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Lockdown

24.01.2021

Wie gehen Kulturveranstalter mit der Corona-Krise um?

Wann werden sich die Fans wieder in den Hallen drängen wie hier bei der „Freiwild“-Tournee im Dezember 2019 in der BigBox Allgäu in Kempten? Die Kulturveranstalter befinden sich derzeit total im Blindflug.
Bild: Matthias Becker

Plus Die Anbieter von Kultur warten sehnlichst darauf, wieder Programm machen zu können. Verbindlich zu planen, hat aktuell jedoch seine Tücken.

Sie würden lieber heute als morgen wieder loslegen, Programme zu entwerfen, Hallen zu reservieren und Künstler zu engagieren. Aber: „Es geht alles viel auf Zuruf“, sagt Benjamin Sahler, der Leiter des Ludwig-Festspielhauses in Füssen. Denn die Kulturveranstalter sind in Coronazeiten voll und ganz auf die Ansagen der Politik angewiesen – und die muss sich von Monat zu Monat durch die Krise hangeln.

Wie sollte man in so einem Jahr verbindlich planen? Sandro Engelmann, stellvertretender Geschäftsführer des Konzertbüros Augsburg, spricht von einem riskanten Blindflug. „Wir können kein bestimmtes Datum festlegen, ab wann auf den Bühnen wieder etwas geht. Ich glaube, nicht vor Ostern.“ Und auch dann werde der Betrieb erst Stück für Stück wieder anlaufen, vermutlich zunächst mit reduzierten Zuschauerzahlen, mit Abstand und Hygienekonzept.

Wer wird überhaupt überleben?

Veranstalter brauchen Rechtssicherheit, denn sobald sie Verträge mit Künstlern schließen, stehen sie in der Haftung. Zudem haben sich die Belegschaften der Hallenbetreiber in alle Winde zerstreut. Sie mussten schauen, wo sie in der Flaute ihr Geld verdienen. Welche Location wird überhaupt den Lockdown überleben? „Ich fürchte, dass nicht alle Veranstaltungsstätten die Krise bestehen“, sagt Engelmann.

Gebucht seien die Säle jetzt oft schon mit den im Jahr 2020 coronabedingt verschobenen Auftritten, sodass sich das Konzertbüro Augsburg bereits mit den Touren 2022 beschäftigt. Würde nochmals verschoben werden müssen, ergäbe es im Booking riesige Probleme. „Die Künstler scharren mit den Hufen“, weiß Engelmann. Nur die bekanntesten konnten sich mit Fernsehauftritten etwas verdienen; die vielen anderen von der Kleinkunst brauchen die Bühne und vor allem das Publikum, um sich zu entfalten.

Auf unvergleichliche Erlebnisse im Theatersaal setzt auch Benjamin Sahler. Sein Ludwig-Festspielhaus sei diesbezüglich doppelt attraktiv: drinnen das packende Musical und draußen das Alpenpanorama mit den Königsschlössern. „Das gibt es nur live“, so Sahler. Zu Weihnachten habe er als Lebenszeichen des Festspielhauses ein Streaming-Programm gemacht, „aber der Zauber überträgt sich nicht“. Dazu seien echte, wahrhaftige Darsteller nötig; auch die Zuschauer seien konzentrierter dabei. „Der schlimmste Fall wäre, wenn sich durch Lockdown die Leute daran gewöhnt hätten, auf dem Sofa vor dem Bildschirm zu sitzen“, gruselt sich Sahler.

Münchens Tollwood-Festival musste 2020 erstmals in seiner 32-jährigen Geschichte abgesagt werden.
Bild: Ralf Lienert

Das Festspielhaus möchte baldmöglich wieder in Betrieb gehen – „zuerst mit unseren Repertoirestücken, dem Ludwig-Musical und der Päpstin“. Im Juli will Sahler dann in Füssen das Zeppelin-Musical von Ralph Siegel uraufführen. Er würde anfangs auch spielen, wenn nur 200 oder 300 Gäste im Theater säßen. Hauptsache, das Ensemble kommt wieder in Schwung. Ab 500 Tickets kann das Festspielhaus, das 1350 Plätze hat, wirtschaftlich spielen. Im Sommer soll es auch wieder Freiluftveranstaltungen am Forggensee geben, etwa mit Haindling, Sarah Connor, Xavier Naidoo und Roland Kaiser. „Auch für Besucher, die sich noch nicht in die Säle trauen.“

