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31.07.2020

Wie ein US-Soldat in Afghanistan für immer verletzt wird

Isaac hilft seinem Vater Brian, der schwer verletzt aus dem Afghanistan-Krieg heimgekehrt ist, zu sehen in der Doku „Father Soldier Son“.
Bild: Marcus Yam, Netflix

Mit Einfühlungsvermögen erzählt die Netflix-Doku „Father Soldier Son“ von der Rückkehr eines US-Soldaten aus dem Krieg.

Isaac winkt, obwohl hinter dem Fenster des Terminals noch niemand zu sehen ist. Sechs Monate hat der Zwölfjährige auf seinen Vater gewartet, der als US-Soldat in Afghanistan im Einsatz ist. Es sei, als trage er ein 25 Kilo schweres Gewicht auf seinen Schultern, erklärt der Junge. Wenig später umarmen Sgt. Brian Eisch, Isaac und dessen jüngerer Bruder Joey einander weinend, während die Zuschauer am Flughafen dem Kriegsheimkehrer applaudieren. Eine sentimentale Szene, die jedoch in Leslie Davis’ und Catrin Einhorns „Father Soldier Son“ für sich steht, ohne den Ton der differenzierten Dokumentation zu verzerren.

Man schreibt das Jahr 2010. Präsident Obama hat gerade angekündigt 30 000 weitere US-Soldaten nach Afghanistan zu entsenden. Die beiden Journalistinnen der New York Times wollten über zwölf Monate einen der Soldaten durch die Zeit des Einsatzes begleiten und bauen ihre Studie schließlich zu einer neunjährigen Langzeitdokumentation aus. Brian Eisch trifft die Einberufung besonders schwer. Seit der Scheidung ist er allein erziehender Vater zweier Söhne, die für ein Jahr bei ihrem Onkel untergebracht werden und um ihren Daddy bangen. Nach dem zweiwöchigen Urlaub mit seinen Kindern, muss Brian erneut in den Kriegseinsatz – und kehrt schwer verletzt zurück. Das Bein muss schließlich amputiert werden, was das Leben der Familie grundlegend verändert.

"Father Soldier Son" erzählt, wie dem Soldaten der Boden wegbricht

Wie sein Vater und Großvater hat sich Brian aus voller Überzeugung in den Dienst der US-Army begeben. Aber die Ehrungen und Medaillen, die er nach seiner Verletzung bekommt, können das angeknackste Selbstbewusstsein des Kriegsinvaliden nur notdürftig stützen. Das leben in der Army hat ihm die gesellschaftliche Anerkennung verschafft, die er mit einem Nierdiglohn-Job nie bekommen hätte. Brian hat sich immer über seine körperlichen Fähigkeiten definiert. Nun kann er nicht mal mehr mit seinen Söhnen angeln gehen. Mit der Dienstuntauglichkeit bricht ihm der Boden unter den Füßen weg.

Wie ein US-Soldat in Afghanistan für immer verletzt wird

Auch wenn er eine neue Liebe findet, zieht sich Brian immer mehr in die Videospielwelt zurück, wo er virtuell wieder ins Feld ziehen kann. Die Wunde verheilt schlecht. Die Schmerzen hören nicht auf. An eine Prothese ist noch nicht zu denken. Die Söhne sehen, wie das Idol des Vaters vor ihren Augen in sich zusammensinkt und stemmen sich dagegen. Nur langsam findet der Vater aus der Krise heraus.

Gut zuhören und genau hinsehen – es sind diese einfachen Grundtugenden des Dokumentarfilms, welche die Netflix-Dokumentation „Father Soldier Son“ auszeichnen. Mit Sensibilität und analytischer Schärfe nähern sich die Journalistinnen dem Schicksal der Soldatenfamilie an, in der Patriotismus und Männlichkeitsbilder vom Vater auf den Sohn weitergegeben werden. Tagespolitische Fragestellungen oder pazifistische Botschaften bleiben hier außen vor. Es geht allein darum, den Menschen in der Uniform zu erkennen – in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und mit dem sozialen Umfeld, das ihn umgibt. Diese Aufgabe erfüllt der Film bis hin zu seinem tieftraurigen Happy End mit unerbittlichem Einfühlungsvermögen.

"Father Soldier Son" läuft auf dem Streaming-Portal Netflix (99 Minuten)

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