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Ausstellung

21.07.2020

Wie die Künstlerin Sophie Calle dem Verschwinden nachspürt

Die Künstlerin Sophie Calle.
Bild: Yvea Géant/KMR

Plus Die französische Konzeptkünstlerin fragt in einer starken Werkschau im Kunstmuseum Ravensburg: „Was bleibt?“ Und schaut dabei auch in unsere Adressbücher.

Sophie Calle ist eine Fährtenleserin. Sie spürt dem Verschwinden nach, sie umkreist Biografien, Individualität, Leerstellen – und Gräber. Die Pariser Konzeptkünstlerin stellt persönliche Fragen: Was ist das letzte Bild, das Erblindete in ihrem Gedächtnis aufrufen können? Welche Erinnerungen haben Anwohner an nach der Wende entfernte Denkmäler, Plaketten und Inschriften aus der DDR-Zeit in Ost-Berlin? Wie ist ihre Haltung zum Abmontierten, Abgeschraubten, Ausgelöschten? Das Echo der Abwesenheit lässt diese Künstlerin nicht los.

Der größte Verschwindenlasser aber ist der Tod. Wie gehen wir mit dem Tod um – ganz banal, in unseren Telefonverzeichnissen? Sophie Calle stellt uns diese Frage in ihrem Werk „Série Noire“ ganz direkt. Jeder ist angesprochen. Und so simpel die kühl insistierenden Nachfragen sind – es geht ans Eingemachte:

Was machen Sie mit Ihren Toten? In Ihrem Adressbuch, schreiben Sie „tot“ neben den Namen? Malen Sie ein Kreuz, ein Grab? Fügen Sie das Todesdatum dazu? Streichen Sie den Namen (durch)? Überpinseln Sie ihn mit Tipp-Ex? Machen Sie nichts? Haben Sie eine persönliche Methode? In Ihrem elektronischen Adressbuch? Löschen Sie den Namen? Löschen Sie ihn sofort? Löschen Sie ihn, wenn Sie nicht mehr an den Tod denken? Wenn Sie zuviel daran denken? Löschen Sie einen entfernten Freund, aber nicht Ihren Vater?

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Die erste große Schau in Deutschland seit langem

Im Kunstmuseum Ravensburg, das jetzt die erste große Sophie-Calle-Werkschau in Deutschland seit über 15 Jahren zeigt, wurde ein treffender Titel für die Ausstellung gefunden: „Was bleibt?“ Sophie Calle, geboren 1953 in Paris als Tochter eines Kunsthändlers und einer Chirurgin (die Eltern und ihr Sterben sind Teil einer großen Arbeit, die in Ravensburg zu sehen ist), ist seit Anfang der 1980er Jahre als Konzeptkünstlerin hervorgetreten und gilt als eine der einflussreichsten Künstlerinnen weltweit.

Den Abschied von ihrer Katze hat Sophie Calle zelebriert und dokumentiert und zum Teil einer sehr persönlichen Arbeit gemacht. Fotografie ist ein zentrales Element ihrer Konzeptkunst.

Die Französin setzt sich immer wieder selbst als Beobachterin in ihre Werkserien ein – und als Beobachtete. Sie begann einst, nach der Rückkehr von einer jahrelangen Weltreise, in Paris Passanten zu beschatten und legte Dossiers dieser detektivischen Verfolgungen an – Fotos und Notizen. Später drehte sie die Situation um und bat ihre Mutter, einen Detektiv zu beauftragen, sie selbst zu beschatten und auszukundschaften. Aus dem Bericht des Detektivs, dem wiederum ein Freund Calles heimlich folgte, entstand die Arbeit „Der Schatten“. Für „Die Schläfer“ lud sie 45 Menschen ein – Bekannte wie Unbekannte –, eine Nacht in ihrem Bett zu schlafen und sich dabei von ihr fotografieren zu lassen. Aus zufälligen Spuren, aus Partikeln eines Lebens das Bild eines anderen zusammensetzen – das tat Sophie Calle auch in ihrer Arbeit „Das Adressbuch“. Sie hatte 1983 ein solches Adressbuch in Paris auf der Straße gefunden, kopierte es und schickte das Original an den Besitzer zurück. Dann begann die Künstlerin, Leute aus dem Adressbuch anzurufen, sich mit ihnen zu treffen und sie nach dem Eigentümer zu befragen. Diese Recherchen flossen in eine Zeitungskolumne in Libération. Das Puzzle, mit dem ein Bild des Unbekannten entstand, wurde zu einem Skandal. Die Texte sind erst jüngst in deutscher Übersetzung erstmals bei Suhrkamp erschienen.

Herumschnüffeln und Neugier auf zufällige Biografien – das prägt auch das Werk „Hotel“, wofür sich Sophie Calle als Zimmermädchen in Venedig anstellen ließ und in den Zimmern der Hotelgäste persönliche Gegenstände erforschte.

"Les Tombes": Eine Medidation über den Verlust

Ihre Arbeiten sind Erzählungen, die sie mit Texttafeln und Fotografien musealisiert. In Ravensburg liegen riesige gerahmte Fotografien auf dem Boden: Bilder von Grabstätten auf einem Friedhof nahe San Francisco. Auf den Fotografien der Serie „Les Tombes“ (Die Gräber) hat die Künstlerin Namen ausgespart – nur die in Stein gehauenen Tafeln mit den Verwandtschaftsbeziehungen zu den Toten sind zu lesen. „Vater“, „Mutter“, „Schwester“, „Ehemann“. Eine Meditation über das Wegbrechen von Rollen, über Verlust und Beziehungen.

Wie bei ihrem Landsmann Christian Boltanski spielt im Werk Sophie Calles die Erinnerung eine große Rolle. Das heißt auch: Es geht um Faktoren, die Erinnerung formen. Zufälle, Fiktion, Sehnsüchte, Gefühle. In zwei großen Werkkomplexen, die in Ravensburg gezeigt werden, hat Calle sich mit „Nachbildern“ und Blindheit befasst. In „Die Blinden“ befragte sie von Geburt an Blinde nach ihrer Vorstellung von Schönheit – und bebilderte die Aussagen mit Porträts der Blinden und Fotos ihrer Imaginationen. 24 Jahre später griff Sophie Calle das Thema wieder auf, als sie 2010 in Istanbul für „Das letzte Bild“ Menschen, die durch Unfall oder Krankheit ihr Augenlicht verloren haben, nach ihrer letzten bewussten Bildwahrnehmung befragte und diese dann fotografisch nachempfand. Sophie Calle stößt auf bewegende Abenteuer des Menschseins.

Abschied von den eigenen Eltern und der geliebten Katze

Die persönlichste Arbeit in Ravensburg aber gilt Sophie Calles Abschied von ihren Eltern und ihrer geliebten Katze „Souris“. In „Meine Mutter, meine Katze und mein Vater – in dieser Reihenfolge“ (2012-2019) erinnert sich die Künstlerin an die geliebten Begleiter, beschreibt die Zeit des Abschiednehmens. Tagebuchauszüge, letzte Worte, Fotos, Gedanken. So ergreifend manche Passagen und Bilder sind – in der künstlerischen Verarbeitung, in der perfekten ästhetischen Form und glatten Umsetzung schafft Calle mit ihren künstlerischen Mitteln Distanz und Gültigkeit über das Persönliche hinaus.

Bis 27. September im Kunstmuseum Ravensburg. Öffnungzeiten: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr.

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