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Staatstheater Augsburg

13.07.2020

Wie Desinfektions-Nebel die Augsburger Bühnenkunst retten soll

Desinfektionsnebel steigt aus vier Maschinen in den Zuschauerraum des Staatstheaters im Augsburger Martinipark.
Bild: Jens Burde, kn

Plus Am Augsburger Staatstheater wird ein Verfahren getestet, das große Spielstätten desinfizieren soll. Wäre es erfolgreich, könnte das in Corona-Zeiten nur nutzen.

Mehrere Männer stehen um ein Laptop herum. Gehen nah heran und wieder zurück, zeigen auf den Bildschirm, diskutieren. Der Computer steht auf einem Karton, dieser wiederum auf einem kleineren Wagen. Alles ein bisschen provisorisch. Blaue Kabel laufen vom Laptop weg durch eine Tür. Deren kleiner Spalt ist mit einer Folie abgedichtet. Nichts soll rein und raus. Das Laptop-Display zeigt blaue Kurven. Sie sehen aus wie das Höhenprofil einer hügeligen Tour-de-France-Etappe, die gegen Ende immer flacher wird. Zunächst stark aufwärts, am Ende lang gezogen runter. Es geht allerdings nicht um Radsport. Die Werte zeigen die Konzentration von Wasserstoffperoxiden in der Luft eines verschlossenen Raumes an.

Wasserstoffperoxiden soll Saal im Augsburger Staatstheater virenfrei machen

Der Raum ist nicht irgendein Raum. Er ist der Saal des Augsburger Staatstheaters im Martinipark und bietet Platz für 620 Zuschauer. Pro Spielzeit sind eigentlich 180 Aufführungen zu sehen – Oper, Ballett, Schauspiel. Normalerweise. Aber wegen Corona ist nun alles anders. Seit März gibt es keine Veranstaltung mehr. Covid-19 ist auch der Grund, warum die Männer, manche in Arbeitskleidung, manche in Straßenkleidung, auf einen Laptop starren. Zwei Stunden lang wird der Saal vernebelt – um möglicherweise Viren zu inaktivieren, wie es in der Fachsprache heißt. Ob das klappt, weiß noch niemand.

 

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Vor dem Test: Die Männer, Ingenieure der Firma Boga aus dem westfälischen Soest, rücken an. Der Chef ist dabei, sein Sohn, ein Systemberater der Firma sowie ein externer Hygieniker. Boga stellt Geräte her, die zur Luftbefeuchtung, Wasseraufbereitung und Körper-Desinfektion genutzt werden. Desinfektion, das Wort der Stunde! Hände desinfizieren? Mit Gel kein Problem. Aber die Oberflächen eines ganzen Theatersaals?

Ob das möglich ist, testen die Fachleute im Augsburger Staatstheater im Martinipark. Die Geräte der Firma werden „in Krankenhäusern, Lebensmittelbetrieben oder überall dort, wo eine keimarme beziehungsweise keimfreie Umgebung benötigt wird“, eingesetzt. So heißt es auf der Firmen-Homepage. Zur Luftbefeuchtung wird demineralisiertes Wasser genutzt. Boga gibt es seit 1990.

Also stehen da jetzt acht mobile Präzisionsvernebler des Typs „Rax“ im Saal. Zwei hinter der Bühne, zwei vor der Bühne, je zwei in den Gängen der Zuschauertribüne. Sie besitzen vier Rollen und sind etwa so groß wie ein Sideboard. Oben schaut ein breites Rohr heraus. Daraus dampft das Desinfektionsprodukt Funa RS05 heraus. In blauen Kanistern steht es im Bauch der Vernebler. 90 Minuten Vernebelung mithilfe von Ventilatoren, 30 Minuten Einwirkzeit.

Wenn die Konzentration des Desinfektionsmittels unter einem Grenzwert fällt, ist es für Menschen unbedenklich. Dann, nach zwei Stunden: Türen auf, Lüftungsanlage an.

