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Ausstellung

17.05.2018

Wie das Wandern zur Lust wurde

Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" (Ausschnitt).
Bild: Hamburger Kunsthalle, dpa

 Vor 200 Jahren begannen die Menschen, Landschaft neu zu erleben. Jetzt widmet sich eine Berliner Schau der Erfindung des Wanderns.

Es ist kaum zu glauben: Gewandert wird seit Jahrtausenden, es gibt Chroniken und Bücher, die davon berichten. Aber die Schau „Wanderlust“ in Berlin ist die erste Kunstausstellung überhaupt zu dem Thema. Heute hat das Wandern ja auch Konjunktur, wird als Entschleunigung begriffen.

Der beruflich, auch privat gehetzte Mensch ist zwar schon alltäglich in den sozialen Medien unterwegs, aber die Sehnsucht nach Langsamkeit, Ruhe und Naturerlebnis nimmt ständig zu. Etwa 40 Millionen Deutsche wandern, Menschen aller gesellschaftlichen Schichten – das Wandern ist nicht mehr nur des Müllers Lust.

Die „Bergsteigerin“ von Jens Ferdinand Willumsen.
Bild: Statens Museum for Kunst/dpa

Das war schon vor 200 Jahren so. In diese Zeit werden die Besucher in der Alten Nationalgalerie geführt, auf einem großen Rundgang, der als Wanderung, auch als Pilgerweg angelegt ist. Die Wanderburschen und ihre Frauen erlebten vor zwei Jahrhunderten die beginnende Industrialisierung, ein gewaltiger Einschnitt in das bis dahin überschaubare Leben und Arbeiten. Hinzu kamen politische Umbrüche, Kriege und allerlei andere Übel. Da gab es die Fluchtmöglichkeit Wandern.

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Die Natur wurde davor als lästig erachtet

Der alte Fußmarsch wurde ab etwa 1800 modernisiert, eine neue Kulturtechnik bildete sich heraus. Mit im Spiel waren bekannte Künstler: etwa Paul Gauguin und Gustave Courbet in Frankreich, in Deutschland Caspar David Friedrich, dessen „Wanderer über dem Nebelmeer“ zu seinen berühmtesten Gemälden gehört. Die Kuratoren der Ausstellung haben Unglaubliches bis aus abgelegenen Depots geholt, manches – meist von unbekannten Malern – verstaubte in Kammern und Kellern in Kopenhagen, Paris, Prag, Moskau.

Wandern wurde seinerzeit entdeckt als ästhetisches Erlebnis. Zuvor hatte man die Natur viel gleichgültiger hingenommen, man betrat sie und marschierte durch. Sie war lästig mit ihrem Regen und den Tieren, den Postkutschen auf langen Fahrten. Doch dann schrieb damals Jean-Jacques Rousseau: „Ich sehe nichts als Feindseligkeit auf den Gesichtern der Menschen, die Natur hingegen lächelt mir beständig.“

Das war die Wende. Auf einmal wurde die Natur als mystisch empfunden, Wald und Feld als Seelenorte, Berge als Wege zu Gott. Vor allem die deutschen Romantiker gerieten außer Rand und Band. Das zeigen auch die ausgestellten 120 Werke. Caspar David Friedrich lief von Dresden in die Sächsische Schweiz und ins Riesengebirge, wanderte nach Neubrandenburg, Greifswald und auf die Insel Rügen. Wandern versprach Individualität und Intensivierung des Lebens.

Ein wahres Hochgefühl: Eine Brotzeit auf dem Gipfel.
Bild: Andreas Gebert

Frauen, übrigens, wanderten mit. Bis dahin hatten sie nur spazieren dürfen. Der Däne Jens Ferdinand Willumsen hat 1912 seine Ehefrau mit langem Rock, Hut und Stock porträtiert. Richard Riemenschneider schuf 1895 das Gemälde „Dame im Reformkleid“. Rousseaus „Zurück zur Natur“ bezog alle ein. Das zeigen die vielen Wanderszenen. Die Ersten, die so malten, waren die Schweizer Caspar Wolf und Heinrich Wüest. Stets spielte die erhabene Einsamkeit eine Rolle, gern über allen Gipfeln und den Palmen bis in den Süden Italiens. Spitzweg, später Barlach, Kirchner, Nolde oder Dix waren dabei.

Um 1900 gründete sich die Wandervogelbewegung, ihr Motto hieß „auf Fahrt“, die Welt wurde mit anderen Augen gesehen. Das war die Vorbereitung für das heutige Genusswandern, das längst zum Mainstream geworden ist. Es ist eine demokratische Kulturpraxis, alle können teilhaben, mit oder ohne Wanderhütchen und Stock.

"Wanderlust – von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir": Bis zum 16. September in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Öffnungszeiten: Di–So 10–18, Do 10–20 Uhr. Der Katalog (Hirmer Verlag) kostet 29 Euro.

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