Die BigBox Allgäu in Kempten, mit bis zu 8500 Steh- bzw. 4000 Sitzplätzen eine große Halle, hat das Veranstaltungsjahr 2021 eigentlich voll gebucht. Viele Termine aus dem ersten Lockdown wurden verlegt. Aber auch davon werden einige unter den Tisch fallen. „Wir gehen davon aus, dass wir ab Herbst wieder anfangen können“, sagt Marketingleiterin Ramona Kloos. Die BigBox fährt dann etliche Highlights auf: Otto, Hubert von Goisern, Reinhold Meßner, Maxi Schafroth, Günther Grünwald. Gerhard Polt ist schon ausverkauft, Luke Mockridge sogar zweimal. Längst geht das Booking ins Jahr 2022, damit der Vorverkauf zeitig starten kann. Letzte Gewissheit hat Ramona Kloos nicht. „Die Leute werden vorsichtiger sein“, sagt sie voraus. Es hängt von der Zahl der Geimpften ab und was ihnen dann erlaubt ist.

Werbung ist derzeit noch nicht geboten

„Es bleibt eine Hängepartie“, bestätigt Richard King, der Sprecher der Ratiopharm-Arena Neu-Ulm. Die Arena habe die besten Voraussetzungen mit getrennten Eingängen, einer hochmodernen Lüftung und viel Platz. Trotzdem werde es September werden, bis wieder Konzerte stattfinden können. King hat noch Termine im Frühjahr stehen – „aber man kann nichts bewerben“.

So lange hat das Münchner Tollwood Sommerfestival nicht Zeit. „Wir müssen irgendwann entscheiden, spätestens im April, denn wir brauchen Vorlaufzeit. Wir sind kein kleines Festival“, sagt Sprecherin Christiane Stenzel. Momentan würden verschiedene Varianten durchgespielt, wie das Festival den Hygieneauflagen gerecht werden kann: „Die Sicherheit und Gesundheit unserer Besucherinnen und Besucher geht vor“. Eventuell müsse man das Gelände im Olympiapark einzäunen und Besucher-Höchstzahlen festlegen. Bedarf sieht Stenzel auf jeden Fall: „Ich glaube, die Leute sehnen sich nach Tollwood.“ Im Vorjahr musste das Publikum auf beide Festivals verzichten – erstmals in der 32-jährigen Geschichte. Üblicherweise zieht Tollwood 1,5 Millionen Besucher pro Jahr an. Das Line-up der Künstler bleibt bestehen wie 2020, etwa mit Spider Murphy Gang, Element of Crime, Revolverheld, Sting, Patti Smith.

Wenn es sein muss vor wenig Publikum

„Ach herrje!“, seufzt Sebastian Heerwart, der Geschäftsführer der Freilichtbühne Altusried, über das Jahr 2021. „Wir spüren, dass es sehr viel schwieriger wird zu sagen, ob wir spielen oder nicht.“ Die Altusrieder wollen spielen, „Ronja Räubertochter“ wenigstens in einer reduzierten Besetzung und, wenn es sein muss, vor weniger Zuschauern. Das Stück war 2020 aufführungsreif und für 2022 gibt es schon weitere Pläne. Immerhin hofft Heerwart, im August die Open-Air-Konzerte auf der Altusrieder Freiluftbühne, die 2500 Plätze bietet, zu stemmen: Sechs Konzerte wurden vom Vorjahr verlegt – darunter Rainhard Fendrich, The Bosshoss und die Egerländer. Zwei weitere kommen dazu, nämlich „Rock the Opera“ und die Spider Murphy Gang.

Unabhängiger von Pandemie-Lagen möchte Augsburgs Tourismusdirektor Götz Beck seinen Kongress am Park machen. Im Lockdown hat er die Halle für Hybridveranstaltungen aufgerüstet, sodass auch digital etwas stattfinden kann – Tagungen ebenso wie Auftritte. „Es ist eine große Chance für Veranstalter, dass wir auch virtuelle Räume aufbauen können“, sagt Beck. Denkbar sei es, dass zum Beispiel die Kabarettistin Monika Gruber live auf der Bühne vor Publikum spielt und sich gleichzeitig Zuschauer zu Hause digital zuschalten. So werde man Interessenten gerecht, die sich noch nicht unter viele Menschen trauen. Für die Konzerte der Augsburger Philharmoniker in der Kongresshalle wird diese Verbreitung freilich eher nicht infrage kommen.

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Sommer der Absagen: Wie die Krise Festivals, Konzerte und Theater trifft

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