gemacht) füllten meine warme Phantasie mit ersehnten Gestalten ferner Dinge. In einem jungen Gemüthe, das 18 Jahr lang im väterlichen Hause gemishandelt, in einer dürftigen Sandnatur eingezwängt worden ist, glimmt u glüht es wunderbar, auf, wenn es seiner eigenen Freiheit überlassen auf einmal eine Welt von Dingen in sich aufnimmt.

Mein Zim¯er in Plumtreestreet war mit den Kupfern eines ostindischen Schiffes ausgeziert, das in einem Sturme unterging. Heiße Thränen ströhmten mir oft über die Wangen, wenn ich beim Erwachen die Augen auf diese Gegenstände heftete. Ich strebte nach Dingen die ich damals nie zu erlangen hofte. Ich bildete mir ein, daß nur die Aufforderung eines Gouvernements, eine Reise gleich der Cookschen mich in jene Welttheile führen könne, u meine berliner Verhältnisse, der Zwang an den ich gewöhnt war, stellten mir als unmöglich vor, was ich nun seit Jahren ausgeführt.

Als wir der engl. Küste nahe zuerst die Thürme von Oldborough sahen, mahlte mir meine Einbildungskraft im Traume den Tafelberg u Drakenstein vor. Ich glaubte mich in der Capstadt vor Anker u mit aufgehender Sonne war der süße Traum hinweggewischt. Ein Wunsch wie dieser der mich ewig begleitete, das Streben nach Ländern, in denen wir durch grenzenlose Räume von den Unsrigen getrennt sind, schmeichelt der jugendlichen Eitelkeit wegen der Energie, in der wir uns uns selbst vorstellen,

aber es giebt unserm Wesen zugleich eine melancholische Stimung

in der wir die „Wonnen der Thränen“ fühlen.

Die Hügel von Highgate u Hempsteat waren mein Lieblingsspaziergang in London, stets an dem Wege las ich Anschlagzettel nach Engl. Sitte: „Junge Leute welche ihr Glük außerhalb Europas suchen wollen, melden sich dort u dort, als Matrose, Schreiber .. finden sie Aufnahme. Das Schif ist segelfertig nach Bengalen.“ Mit welchen Empfindungen laß ich diese Einladungen. Der Eintritt in ein solches Haus schied mich auf im¯er (nach engl. Preßsitte) von meiner vaterländischen Welt, einer Rükkehr nach Berlin, die wie nahes Ungewitter wolkendikk über mir schwebte. Wie oft schwankte ich in meinen Entschlüssen, war einem tollen Streiche nahe.

Ich zeichne die jugendlichen Thorheiten sorgfältig auf, weil sie klar machen was damals in mir vorging. Beschäftigung mit der Naturkunde u. wissenschaftliche Zwekke hatten den Wunsch nach der Tropenwelt in mir erregt. Die auszeichnende Nachsicht mit der Sir Joseph Banks mich behandelte, der Anblik seiner Samlungen, die indianische Sach- u Menschenwelt seines Hauses, Hodges, Alexander Dalrymple, Weber dieser Umgang bestärkte meinen naturhistor. Eifer. Dennoch nahm in der Epoche der Hang nach Seereisen eine andere Gestalt, die Quelle ward verschieden. Ich wäre in die fernste Südsee geschift u hätte ich nie einen wissenschaftlichen Zwek erfüllt.

Ich fühlte mich eingeengt, engbrüstig. Ein unbestim¯tes Streben nach dem Fernen u Ungewissen, alles was meine Phantasie stark rührte, die Gefahr des Meeres, der Wunsch Abentheuer zu bestehen u aus einer alltäglichen gemeinen Natur mich in eine Wunderwelt zu versezen, reizten mich damals an. Dazu schien mir dies das einzige Mittel sich dem Naturzustande zu nähern. […] Alles was auf bürgerliche Verhältnisse Bezug hatte wurde mir verächtlich, jede Gemächlichkeit des häuslichen Lebens u der feineren Welt ekelte mich an. Ich lebte in einer Ideenwelt, die mich von der wirklichen abzog. Der Umgang roher Menschen, das Ordenswesen der Unitisten interessirte mich auf eine sträfliche Weise. Wilhelms Abwesenheit (er war in Paris mit Campe) vermehrte die Crisis. Ich schrieb verrükte Briefe an meine Freunde u wurde mir selbst von Tage zu Tage unverständlicher.[…]

Weitere Schriften, Briefe und Tagebucheintragungen von Humboldt sind kostenlos im Internet sowohl in der Edition Humboldt digital der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften als auch im Deutschen Textarchiv zu finden.

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