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Kinokultur

09.10.2020

Wie Corona die Filmproduktion lahmlegt

Kreativ musste auch der Produzent der Fernsehkomödie „Karlsbad“, die im kommenden Jahr im Ersten ausgestrahlt werden soll, sein. Trotz Corona-Regeln konnten die Schauspieler Michael A. Grimm und Kara Wenham gemeinsam Tango tanzen.
Bild: BR/die film GmbH/Hendrik Heiden

Plus Unter Auflagen kann die Kino- und Fernsehbranche jetzt wieder arbeiten, doch die Sorgen vor einer Corona-Infektion sind groß. Ein Einblick in den neuen Alltag am Set.

Eine Schaufensterpuppe innig umarmen? Den Lebenspartner als Double für Liebesszenen einsetzen? Oder das Gegenüber durch eine Plexiglasscheibe küssen? Das klingt nicht gerade nach einem normalen Alltag beim Filmdreh. All das sind Dinge, die vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wären. Durch die Corona-Pandemie hat sich das geändert. Abstandsregelungen und Hygienevorschriften müssen auch am Set eingehalten werden und führen zu ungewöhnlichen Maßnahmen.

Mit seiner Hand greift Pförtner Frank nach seiner Tanzlehrerin Maresa. Ihre Oberkörper berühren sich für einen kurzen Moment, dann wird getanzt. Um solche Szenen in seiner Tango-Komödie „Karlsbad“ möglich zu machen, musste Produzent Uli Aselmann mit seinem Team auf einige Planungstricks zurückgreifen. Neben einem angepassten Drehplan, gab es beispielsweise bei der Wahl der Komparsen eine Besonderheit: Tanzpaare, die im Film zum Einsatz kommen, sollten auch im richtigen Leben gemeinsam tanzen und wohnen. War das nicht möglich, mussten die Darsteller sich vor dem Dreh in „Quasi-Quarantäne“, wie es der Produzent nennt, begeben. Schwimmbadbesuche, Feiern und große Menschenansammlungen sollten gemieden werden. „Generell hat uns das überschaubare Ensemble im Film geholfen, die Maßnahmen alle problemlos umzusetzen“, sagt Aselmann. Große Szenen mit vielen Komparsen, wie in einem Bahnhof oder einer Bar, seien durch Corona zur Zeit schlichtweg nicht möglich. „So viele Menschen aus gemeinsamen Haushalten zu finden, ist dann doch nicht ganz einfach“, scherzt er.

Filme unter Corona-Bedingungen: Der Lebenspartner springt als Körperdouble ein

Lebenspartner sind auch am Set der Serie „Dahoam is Dahoam“ seit Ende April gefragt. Für intimere Szenen, bei denen sich Schauspieler näher kommen müssen, hat sich das Team eine Notlösung überlegt: Plexiglasscheiben und Schaufensterpuppen erleichtern die Arbeit. Ist das aber nicht möglich, springt ein Lebenspartner der Schauspieler als Körperdouble ein. Auf Handlungsabläufe, bei denen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, wird aktuell noch immer verzichtet. Redakteurin Daniela Boehm erklärt: „Dafür mussten Geschichten umgeschrieben und bestehende Drehbücher angepasst werden.“ Mit angepassten Kameraperspektiven ließen sich auch vergrößerte Abstände zwischen den Darstellern teilweise verstecken.

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Mitte März hatten die Dreharbeiten der Serie für sechs Wochen pausiert. Genug Zeit für Produzent Robin von der Leyen, ein Sicherheits- und Hygienekonzept zu entwickeln. Durch die Corona-Pandemie hat sich auch der Ablauf in Garderobe und Maske verändert. Inzwischen habe jeder Seriendarsteller seine individuelle Maskentasche, die desinfiziert und luftdicht verschlossen werde. „Vor dem Dreh schminken sich die Schauspieler und ziehen sich die hergerichteten Kostüme selbst an“, sagt von der Leyen.

Keine Versicherung übernimmt den Produktionsausfall

Seit Beginn der Pandemie ist die Angst am Set ein ständiger Begleiter. Als die Weltgesundheitsorganisation das Virus zu einer Pandemie erklärte, brach für die Filmindustrie eine Welt zusammen. Produktionen können gegen Corona nicht versichert werden. Im Krankheitsfall pausieren die Dreharbeiten auf unbestimmte Zeit, die Kosten trägt der Produzent. Seit Monaten hofft die Branche deshalb auf Hilfe vom Staat. In England und Österreich haben die Regierungen bereits einen Rettungsschirm auf den Weg gebracht. Auch in Deutschland gibt es seit Anfang September einen beschränken Ausfallfond. Allerdings nur für Kinofilme.

 

„Eine Pandemie haben wir bis dahin nie als Gefahr in Deutschland wahrgenommen“, sagt Produzent Aselmann. Wie groß der Schaden beim Drehausfall eines Fernsehfilms ist, könne stark variieren, gibt er zu bedenken. Falle ein Schauspieler nur wenige Tage aus, sei das überschaubar. Kämpfe ein Darsteller aber Monate lang mit den Folgen einer Covid-19-Erkrankung, sehe das anders aus: „Dauert es länger als sieben Tage, ist es extrem teuer.“ Zwar, so Aselmann, hätten viele Sender temporär angeboten, zumindest die Hälfte der Kosten im Falle eines Drehstopps zu übernehmen, doch eine Erleichterung ist das nur bedingt: „Selbst die Hälfte von 200.000 Euro unerwarteter Mehrkosten sind für uns eine existenzielle Bedrohung.“

Neue "Tatort"-Folgen pausieren zwangsweise

Die aktuelle Situation in Deutschland bereitet auch Produzent Michael Polle Sorge. Zuletzt war für bestimmte, geförderte Kinoproduktionen und hochwertige Serien, sogenannte High-End Produktionen, ein Ausfallfonds durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters, bewilligt worden. Dieser gilt allerdings nicht für Produktionen wie einen „Tatort“. „Das Risiko trägt hier noch immer zur Hälfte der Produzent“, sagt Polle.

Die Dreharbeiten der beiden „Tatort“-Folgen zum 50-jährigen Jubiläum, die bereits im Herbst ausgestrahlt werden sollen, musste der Produzent unterbrechen. „Um den ersten Film abzuschließen, hatte uns nur eine Szene gefehlt“, erinnert er sich. Da in der Stadt München Drehgenehmigungen ab dem 23. März nicht mehr erteilt wurden, konnte nicht weitergearbeitet werden. In dieser Zeit sah sich Polle vor allem gegenüber den Mitarbeitern in der Verantwortung. Zwar sollten die Dreharbeiten so schnell wie möglich wieder starten, doch nicht um jedem Preis. „Die Sicherheit vor und hinter der Kamera stand für uns immer an erster Stelle“, betont er. Dass inzwischen auch der zweite Teil des Films abgedreht und in der Postproduktion ist, beschreibt er als logistische Meisterleistung. „Die Gefahr war da, dass wir nicht rechtzeitig zum Sendetermin fertig werden.“

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