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Fernsehen

23.01.2020

Wie bei Babylon Berlin: Das Erzählen in Serie boomt

Die beiden Hauptfiguren der Serie „Babylon Berlin“ treffen im Paternoster-Aufzug aufeinander: Ab morgen gibt es auf dem Bezahlsender Sky zwölf neue Folgen mit Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) zu sehen.
Bild: Frederic Batier, dpa

Plus Am Freitag startet die 3. Staffel von „Babylon Berlin“. Die erfolgreichste Serie aus Deutschland. Dabei hätten die Filmemacher den Serien-Trend fast verschlafen.

Am Freitag, 24. Januar, wird die Geschichte um den Kommissar Gereon Rath wieder fortgesetzt, dann geht es zurück in die 1920er Jahre. Jedenfalls für die Zuschauer, die ein Sky-Abonnement besitzen und dort reinschauen, wenn Deutschlands teuerste und international erfolgreiche Serie „Babylon Berlin“ in die dritte Runde geht. Als Vorlage für die neue Staffel dient Volker Kutschers zweiter Roman der Rath-Reihe „Der stumme Tod“. Die Handlung setzt zehn Monate nach dem Handlungsende der letzten Staffel ein. Nun ermitteln Volker Bruch und Liv Lisa Fries als Gereon Rath und Lotte Ritter in Berlin für zwölf neue Folgen.

Lange hatte es gedauert, bis der ungemeine Serienboom auch zu einer großen deutsche Produktion führte, die budget- und filmtechnisch den amerikanischen Serien gewachsen ist. Fast sah es so aus, als ob Deutschland zwischen Tatort, Trash-TV und Rosamunde-Pilcher-Fernsehspielen den neuen Trend völlig verschlafen würde. Möglich gemacht hat die Produktion erst eine ungewöhnliche Allianz zwischen der ARD und dem Bezahlsender Sky. Für diejenigen, die auf die Free-TV-Premiere warten, bedeutet das: Geduld. Dort läuft „Babylon Berlin“ im Herbst 2020 an.

Streaming boomt: 2019 sind 600 neue Staffeln angelaufen

Bis dahin werden viele andere neue Serien auf den großen Streaming-Portalen angelaufen sein. Die Maschinerie läuft auch im Jahr 2020 auf Hochtouren. Wie viel da jährlich an Neuem auf den Markt gelangt, verrät eine Zahl aus dem vergangenen Jahr. In den USA sind nach einer Zählung der Branchenjournalistin Liz Shannon Miller mehr als 600 Staffeln angelaufen – entweder als neue Serien oder als Fortsetzungen bereits bestehender Formate – darunter zum Beispiel das weltweit herbeigesehnte Finale der Game-of-Thrones-Saga. Allein der Streamingdienst und Branchengigant Netflix hat in diesem Zeitraum 159 neue Serien-Staffeln ausgestrahlt.

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Man kann also sagen: Nie gab es mehr in Serie. Es gibt die Stars des Genres, über die fast alle Serienfans sprechen können, und es gibt Serien, die von Anfang an für einen kleineren Teil des Publikums geschrieben worden waren: Action-Serien, Science-Fiction-Serien, Superhelden-Serien, Comedy-Serien, Drama-Serien, Sitcom-Serien, Horror-, Zeichentrick-, Doku-Serien. Man könnte sagen, mittlerweile gibt es einfach alles als Serie.

Auch Disney und Apple haben gerade erst neue Streaming-Portale gestartet

Und zusätzlich zu diesem ständig wachsenden Angebot sind in den letzten Monaten auch zwei neue, schwergewichtige Streaming-Anbieter hinzugekommen, die etwas von dem Wachstumsmarkt abhaben möchten und deshalb eigene, neue Formate kreieren: der Computerriese Apple und der Unterhaltungsgigant Disney.