Firma aus Westfalen führt kostenlose Testversuche Augsburger Staatstheater durch

Ein Kamerateam des Bayerischen Rundfunks filmt, ein Fotograf knipst. Der Hygieniker macht Tests, fängt an zu prüfen, ob sich noch Keime auf dem Interieur des Saals befinden. Am Donnerstag dieser Woche soll das Ergebnis feststehen. Dann weiß die Firma, ob sie auch die Oberflächen von größeren Räumen, nicht nur von Krankenhauszimmern, desinfizieren kann. Räume, die – wegen Corona – auf noch strengere Hygiene als zuvor angewiesen sind.

In Augsburg führen die Boga-Mitarbeiter zum ersten Mal einen solchen Test durch. Warum gerade hier, 555 Kilometer entfernt? Der Intendant des Augsburger Staatstheaters, André Bücker, 51, sagt: „Der Kontakt kam über Umwege zu Stande.“ Die Soester hätten den ersten Schritt gemacht.

 

Auch am Berliner Ensemble, kurz BE, übt übrigens ein Unternehmen den „Luftkrieg gegen Corona“, wie die Berliner Zeitung schreibt. Diese Firma sitzt in Oberding in der Nähe des Münchner Flughafens. Der Name: Bedo Production & Services. Sie hat viele Anfragen von Theatern, Museen und Bibliotheken aus dem In- und Ausland, wie es in der Süddeutschen Zeitung heißt. Ein Sprecher hat seit den Tests keine ruhige Minute mehr. Er sagt: „So etwas haben wir noch nicht erlebt.“

Bedo stellt jenes Desinfektionsmittel her, das auch die im Augsburger Theater testende Firma aus Soest benutzt. Unter „Unsere Mission“ ist auf der Firmen-Internetseite zu lesen: Bedo „entwickelt, produziert und vertreibt die besten biologischen Lösungen zur Desinfektion, Hygiene, Wasseraufbereitung und Schädlingsbekämpfung“. Die Firma bezeichnet sich als „Hygiene-Vorreiter in Zeiten von Covid-19“. Doch ein schriftlicher Beweis steht laut SZ noch aus.

Bedo aus Oberbayern, Boga aus Westfalen, Bayern und Preußen im Kampf gegen Corona. Wer ist Vorreiter? Joscha Dahlhoff, Chef bei Boga, sagt: „Wir machen unser Ding, andere machen ihrs.“ Er lege keine Energie in einen Wettstreit. Aber klar, „es wäre Wahnsinn, wenn wir Viren in Theatersälen inaktivieren könnten“. Das könnte ein gutes Geschäft werden. Die Unternehmen aus Soest und Oberding sind aber nicht die einzigen Desinfektionsspezialisten in Deutschland.

Augsburger Staatstheater: Intendant hofft auf fast volle Säle

Frage an den Augsburger Intendanten André Bücker: Wie schätzt er den Test ein? „Wenn es eine Chance gibt, die Ansteckungsgefahren zu verringern, ist das ein Fortschritt. Wir stehen dem offen gegenüber“, sagt Bücker, der sich in Augsburg am Ende seiner dritten Spielzeit befindet. Für das Theater jedenfalls sei der Test kostenlos. Der Intendant erklärt aber auch, dass die Theatervernebelung nur ein Teil des Hygienekonzepts für Vorstellungen sei. Solche Präzisionsvernebler dauerhaft zu nutzen, kann sich André Bücker, aufgewachsen in Osnabrück, vorstellen. „Eine Garantie, dass sich niemand beim Theaterbesuch ansteckt, gibt es aber nie.“

 

Trotzdem: Während der Corona-Krise müsse man alle Wege ausprobieren, so der Intendant. Den Test mit der Firma Boga mache er unabhängig davon, dass die Corona-Beschränkungen für Kulturschaffende in Bayern besonders streng seien. Er hofft, dass die Säle Mitte der nächsten Spielzeit wieder fast voll sind. Das erste Stück der neuen Spielzeit ist „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt. Hat das damit zu tun, dass Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Deutschland durch die Corona-Krise navigiert?

Wie dem auch sei. Das Staatstheater Augsburg bietet hingegen im Sommer und trotz Corona einen vollen Spielplan an. Einen Musicalabend auf der Freilichtbühne am Roten Tor und mehrere Veranstaltungen auf dem Kunstrasen im Martinipark. Draußen, an der frischen Luft, bei Sonne, bei Wind, da braucht es keine Vernebler.

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