Wenn der Drehbuchautor und Produzent Prof. Taç Romey, der an der Hochschule für Fernsehen und Film München serielles Schreiben lehrt, recht behält, ist der Boom des seriellen Erzählens noch lange nicht vorbei. „Jede Plattform braucht ein eigenes Profil und ein eigenes Programm, um sich abzugrenzen“, sagt er. Der potenziell-mögliche Markt für die großen Streaming-Dienste sei in Deutschland noch gar nicht ausgeschöpft, weil ja noch nicht alle Haushalte ans schnelle Internet angebunden seien. Da gäbe es noch Potenzial an neuen Kunden. Und wenn die selbstfahrenden Autos einmal die Straßen erobern werden, werde schlagartig viel Zeit frei, in der Medieninhalte, sprich neue Serien, angeschaut werden können.

Mit dem Siegeszug eines neuen Speichermediums fing es an

Kaum ein Format hat in den zurückliegenden 20 Jahren einen solchen Wandel und eine solche Aufwertung wie die Serie erlebt. Früher gehörten Serien im Zeitalter des analogen Fernsehens und auch der Kabelanbieter in der Regel zur leichten Unterhaltung. Erzählt wurde in jeder neuen Folge eine Geschichte, die abgeschlossen wird. Jeder Zuschauer sollte stets die Möglichkeit haben, neu einsteigen zu können.

Für den Drehbuchautor und Produzenten Romey änderte sich mit der Einführung der DVDs, auf denen ganze Serien-Staffeln gebündelt werden konnten, etwas Grundlegendes. Zwischen 2000 und 2005 setzte der Siegeszug dieses neuen Speichermediums ein und verdrängte bis 2008 die VHS-Kassetten. Die DVDs boten die Möglichkeit, Serien entkoppelt von festen Sendezeiten in viel höherer Frequenz zu schauen. Das erlaubte es, die Handlung der Serie nicht mehr am Ende einer Folge abzuschließen, sondern die Stoffe fortzuspinnen.

Als Meilenstein gilt bis heute das Mafia-Epos „The Sopranos“, das der US-Bezahlsender HBO 1999 auszustrahlen begann. Es inspirierte viele weitere Sender, Produzenten, Drehbuchschreiber und Regisseure, das Format „Serie“ neu zu erfinden. In „The Sopranos“ ist ein Mafiaboss zu sehen, der zum Psychotherapeuten geht – eine komplexe, widersprüchliche Figur, hier Macho und dort zerbrechlich. Das war neu.

Netflix startete 2013 mit "House of Cards" seine erste eigene produzierte Serie

Die Geschichte um Tony Soprano entwickelt sich Folge für Folge weiter, in kleinen, mittleren und großen Spannungsbögen, 86 Folgen, die die Wirkung und Wucht eines großen Gesellschaftsromans haben. Eine Serie mit hohem künstlerischen Anspruch, die vom Leben und von der Welt auf neue Weise erzählt. Das war die Blaupause für alles Kommende. Es folgten weitere großartige, hochgelobte Serien wie „The Wire“, „Breaking Bad“, „Mad Men“ und viele mehr.

Dann geschah wieder etwas auf technischer Seite: Netflix entwickelte sich 2007 von einem Unternehmen, das per Post DVDs auslieh, zu einem Streaming-Anbieter. Spätestens als Netflix 2013 mit „House of Cards“ seine erste hochwertige Eigenproduktion mit Starschauspielern präsentierte, war klar, dass die neuen Möglichkeiten des schnellen Internets nicht nur Verteiler von Fernsehinhalten, sondern auch neue Produzenten von Inhalten hervorbringt. Amazon und später Apple folgten diesem Beispiel.

Mittlerweile erscheinen so viele neue Serien pro Jahr, dass einem schwindelt. Von einem Überangebot möchte Drehbuchautor und Produzent Romey dabei aber nicht sprechen: „Lieber habe ich mehr Inhalte und suche mir darin aus, was zu mir passt.“

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